Jahrzehntelang war er gepeinigt vom unausgesprochenen und doch omnipräsenten Leid, das sich wie ein dunkler Schatten über seine ganze Kindheit legt. Mit der Trilogie zur Odyssee seines Vaters im Zweiten Weltkrieg will Tardi, der seinen Vornamen lieber unerwähnt lässt, Licht ins Dunkel bringen. Am Samstag findet die Buchvernissage der deutschen Fassung des dritten und letzten Bands der «Stalag IIB»-Serie im Cartoonmuseum Basel statt.

Auch in «Nach dem Krieg» widmet sich die Comic-Koriphäe wieder der detaillierten und historisch korrekten Illustration traumatischer Erlebnisse. Nachdem er seinen Vater in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts gebeten hatte, seine Erinnerungen schriftlich festzuhalten, lässt er ihn dazu auch Skizzen anfertigen. Um seine Comics authentisch zu gestalten, ist Tardi lange auf Reisen und macht sich von den beschriebenen Orten selbst ein Bild. Der Unterschied zu den beiden letzten Bänden: Es wird noch viel persönlicher.

«Der autobiografische Faktor rückt beim dritten Band noch stärker in den Fokus», sagt Anette Gehrig, Kuratorin und Leiterin des Cartoonmuseums Basel. Das mit nach Hause genommene Leid, das so oft ungelöst blieb, macht Tardi in diesem Band zum Thema.

Leid als Generationenproblem

«Die sehr persönliche Geschichte steht für Millionen von Soldaten, die das gleiche erlebt haben», weiss Gehrig. Nach seiner Rückkehr kann Tardis Vater beispielsweise jahrelang nicht in seinem Bett schlafen, weil er die weiche Matratze nicht gewohnt ist. Über solche Nachbeben des Kriegs spricht man in der Familie Tardi damals nicht – spüren kann der junge Tardi die latente Schwere aber trotzdem.

Dadurch, dass der Künstler sich als kleinen Jungen in den Comic hineinzeichnet, macht er das erlebbar, was er in seiner Kindheit nicht hatte erleben können – eine Form der Verarbeitung, die viel Resonanz von Seiten Betroffener erzeugt. «Man denkt immer, der Krieg sei längst vorbei. An dieser Geschichte sieht man jedoch, wie lange solche Erfahrungen am Leben bleiben. Das Leid wird innerhalb von Familien weitergegeben, bleibt aber ungelöst», sagt Gehrig.

Ungerechtigkeit als roter Faden

Tardi fokussiert jedoch keinesfalls nur auf das Kriegsleid des Ersten und Zweiten Weltkriegs – das Thema des gesellschaftlichen Engagements zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen. Er setzt sich mit vielen politischen Themen kritisch auseinander. «Diese kritische Haltung ist in allen seinen Werken zu erkennen», so Gehrig. Das Comic-Urgestein beschäftigt sich mit Ungerechtigkeit: Der Umgang mit politischen Flüchtlingen, Adoption und Rassismus – alles brandaktuelle Themen, die Tardi dem Betrachter mit seinen Zeichnungen näher bringt.
Dieses politische Engagement teilt der Künstler auch mit seiner Frau Dominique Grange. Die Sängerin schreibt politische Chansons. Gemeinsam setzen sich die beiden Adoptiveltern von vier chilenischen Kindern seit rund 40 Jahren gegen die Benachteiligung von Minderheiten ein. Grange kreiert Lieder zu Tardis Comics – und umgekehrt.

Von der starken, protestvollen Musik der Sängerin können sich Besucher im Cartoonmuseum ein Bild machen. Dort sind Tardi und Grange am Samstag für die Buchvernissage von «Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB. Nach dem Krieg» zu Gast. Zusammen mit Kuratorin Anette Gehrig und Kunsthistoriker Ariel Herbez sprechen sie über Tardis Werk und den neuen Band. Danach stehen Tardi und Grange Interessierten Rede und Antwort und ermöglichen ihnen so einen neuen Zugang zu ihrem Schaffen.

 

Buchvernissage mit Tardi Samstag, 9. Februar, 16 Uhr, Cartoonmuseum Basel; Mehr Infos unter www.cartoonmuseum.ch