Jubiläumsjahr

Von allen Seiten vereinnahmt – Das politische Buhlen um Bruder Klaus

Der Kupferstich unbekannter Herkunft zeigt Niklaus von Flüe, auch bekannt als Bruder Klaus (1417–1487), vor seiner Klause im Ranft.

Der Kupferstich unbekannter Herkunft zeigt Niklaus von Flüe, auch bekannt als Bruder Klaus (1417–1487), vor seiner Klause im Ranft.

600 Jahre nach Niklaus von Flües Geburt wird auf verschiedenen Ebenen um die Deutungshoheit gerungen.

Niklaus von Flüe eignet sich gleich in doppelter Hinsicht als Ikone. Unter Gläubigen wird sein asketisches, vorbildliches Leben in den Vordergrund gestellt. In der Politik wird Bruder Klaus durch seine Vermittlerrolle bei der Ausarbeitung des Stanser Verkommnisses 1481, als er zwischen den zerstrittenen Stadt- und Landkantonen vermittelte, zum Begründer der schweizerischen Neutralität stilisiert.

Missbraucht SVP Friedensstifter Bruder Klaus?

Missbraucht SVP Friedensstifter Bruder Klaus?

Der Nationalheilige wäre dieses Jahr 600 Jahre alt. Weil der Bund keinen offiziellen Ehrungs-Anlass plant, organisiert die SVP ihren eigenen.

Während sich auf kirchlicher Ebene die Katholiken und Protestanten in den Haaren liegen, vereinen sich in der Politik die grossen Parteien gegen die SVP. In jüngerer Vergangenheit haben sich viele Exponenten der Rechtsbürgerlichen in der Mythenpflege bemüht. Das konservative Komitee «Die Schweiz mit Bruder Klaus» plant in Ergänzung zu den offiziellen Gedenkfeiern am 19. August in der Mehrzweckhalle von Niklaus von Flües Geburtsort ein Fest zu Ehren des Einsiedlers, der vor 70 Jahren in den Stand eines Heiligen erhoben wurde.

Als Redner treten neben alt SVP-Bundesrat Christoph Blocher auch der Obwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller sowie der erzkonservative Bischof Vitus Huonder auf. Dass diese Kreise Niklaus von Flüe für ihre Zwecke einspannen, hat selbst unter Bürgerlichen zu einem Aufschrei geführt. In einem Leserbrief in der «Luzerner Zeitung» schimpfte der Zuger alt Ständerat Andreas Iten (FDP) über den «politischen Anstrich», den das Bruder-Klaus-Jubiläum bekommen habe.

Nicht zum ersten Mal missbrauche Christoph Blocher Niklaus von Flüe, um seine eigenen Botschaften zu transportieren. Noch harscher reagierte der Obwaldner Schriftsteller Carlo von Ah, der diese Gedenkfeier als «unappetitliche Veranstaltung, die einer Verspottung und Verhöhnung von Bruder Klaus und des Obwaldner Volks gleichkommt» beschrieb.

Gegenschlag der Linken

Auch in den regionalen Medien entstand ein Schlagabtausch darüber, wie der Obwaldner Nationalheilige richtig zu deuten ist. Der Basler Historiker Georg Kreis warf in der linken «Tageswoche» der «Basler Zeitung» beziehungsweise dem «Hausblatt Blochers» vor, dass sie der Linken bei der Berichterstattung übergrosse Empfindlichkeit vorgeworfen hatte, obwohl mit Jo Lang selbst ein grüner Historiker in der offiziellen Veranstaltungsreihe im Januar einen Vortrag über Bruder Klaus halten durfte.

Kreis mokierte sich: «Was für eine Symmetrie: Dieser einzelne Vortrag eines Linken gegen den Grossauftritt der Rechten mit Begleitbetrieb in einer Mehrzweckhalle, womöglich mitsamt eines von Herrliberg gestifteten Puure-Zvieri.»

Es ist ein Schlagabtausch, der wohl noch das ganze Jubiläumsjahr hindurch geführt werden wird. Erst danach werden die Politiker wieder den Historikern das Feld überlassen. In einem Punkt dürften diese nämlich Georg Kreis recht geben, wenn er schreibt: «Immer entlang der runden Geburts- und Todestage» gedenke man Bruder Klaus. Und zwar jedes Mal «leicht anders».

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