Friedhof Hörnli
Vom Leben und Sterben: Dieser Mann haucht den Urnen neues Leben ein

Peter Galler betreibt seit über 60 Jahren das Museum für Bestattungskultur auf dem Hörnli. Es zeigt auch seine Geschichte.

Stefan Strittmatter
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Peter Galler im ehemaligen Krematorium.

Peter Galler im ehemaligen Krematorium.

Nicole Nars-Zimmer

Ausgestreckt liegt sie am Boden, Schnee sammelt sich in den Falten ihres Mantels. «Mim Meitli goht glaub dr Schnuuf us», sagt Peter Galler und blickt auf die Gestalt, die reglos neben dem Eingang seines Museums liegt. Die lebensgrosse Bronzeskulptur der Basler Künstlerin Bettina Eichin habe er seinerzeit unbedingt haben wollen, sagt er. Obschon sein Portemonnaie dafür eigentlich nicht dick genug gewesen sei.

Die «schlafende Muse» ist jedoch nicht die einzige Frau, an die der 79-Jährige denkt, wenn er seine Räume auf dem Riehener Friedhof Hörnli aufschliesst. Das erste Ritual gilt jeweils seiner Ehefrau, die er vor elf Jahren beerdigt hat. Für sie zündet er auf einem kleinen Altar zwei Teelichter an. Dann führt uns Galler, der das einzige Schweizer Museum für Bestattungskultur vor über sechzig Jahren initiiert hat, in den Raum mit den Urnen.

Für das ungeübte Auge stehen hier ein paar bauchige Tonkrüge und einige rechteckige Modelle aus dunklem Metall. Als Objekte sind die meisten Urnen eher funktional denn ästhetisch wertvoll. Doch wenn Galler von Vitrine zu Vitrine führt und dabei auf seine eigentümlich assoziative Weise sein Wissen teilt, dann werden aus diesen unscheinbaren Behältnissen letzte Ruhestätten mit spannenden Geschichten.

Tupperware, Honigtopf und Wimbledon-Pokal

Der Mann mit dem wach in die Ferne gerichteten Blick haucht den Urnen neues Leben ein. Und er tut es mit der gebotenen Pietät, aber auch mit feinem Humor. Wenn man als Basler auf einer Reise in New York gestorben sei, sagt Galler, «so bisch immene Tupperware heicho». Dabei zeigt er auf eine schlichte Urne aus grauem Plastik. Und jene daneben, die aus Weissblech, gleiche doch einer Kaffeedose. Diese dort einem Honigtopf. Und hier, das ist doch eine Wintermütze aus Filz, oder? Und das? Ein Wimbledon-Pokal!

Vitrine mit Urnen.

Vitrine mit Urnen.

Nicole Nars-Zimmer

Einige der Objekte – neben den Urnen beheimatet das Museum auf seinen 380 Quadratmetern Grabkreuze, Perlkränze oder Haarandenken von 1898 bis heute – hat Galler aus fernen Ländern zugeschickt bekommen. Andere hat er ersteigert und selber abgeholt. Viele hat er aber eigenhändig vor der Zerstörung bewahrt. Eigentlich hätte er sie dazumals «zusammenschlagen» sollen. So lautete der Auftrag seines Chefs Hermann Oppliger, als in den frühen Sechzigerjahren der Keller der Friedhofsverwaltung auf dem Hörnli geräumt wurde.

«Da standen meterhoch gestapelt leere Urnen, die nach Grabräumungen zwischengelagert wurden», erinnert sich Galler. Er, mit 20 Jahren der jüngste im Team, habe das aber nicht übers Herz gebracht. Für ihn seien die Urnen historische Objekte gewesen, die einen kulturellen Wert hatten. Also begann er – natürlich mit der entsprechenden Erlaubnis – eine Sammlung. «Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass daraus einst ein Museum entstehen würde», sagt Galler, der bis heute nicht erklären kann, was genau ihn damals angetrieben hat. «Ich war für die anderen ein Spinner, der alten Plunder aufbewahrt.»

