Basler Erziehungsdepartement

Vom Heim direkt in die Sozialhilfe: Junge Basler Heimabgänger fühlen sich vom Kanton hängen gelassen

Nicht immer zeigt sich das Erziehungsdepartement so volksnah wie beim Schulbesuch von Vorsteher Conradin Cramer im Jahr 2017. (zvg)

Nicht immer zeigt sich das Erziehungsdepartement so volksnah wie beim Schulbesuch von Vorsteher Conradin Cramer im Jahr 2017. (zvg)

Basel gilt als kinder- und jugendfreundliche Stadt. Zu Unrecht? Junge Heimabgänger fühlen sich von den Behörden alleingelassen.

Es hätte ein anregender Austausch zwischen verschiedenen Fachleuten sein sollen: Am Montag lud das Basler Erziehungsdepartement (ED) zum Praxisbesuch; dreissig Fachpersonen aus der ganzen Welt hätten teilnehmen sollen. Gewünscht seien Einblicke in die «Prozesse und Erfahrungen mit der Weiterentwicklung einer kinder- und jugendfreundlichen Stadt», schrieb das Departement vorab in einer Mitteilung.

Der Anlass fiel schliesslich ins Wasser, weil lediglich zwei Personen erschienen waren. Es ist nicht der einzige Rückschlag, den das ED zurzeit einstecken muss. Eine neue Studie zeigt nämlich: So jugendfreundlich, wie sich der Kanton gerne gibt, wird er von Betroffenen nicht wahrgenommen. «Care Leaver erforschen Leaving Care» heisst die Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz, an der 39 Jugendliche aus der Region Basel teilgenommen haben. Alle von ihnen waren früher in einem Heim oder in einer Pflegefamilie zuhause, nun reflektierten sie den Übergang in die Selbstständigkeit. Dabei stellt sich heraus: Die Betroffenen fühlen sich von den Behörden häufig im Stich gelassen.

Bis heute fehlt ein passendes Angebot für Erwachsene

Das Problem: Jugendliche treten mit Erreichen der Volljährigkeit aus stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aus. In Basel-Stadt können sie bis zum Alter von 25 Jahren Nachbetreuungsleistungen erhalten, sofern sie diese gleich im Anschluss an den Heimaustritt beanspruchen. Verzichten sie auf Unterstützung, weil sie selbstständig sein wollen, so lösen sie sich vom Kinder- und Jugendhilfesystem und sind auf sich gestellt.

Und genau das sei häufig eine Überforderung, sagt Co-Studienleiterin Dorothée Schaffner: «Im Heim werden die Betroffenen stark unterstützt, erhalten Struktur und Beratung. Mit dem Austritt aus dem Heim endet diese Unterstützung abrupt.»

Wer nach einem halben Jahr erprobter Selbstständigkeit feststellt, dass er mit der Situation nicht klar kommt, muss sich an nachfolgende Systeme der sozialen Sicherheit wenden. Ehemalige Heimkinder sind laut Schaffner oft auf Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder Wohn- und Schuldenberatung angewiesen. Die erste Zeit nach dem Heimaustritt sei denn auch recht schwierig gewesen, schreibt ein Studienteilnehmer: «Ich habe nichts gehabt – keine Kollegen, keinen Job, keine Lehre. Ich habe alles wieder neu aufbauen müssen.»

Bis heute gebe es kein niederschwelliges, bedarfsorientiertes und ganzheitliches Angebot für Betroffene, sagt Schaffner. Das Risiko des Scheiterns sei in dieser Phase der plötzlichen Unabhängigkeit gross. «Dann braucht es eine Straffälligkeit oder einen akuten Krankheitsfall, damit das System greift und die Betroffenen Hilfe erhalten», so die Studienleiterin.
Die Regelung sorgt bei den jungen Erwachsenen für Konsternation. «Es kann nicht sein, dass wir straffällig werden müssen, damit wir Hilfe bekommen», so ihr Fazit. «Wir brauchen niederschwellige, bedarfsgerechte Hilfe.» Fast alle Studienteilnehmenden äusserten den Wunsch nach mehr Unterstützung durch die Jugendhilfe.

Nun wird auch die Politik aktiv – fürs «Kindswohl»

Die Zahlen des Erziehungsdepartements zeigen zudem: Immer mehr Kinder und Jugendliche benötigen in Basel aufgrund familiärer oder anderer Probleme Unterstützung des Kantons. 3070 Personen waren es im vergangenen Jahr, rund 7 Prozent mehr als noch vor drei Jahren.
Erst vor zwei Wochen wurde in Basel ein Vorstoss zum Thema eingereicht. Sie wolle mehr über die Abläufe beim KJD erfahren, sagt SP-Grossrätin Edibe Gölgeli, die den Vorstoss geschrieben hat. «Ich habe gemerkt, dass es sehr lange dauert, bis es zu einer Zuweisung des KJD an den sozialpädagogischen Dienst kommt», sagt sie. Sie frage sich, ob dies der richtige Weg sei. «Mir geht es primär ums Kindswohl.»

Das ED konnte zum Thema bisher nicht Stellung nehmen. Eine Antwort folge nach seriöser Prüfung der Anfrage, schreibt Sprecher Simon Thiriet. Dem aktuellen Bericht zur Entwicklung der kantonalen Erziehungsangebote ist allerdings zu entnehmen, dass das Departement die Problematik kennt. «Ziel ist es nicht, den Übergang möglichst schnell und ‹problemlos› zu überwinden», heisst es darin, «sondern den Betroffenen die Zeit und die Unterstützung zu geben, selbst aktiv den Übergang zu bewältigen.» Ein Ziel, das bisher offenbar noch nicht erreicht wurde.

Meistgesehen

Artboard 1