Die Flaggen Sardiniens, Korsikas und Mallorcas sind kaum zu übersehen. Wer das Büro von Andreas Rasp betritt, sieht sofort die kleinen Fähnchen an der Wand. Sie gehören zwar zum privaten Besitz des 54-Jährigen, doch sie haben dennoch auf eine gewisse Weise symbolischen Charakter.

Rasp ist Heimleiter im Borromäum, einer Einrichtung im Basler Holbeinquartier. Als Werk der Jesuiten ist das Borromäum eine klar katholische Einrichtung. Doch in der breiten Öffentlichkeit ist das «Borri», wie es liebevoll genannt wird, mehr als eine römisch-katholische Institution am Byfangweg. Denn auch wenn das «neue» Borromäum (damit ist der vor 50 Jahren errichtete Neubau gemeint) in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, geht seine Geschichte weiter zurück – bis ins Jahr 1898. Damals erwarb Abbé Joyce mit Spendenmitteln die Liegenschaft am Byfangweg, in der das Wohnheim heute noch immer beheimatet ist.

Heute ein Studenten-Wohnheim

Einst als Waisenhaus für Knaben, Anlaufstelle für Jugendliche und Ort für Religionsunterricht gedacht, hat sich das «Borri» in den vergangenen Jahren stark verändert. Das Borromäum ist heute kein Jugendtreff mehr, sondern ein Wohnheim für Studenten. Der Religionsunterricht ist verschwunden, genauso wie das Kino Borri – notabene das erste Kino überhaupt in Basel. Nachdem es früher die Jugendlichen anlockte und gleichzeitig anregte, über Religion zu diskutieren, war es am Ende «nur noch ein Geschäft, bei dem wir drauf legen mussten», so Rasp. So habe es keinen Sinn mehr gemacht, das Pionierkino weiterzuführen. Seine Türen wurden vor zehn Jahren geschlossen.

Die Räumlichkeiten werden für Tagungen und Konferenzen genutzt, egal ob religiöser oder kultureller Färbung – oder auch nicht. Die Konzert-Kultur ist ebenfalls grösstenteils aus dem «Borri» verschwunden. «In dieser dicht besiedelten Strasse machte der Lärm immer wieder Probleme», erklärt Rasp die Abwendung vom Konzertwesen und die Veränderung hin zur Kleinkunstszene.

Vom Ursprung des Borromäums ist damit nicht mehr viel übrig. Das Studentenwohnheim ist ebenfalls neuer, entstand es doch erst mit dem «neuen» Borromäum 1965. «Früher war es ein Lehrlings-, kein Studentenwohnheim», so Rasp. Doch der Bedarf habe sich geändert. Die lokalen Chemiekonzerne, die früher ihre Lehrlinge am Byfangweg 4-8 unterbrachten und auch deshalb den Neubau mitfinanzierten, haben mittlerweile eigene Möglichkeiten gefunden. So wurden die 46 Einzelzimmer, die der Gebäudekomplex bietet, fortan Studenten angeboten.

«Die Studenten sind international und interkonfessionell. Das macht den Reiz aus.» Als globales Dorf will Rasp das Borromäum sehen. Angesichts der Tatsache, dass das Haus Studenten aus zirka 20 Nationen ein zu Hause bietet, ist er damit nicht weit von der Realität entfernt. Und zu einem globalen Dorf gehören auch konfessionslose Studenten, die genauso einen Platz im Borromäum finden wie ehemalige Langzeitarbeitslose. Letztere haben einen Job gefunden im öffentlichen, von der Genossenschaft Overall betrieben Restaurant, das im Gebäude eingemietet ist.

Vermietung der Säle deckt Defizit

Das «Borri» hatte in der Vergangenheit aber nicht nur mit den vielen Nutzungs-Änderungen und den damit einhergehenden Anpassungen zu kämpfen, sondern auch mit einem Wert, dem sich die Jesuiten seit je her verschreiben: der Armut. Jedes Jahr aufs Neue resultiert aus dem Wohnheim ein Defizit. «Es ist meine Aufgabe, ebendieses Defizit mit der Vermietung der Säle zu decken.» Die Vermietungs-Einnahmen fliessen in den Verein Borromäum und stellen mit dieser Querfinanzierung das Bestehen des Heimes sicher. «Wir könnten, oder besser müssten, jedes unserer Zimmer für 150 Franken mehr pro Monat vermieten», erklärt Rasp.

Trotz finanzieller Probleme kann sich das «Borri» halten. Dass die katholische Einrichtung dies in der reformierten Stadt Basel schafft und dazu noch ein gutes Ansehen geniesst, ist bewundernswert. «Wie das möglich ist, weiss ich auch nicht, aber ich weiss, welchen Pater ich anrufen müsste, wenn ich einen Telefonjoker hätte», sagt Rasp lachend. Denn der Heimleiter ist selber kein Jesuit. So kam es auch, dass er erst bei seinem Amtsantritt vor 17 Jahren von einem weiteren Widerstand erfuhr, mit dem die Jesuiten zu kämpfen haben: Bis 1973 waren sie in der Schweiz verboten. «Sie haben dennoch gesamtschweizerisch Vereine gegründet, wurden gemocht und geduldet.» Rasp erklärt sich die dennoch vorhandene Anerkennung so: «Die Jesuiten haben viel Positives in der Gesellschaft bewirkt.»

Nachwuchs bleibt aus

Dies hängt auch damit zusammen, dass die Jesuiten kein katholischer Orden sind, wie man ihn sich vorstellt. «Sie haben das Katholische aufgebrochen, sind offen für die Kultur der Schweiz und ihrer Internationalität.» Hinzu kommt, dass die Ordensangehörigen keine einheitliche Tracht tragen und als zivile Personen aktiv sind. «Ausserdem sind sie weltoffen, gegenüber allen Religionen und allen Ländern.» Nichtsdestotrotz haben auch die Jesuiten Probleme, Nachwuchs zu finden. Momentan leben noch 16 in Basel und bilden damit die grösste Kommunität der Schweiz, in welcher gesamthaft noch schätzungsweise 85 leben. «Der Horizont des Borromäums aber auch der Jesuiten musste sich zwangsläufig ausweiten.» So erklärt sich Rasp, wie er als Nicht-Jesuit zu seiner Stelle kam. «Es wird keinen anderen Weg geben, als immer mehr Positionen in jesuitischen Institutionen öffentlich zu besetzen.»

Dass eines Tages auch das «Borri» ohne Jesuiten auskommen werden müsse, sei möglich. «Ich denke, die Jesuiten in der Schweiz müssen sich überlegen, wie sie hier weiter machen wollen. Auch wenn sich die Jesuiten eine Zukunft des Borris ohne sie nicht vorstellen wollen.» Das Haus wäre in seiner Funktion als Wohnheim weiterführbar, so Rasp, «aber mir würde etwas fehlen.» Die Weltoffenheit könnte verloren gehen, meint er. Und dass diese zentral ist, zeigen auch die kleinen, wenn auch aus dem Privatbesitz stammenden Fähnchen im Büro des Heimleiters.