Letzte Vorlesung

Vom Flüchtlingskind zur Professorin: Barbara Schellewald, die DDR und die Uni Basel

Lebt für ihre Arbeit: Barbara Schellewald in der Bibliothek des Kunstmuseums.

Lebt für ihre Arbeit: Barbara Schellewald in der Bibliothek des Kunstmuseums.

Nach 15 Jahren am Kunsthistorischen Institut wird Barbara Schellewald emeritiert –aber sie arbeitet weiterhin.

Es ist ein regnerischer Dienstagnachmittag im Oktober. Professorin Barbara Schellewald steht neben dem Pult im Vorlesungssaal der alten Universität am Rheinsprung. Wenn sie aus Archivberichten und Briefen vorliest, setzt sie ihre schwarz umrandete Brille auf. Wenn sie aber von ihren Forschungsreisen erzählt, nimmt sie die Brille ab und spricht ihre Studierenden direkt an. An diesem Dienstag geht es um die aktuelle Modekollektion von Dolce&Gabbana und deren Referenz zu den mittelalterlichen Ikonen aus Byzanz. Schellewald betont immer wieder, wie wichtig es ist die Kunstgeschichte des Mittelalters zu kennen, um die Bezüge zu entdecken, die auch noch heute viele Künstlerinnen und Designer herstellen.

Barbara Schellewald ist Ordinaria für Allgemeine Kunstgeschichte des Mittelalters an der Universität Basel. Die Professur hat sie mittlerweile seit 15 Jahren inne. Diese Vorlesung ist ihre letzte. Ende Semester wird sie emeritiert. Für ihre Abschiedsvorlesung ist sie noch einmal über die Bücher gegangen, hat alle Themen gesammelt, die über die Jahre liegen geblieben sind und hat eine Vorlesung unter dem anschaulichen Titel «Was ich noch sagen wollte» gestaltet. «Die letzte Vorlesung kann nicht das Gängige sein. Sie ist entweder ein Rückblick oder, wie in meinem Fall ein Ausblick darauf, was man in Zukunft noch von mir hören und lesen wird», sagt sie. Und so erzählt Barbara Schellewald mit humorvollen Anekdoten und anschaulichen Geschichten von ihrer Forschung. Sie nimmt die Studierenden mit auf ihre Entdeckungsreisen, erzählt, wie sie Archive besuchte, endlich fand, was sie schon lange suchte, von Kapelle zu Kapelle reiste, recherchierte und Zusammenhänge feststellte.

Keine Pause trotz Emeritierung 

Beim Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» am Mittwochvormittag in ihrem Büro am Kunsthistorischen Seminar, wird deutlich: Die Emeritierung bedeutet für Barbara Schellewald keinesfalls eine Ruhepause. «Um es ganz deutlich zu sagen, ich werde nicht aufhören zu arbeiten.» Für die Zeit danach hat sie schon allerhand Pläne. «So bin ich sozialisiert», sagt Schellewald. Was sie vermissen wird, sind die Studierenden. Es habe ihr immer viel Freude bereitet, ihre Begeisterung für das Fach auf die Studierenden überspringen zu lassen. Diese Art der Lehre hat sie von ihrem Doktorvater Horst Hallensleben in Bonn übernommen. «Er war ein ungewöhnlicher Mann. Jede Vorlesung war ein Bericht aus seinen aktuellen Forschungen,» sagt sie. Als Schellewald bei ihm im ersten Seminar sass, wusste sie: Das ist es. Von da an war klar, sie wird sich der Mittelalterforschung verschreiben.

Kurz zuvor hatte sie noch andere Pläne. Eigentlich wollte sie Medizinerin werden. Als dann aber ein Wartesemester anstand, hat sie begonnen in Heidelberg Kunstgeschichte zu studieren und sich in das Fach verliebt. Von da an, lief ihre Karriere rund. Es folgten die Promotion in Bonn, Tätigkeiten an der Universität Marburg und eine langjährige Vertretungsprofessur in Bochum. Ohne viel Aufwand erhielt sie daraufhin schon bald den Ruf nach Leipzig. Kurz nach der Wende wurden in der ehemaligen DDR viele Stellen mit Professoren aus Westdeutschland besetzt. Später kehrte Schellewald nach Bonn zurück.

Als Flüchtlingskind aus der DDR in den Westen

Der Kindheitswunsch Medizin zu studieren kam nicht von ungefähr. Schellewalds Vater war Mediziner. Er starb allerdings bereits, als sie ein Jahr alt war. Grossgezogen hat ihre Mutter sie und ihre drei Geschwister von da an alleine. Die Familie lebte damals in der DDR. Schellewald war eine Nachzüglerin. Ihre Geschwister sind einiges älter als sie selbst und von dem verstorbenen ersten Mann ihrer Mutter. «Aber da haben wir nie einen Unterschied gemacht», sagt sie. 1957, als der Checkpoint Charlie in Berlin noch offen war, flüchtete die Familie nach Westdeutschland. «Meine Mutter brachte uns vier nach und nach über die Grenze. Wir konnten nur eine kleine Tasche mitnehmen. Sonst wären wir aufgeflogen. Es sollte aussehen, als ob wir nur zum Einkaufen in den Westen fahren würden.»

