Basler Kommentar

Vom Lückenfüller zum Hauptthema: Reden wir halt übers Wetter

Das schlechte Frühlingswetter schlägt nicht nur auf die Stimmung.

Das schlechte Frühlingswetter schlägt nicht nur auf die Stimmung.

Die aktuelle Kaltwetterperiode hat tieferliegende Folgen, als man vielleicht bedenkt. Diese sind nicht nur psychische, sondern auch finanzielle Auswirkungen, die weit über einen Floskel behafteten Smalltalk übers Wetter hinausgehen.

Wenn den Leuten gar nichts einfällt und auch keine Wehwehchen anliegen, deren populärmedizinische Aufarbeitung sich gerade aufdrängt, reden sie übers Wetter. In den letzten Monaten ist es etwas anders, das Thema Wetter wurde vom Lückenfüller zum Nebenthema und mittlerweile kann es schon als vollwertige Konversation ganze Abende füllen.

Während im restlichen Europa die Krise der Dauerbrenner und Wiederbeleber jeder Unterhaltung ist, gönnt man sich in unseren Breitengraden lange und ausgiebige Lamentos über den achtmonatigen Winter und seine Auswirkungen auf das Gemüt, die Wirtschaft, den Sport und die Zwischenmenschlichkeit im Allgemeinen.

Nun kann der Basler sich ja eigentlich nicht beklagen, da wir ja wissen, dass wir das ganze Jahr über den besten Sommer haben, aber der steht halt zwischen den Pfosten und hat im Moment alle Hände voll zu tun mit der Meisterschaft. Der andere Sommer lässt nun tatsächlich lange auf sich warten. Meteorologen mögen nun lange erklären, dass es sich um eine normale Anomalie handelt und die Kalte Sophie sowie die Siebenschläfer ins Feld führen. Fakt bleibt aber, dass wir bei gefühlten null Grad und gespürtem Dauerregen unsere Lebensfreude und Produktivität nicht vollständig entfalten können.

Während sich dies beim einen oder anderen nur auf den fortgesetzten «Heissi-Schoggi-Konsum» auswirkt, hat dies für viele Menschen psychische und finanzielle Auswirkungen, die weit über einen Floskel behafteten Smalltalk hinausgehen. Da sind einerseits die Landwirte, die jetzt schon um ihre Herbsteinnahmen bangen und ihr Frühlingsangebot nicht oder verspätet liefern werden, anderseits ist aber auch der Handel zwischen den Jahreszeiten hängengeblieben.

Die Wintermäntel wurden schon reduziert und ausverkauft, die Frühlingsmode übersprungen und auf Bikinis hat irgendwie noch niemand Lust. Es ist mir nicht bekannt, ob sich jemand wissenschaftlich mit den wirtschaftlichen Folgen der kollektiven Wetterfühligkeit auseinandergesetzt hat, aber ich bin mir sicher, dass sich die Reduktion der individuellen Leistungsfähigkeit auch volkswirtschaftlich messen lässt.

Ein anderer Zweig, der unter dem Wetter leidet, und an den auch ich nicht a priori gedacht hätte, sind die vielen Einwanderer, die in den letzten Monaten in unser Land gekommen sind, um in der Bau- und Landwirtschaft ihr Auskommen zu finden. Seit jeher ist unsere Wirtschaft auf diese Arbeitskräfte angewiesen. Früher kamen sie als Saisonniers und auch heute gibt es viele, die freiwillig ihren Aufenthalt bei uns auf die Dauer der Warmwettersaison ausrichten. Es muss hart sein, das Zehrgeld, das man der knappen Haushaltskasse für das Schweiz-Abenteuer entrissen hat, an jedem verregneten Morgen noch etwas länger strecken zu müssen.

Da erscheint meine Sehnsucht nach Terrassen-Bier und Garten-Bratwurst geradezu nebensächlich. Aus diesen vielen Gründen wünsche ich uns allen eine baldige Rückkehr des Sommers und dem Sommer einen Pokal, besonders wenn man bedenkt, dass auch am schlechten Wetter die Zürcher schuld sind, sollen sie doch das nächste Mal den blöden Böögg mit Benzin übergiessen.

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