Hanfblätter, Lacher und Hendrix

Lässt man Galler erzählen, so ergiesst sich ein ungebremster, aber informativer Schwall aus Bestattungskultur, Stadtgeschichte und privaten Anekdoten. Nicht selten fehlt dem Zuhörer die Zeit zum Staunen oder Schmunzeln. Man kann aber durchaus nachfragen, etwa, was es mit jener mit Hanfblättern verzierten Urne auf sich habe. Dann erfährt man, dass dies eines von Gallers Lieblingsstücken sei. Weil er damit bei den Schulklassen, die sich die Sammlung anschauen kommen, einen Lacher kassieren kann.

Schmunzelnd holt er dann einen laminierten Zeitungsartikel hervor, auf dem unter anderem Jimi Hendrix, Janis Choplin, Jim Morrison und Amy Winehouse zu sehen sind. Sie alle seien, so sagt er mit mahnendem Blick, am «Rauschgift» gestorben. Er selber habe in seinen Jahren als Grabmachermeister mehr Drogenopfer beerdigt, als er habe zählen können. Bei den Schülern, die zuvor gelacht hätten, mache das jeweils grossen Eindruck, sagt er und versorgt die Bilder der verstorbenen Idole wieder auf der Vitrine.

Er selber hingegen erfreue sich offenbar bester Gesundheit, lenken wir das Gespräch zurück auf seine Person. Ja, sagt Galler, er stehe auch mit seinen bald 80 Jahren noch jeden Morgen um Viertel nach fünf auf. Das sei schon immer so gewesen, sagt er und erwähnt in einem Nebensatz, dass er den Jahresauftakt im Notfall zugebracht habe. Das sei so gekommen: Er habe vor einer Weile wohl etwas zu intensiv mit der Motorsäge gearbeitet und sich am Abend unwohl gefühlt. Einen Tag später sei er mit zwei neuen Herzklappen und vier Bypässen im Spital aufgewacht. Nach drei Wochen im «Kanti» habe er mit PET-Flaschen seine verlorene Oberarm-Muskulatur wieder trainieren müssen.

Medizinische Implantate.

Medizinische Implantate.

Nicole Nars-Zimmer

«Und das da», wechselt Galler mitten im Satz das Thema, «sind alte Gelenkpfannen, die ich aus der Asche geholt habe.» In einem Glaskasten hat er medizinische Implantate gesammelt: Krude Konstrukte aus Metall und Keramik, künstliche Kniegelenke, die an Verzierungen von gusseisernen Toren erinnern. Oder Metallplatten mit langen chirurgischen Schrauben, die einst einen gebrochenen Oberschenkel fixiert haben.

Gelenkpfanne, Herzoperation und Industrieöfen

Besonders angetan ist er von einer künstlichen Oberschenkel-Gelenkpfanne, an der eine Drahtschlaufe hängt: «Damit wurde die Sehne des Muskels fixiert», sagt Galler fasziniert. Und fügt an, dass es den Träger dieses Implantats zu Lebzeiten wohl schon ein bisschen gezwickt haben dürfte. «Aber irgendwie musste der Mensch ja zusammengeflickt werden.» Apropos: Seit seiner Herzoperation sei sein Brustkorb nicht mehr so stabil, führt er den Exkurs zurück. Nun müsse er sich jeweils selber umarmen, wenn er niese, damit es ihn nicht «sprenge». Das habe er Anfang Jahr nicht beherzigt, deswegen sei er im Notfall gelandet.

Dann führt uns Galler ins Untergeschoss des Gebäudes, das bis Mitte der Achtzigerjahre als Krematorium im Betrieb war. Der neue Boden, wo früher die grossen Industrieöfen standen, ist herausnehmbar. Nur so habe man die rund zwei Dutzend Leichenwagen und -schlitten in den Keller gebracht, sagt Galler, während er die Stufen hinuntergeht.

Leichenwagen aus der ganzen Schweiz.

Leichenwagen aus der ganzen Schweiz.

