Vom Schreiben und Fahren

Die Neuerscheinung «Alpsegen» des Basler Krimiautors Philipp Probst erscheint hinter geschlossenen Ladentüren.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Autor Philipp Probst am Totentanz, dem fiktiven Zuhause der Hauptfigur Selma in seinem neusten Roman.

Autor Philipp Probst am Totentanz, dem fiktiven Zuhause der Hauptfigur Selma in seinem neusten Roman.

Bild: Nicole Nars-Zimmer (9. April 2020)

Selma Legrund-Hedlund schwebt über die Mittlere Brücke. Ihre Haare im Wind, die Gedanken bei Jugendschwarm Res. Eine Fotoreportage führt die Baslerin mit schwedischen Wurzeln nach Gstaad. Zu dem Älpler, mit dem sie damals sorglose Ferien und erste, heimliche Küsse tauschte. Doch dieses Mal ist alles anders.

«Die Idylle der Schweizer Alpen fasziniert sie», sagt Probst über die vielschichtige Protagonistin, die seit ihrer bewussten Konstruktion mittlerweile ein Eigenleben führe. Wir erreichen ihn per Videoanruf in seiner Wohnung im Neubad. Zu Beginn des Schaffensprozesses habe er die Geschichte um die familiären Verstrickungen, in die die Reporterin in der «heilen Bergwelt» verwickelt wird, mit einer männlichen Figur erzählen wollen, sagt er und schmunzelt. «Ich wurde dann jedoch eines Besseren belehrt», sagt Probst. Sich in die Gefühlswelt einer Frau einzufühlen, sei zudem um einiges spannender, so der 54-jährige Schriftsteller, der sein Manuskript schon früh einem Kreis aus Testleserinnen vorlegt. Und auf Begeisterung stösst.

Die Stimmung auf der Alp wird immer düsterer. Selma erfährt von der Liebe der Frohnatur und Käserin Martina für den verschlossenen Res und dem mysteriösen Tod seiner Mutter. Schliesslich steht Res’ Bruder Stefan auch noch bald im Verdacht, absichtlich Bäume zu verletzen. Ihr bester Freund Marcel, der Busfahrer, versucht zu vermitteln. «Er hat eine vermittelnde Rolle», sagt Probst – und sei ihm ähnlich. Winzige Schäfchen tauchen kurz im Bild auf, sie zieren seine Kaffeetasse. Er hatte Frühdienst, sagt der Spurensucher, der einigen Baslern auch als BVB-Chauffeur bekannt sein dürfte. Wenn er nicht fahre, schreibe er. In den langen Pausen oder im Starbucks. In seinem Blog sinniert er stilecht über den letzten Fahrgast an Silvester, herrenlose Kleiderstücke an der Fahrbahn und den leeren Bus während der Coronakrise.

Virtuelle Lesung statt öffentliche Vernissage

Anfang März hält Probst sein Buch das erste Mal in den Händen. Und kann es wegen der verschärften Coronarichtlinien nicht wie geplant seiner Leserschaft vorstellen, zumindest nicht auf traditionelle Weise. Am Tag seiner abgesagten Vernissage in der Basler Filiale von Orell Füssli veröffentlicht er in den sozialen Medien einen knapp zweiminütigen Trailer zum Roman – dabei liest Probst auf Drohnenbildern vor bildgewaltiger Kulisse aus seinem Roman vor. «Das Echo war überwältigend», sagt Probst, der seither online die Nähe zu seinen Lesern sucht. Dies auch als Selma, der er auf Facebook und Instagram ein eigenes Profil einrichtet. Dieses gewagte Spiel mit der Fiktion macht den Journalisten umso nahbarer.

Seinen Geschichten verpflichtet

Probst kennt den Berufsalltag von Selma zu Genüge, war er jahrelang für diverse Schweizer Medien, unter anderem der «Schweizer Illustrierten» als Reporter im Einsatz. Er sei immer noch ein «News-Junkie», sagt er schliesslich, fährt sich hastig durch die schulterlangen Haare und fügt an: «Ich liebe Geschichten.» Als Schriftsteller könne er die jedoch formen. «Jetzt müssen sie nicht mehr stimmen», sagt er und lacht. Und doch sei ihm, ähnlich wie Selma, der schnelllebige Journalismus fremd geworden. Ebenso wie die apokalyptischen Krimielemente, mit denen er in seinen ersten Werken immense Spannungsbögen bildete. Das sei zwar schwer zu toppen, sagt Probst. In «Alpsegen» wagt er sich mit Erfolg an leisere Töne – zeichnet dabei menschliche Gefühlswelten und Abgründe ebenso authentisch und temporeich nach.

«Finsteres passiert schon zu Genüge», sagt er. Mit «Die Boulevardratten» veröffentlichte er 2014 seinen Medienkrimi über einen tödlichen Virus. Die Realität übertreffe die Vorstellung des Literaten an Dramatik jedoch bei weitem. Die Zuwendung zum leichteren Stoff, amourösen Wendungen und naturgegebenen Wohlfühl­elementen, entspreche ihm heutzutage mehr. Seinen feinen Humor wünschten sich jüngst auch die Abonnenten der «Basler Zeitung» zurück und erreichten mit Leserbriefen die Wiederaufnahme seiner eingestellten Kolumne.

«Ich kehre stets gerne heim», betont der ehemalige Fernfahrer, der sich vom Fernweh zu Fahrten durch ganz Europa leiten liess, und räumt ein, dass er Basel viel zu sehr liebe, als seinen Lebensmittelpunkt je woanders hin zu verlegen. Für Selma, die wohl auch im bereits verfassten, zweiten Band die Aussicht von ihrem Haus am Totentanz auf ihr geliebtes Basel geniessen wird, würde er in ihre Heimat im Norden reisen, sagt Schwedenfan Probst. Die Fortsetzung soll im Herbst erscheinen.