Durch ihre Familiensituation sei sie mit dem Selbstverständnis gross geworden, dass es normal ist als Frau vieles alleine zu schaffen. Diese Erfahrungen lehrten sie eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen, die ihr in dem, von Männern dominierten universitären Umfeld half, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als Studentin und Mitarbeiterin, sowie als Gleichstellungsbeauftragte der Universität Bonn habe sie oft grauenhafte Dinge erlebt. Aber es gab auch immer wieder Kollegen, die sich für sie starkmachten und dumme Sprüche von älteren Kollegen zurückwiesen.

Mit grossem Eifer bei der Arbeit

Obwohl sie als Studentin sehr positive Resonanzen erhielt, sei sie zunächst sehr schüchtern gewesen, erzählt Schellewald. In Seminaren hielt sie sich eher zurück, sprach nur, wenn sie aufgefordert wurde. Diese Diskretion beobachtet ihre Assistentin Henriette Hofmann noch heute bei ihr. Heute nicht mehr aus Schüchternheit, eher aus Souveränität. «Frau Schellewald drängt sich nicht auf bei Seminarveranstaltungen oder Diskussionen. Sie äussert sich vor allem dann, wenn sie etwas zu sagen hat und bringt eine gewisse Ruhe in das Institut.» Auch den Eifer, alles was sie tut, souverän zu erledigen, habe sie nicht verloren. Hofmann berichtet von einer Forschungsreise nach New York, die sie gemeinsam unternommen haben.

Schellewald habe damals zugesagt einen Essay über Chagalls Rezeption der Ikonen zu schreiben. Ein Thema, das nicht genuin der Mediävistik zuzuschreiben ist. Nachts im Hotelzimmer habe sich Schellewald dann zermürbt, um sich adäquat einzulesen und den Essay zu schreiben. In ihrem Eifer übernehme sich ihre Professorin auch manchmal etwas. «Sie ist sehr anspruchsvoll und regt viele Projekte an, da kommt es auch mal vor, dass die eigenen Projekte hinten angestellt werden müssen», sagt Hofmann. In den Seminaren nimmt Schellewald es gerne sehr genau. Wenn Begriffe falsch verwendet werden oder das Referat in eine völlig falsche Richtung geht, unterbricht sie die Studierenden auch mal. «Ihr geht es dabei aber nie um Schikane, sondern um die Sache. Das kann sie den Studierenden dann auch gut vermitteln, sodass keine unangenehmen Situationen entstehen», sagt Hofmann.

Schellewald fühlte sich schnell in Basel zu Hause

Schellewald ist der Meinung, es sei schon wichtig, sich diesem Job voll und ganz zu verschreiben, wenn man ihn richtig gut machen möchte. Für sie und ihren Mann bedeutete das auch, den Kinderwunsch zurückzustellen. Sie habe es sich nicht zugetraut, an zwei verschiedenen Orten zu leben und zusätzlich Kinder zu haben. Sie und ihr Mann lebten achtzehn Jahre lang in verschiedenen Städten. Die erste gemeinsame Wohnung hatten sie, als sie 2004 nach Basel kamen.

In ihrer neuen Heimat fühlte sich Schellewald sehr schnell wohl. Was sie allerdings völlig unterschätzt hatte, war die Sprachbarriere: «Als ich im Tram sass und eine Durchsage kam, verstand ich kein Wort.» Nach ihrer Emeritierung wird Schellewald in Basel bleiben. Eine Nachfolge für ihre Stelle am Kunsthistorischen Institut ist gesichert. Das Verfahren läuft zurzeit. Der Kunstgeschichte droht also nicht das gleiche Schicksal wie der Germanistik, wo die Mediävistik Professur nur durch eine Assistenzprofessur ersetzt wurde. «Ich hätte mir schon sehr gewünscht, dass man sich damals für eine volle Professur entschieden hätte», sagt Schellewald. Auch die Einsparungen an der Philosophisch Historischen Fakultät sollten sobald als möglich wieder rückgängig gemacht werden, sodass alle diese Stellen wieder mit Vollprofessuren besetzt werden, findet sie. Insgesamt schaue sie aber positiv in die Zukunft der Entwicklungen an der Universität Basel. «Die Fakultät hat sich stark verjüngt, sie ist wach und gut präpariert für die Zukunft. Ich glaube, wir haben keinen Anlass zu jammern.»

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