Nicole Nars-Zimmer

Unten angekommen, steht plötzlich nicht mehr der Kurator des Museums vor uns, sondern der Kutscher, der soeben von einer Beerdigung zurückgekehrt ist. «Woran merkst Du», fragt dieser in kollegialem Tonfall, «dass ich gestern beim Leichenschmaus einen über den Durst getrunken habe?» Die Antwort kommt wieder vom Fachmann, der sich sein Wissen in unzähligen Besuchen im Staatsarchiv zusammengesucht hat. «Hier, diese abgewetzte Stelle an der eisernen Felge des linken Rades», sagt Galler und zeigt auf das linke Hinterrad eines hölzernen Pferdewagens. Das sei ein klares Indiz dafür, dass das Fuhrwerk mit angezogener Bremse gefahren sei. Ein starkes Pferd schaffe das, wenn kein Sarg mehr auf der Bahre liege, sondern der Kutscher, der auf dem Heimweg seinen Rausch ausschlafe.

Grabmachermeister, Hobbydetektiv und Verbündeter

Peter Galler, das wird in diesen Momenten deutlich, ist weit mehr als ein gelernter Gärtner, Bestatter und Grabmachermeister. Mehr als ein Kurator, Führer und wandelndes Lexikon. Er ist ein Hobbydetektiv, ein Privathistoriker und ein Macher mit unersättlichem Wissensdurst und Tatendrang. Einen wichtigen Verbündeten hat er in Christoph Stutz gefunden, wie er mehrfach betont. Der damalige Regierungsrat sei der Hauptinitiatior des Museums gewesen – zu einem Zeitpunkt, an dem Galler seine Sammlung bereits 35 Jahre lang privat betrieben hatte.

Als er für die Eröffnung des Museums 1994 die Objekte beschriften wollte, habe er zuerst «Museumsdeutsch» lernen müssen, sagt er, und beschreibt die Blumenranken eines eisernen Grabschmucks in schwurbeligen Sätzen. Ein anderes Mal wiederum, als er einen Leichenwagen aus der Innerschweiz mit fehlendem Aufbau bekam, drechselte er das Dach anhand historischer Fotos in liebevoller Detailarbeit eigenhändig nach.

Kindergärtner, Museumsnacht und der Tod

Am liebsten seien ihm bei seinen Führungen die Kinder, sagt Galler. «Die haben einen unverkrampften Zugang zum Tod, Neugier statt Berührungsängste. Sie trauen sich zu fragen.» Besonders geblieben ist ihm ein «Pfüderi», der mit seinen Eltern an einer Museumsnacht da war und danach seine Kindergartenlehrerin so lange bestürmte, bis schliesslich die gesamte Schulklasse eine Exkursion ins Museum unternommen habe.

Peter Galler im zweiten Raum seines Museums.

Peter Galler im zweiten Raum seines Museums.

Nicole Nars-Zimmer

Insgesamt habe er in den vergangenen Jahren beobachtet, dass sich der Mensch weiter vom Tod distanziert habe. Je besser es einer Gesellschaft gehe, so Galler, desto weniger wolle sie ans Ende denken. Früher sei es Usus gewesen, sich Bilder aus den Haaren der Verstorbenen an die Wohnzimmerwand zu hängen, «heute wünscht man sich den Tod möglichst steril».

Für sich selber habe Galler alles geregelt, sagt er gegen Ende der Führung. Wenn es einst so weit sei, sagt der zweifache Vater und Grossvater eines Enkels, wolle er kremiert werden. Die Urne, die er für sich ausgesucht hat, steht im Museum parat: Eine Basler Staatsurne 3. Klasse von 1898, also ein getöpfertes Modell, wie es einst die Armen bekommen haben. «Bloss kein Schnickschnack», sagt Galler, als er uns nach über drei Stunden aus dem Museum begleitet. Die «schlafende Muse» liegt noch immer im Schnee. Doch schaut sie nun ein wenig friedlicher aus.

Museum für Bestattungskultur, Hörnli, Riehen.
Normalerweise jeden ersten und dritten Sonntag im Monat geöffnet. Führungen auf Anfrage: 061 601 50 68. Die Mitgliedschaft im Gönnerverein kostet 20 Franken pro Jahr oder 250 Franken auf Lebzeiten. www.sammlunghoernli.ch

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