Die schweren gläsernen Ladentüren sind seit knapp zehn Minuten geöffnet. Vor der Auslage mit dem stark reduzierten Christbaumschmuck, Abteilung Heim und Haushalt, hat sich bereits eine Menschentraube gebildet. Die Einkaufskörbe sind im Nu gefüllt. Darin funkelt und glitzert es. Eine Dame mit Pudelmütze hält triumphierend eine knallrote Baumspitze mit weissen Punkten hoch, zu 50 Prozent reduziert: «Das war die letzte. Die kommt im nächsten Jahr zum Einsatz,» sagt sie. Das mache sie immer so, sie kaufe im Ausverkauf Weihnachtsschmuck, «es lohnt sich allemal. Und wenn mir die Kugeln dann doch nicht mehr gefallen, verschenke ich sie.» Entschlossen greift sie sich ein paar kitschige türkisgrüne Kugeln und stellt sich in die Schlange vor der Kasse.

Im Globus Basel, dort, wo sich noch vor wenigen Tagen der Weihnachtszauber in funkelnden Deckenlüstern, schwerem dunkelrotem Samt und viel Bling-Bling präsentierte, ist die berechnende Welt des Ausverkaufs eingekehrt. Jetzt schenken sich die Kunden nichts mehr; sie wollen im edlen Warenhaus von reduzierten Preisen profitieren. Geschäftsführer Roger Rittscher sagt, welche Produkte besonders gefragt sind: «Neben Baumschmuck und Geschenkpapier sind das Frottee- und Bettwäsche, aber auch Duftsets, Uhren, Strümpfe und Socken. Die kaufen unsere Kunden manchmal kistenweise.» Und auch in der Lebensmittelabteilung bleiben weder Schokokläuse noch Lebkuchen-Tannenbäume übrig; die Konsumenten sind nach Weihnachten längst nicht satt. «Die Stimmung ist gut. So gut wie schon lange nicht mehr», sagt Rittscher.

Ab Mitternacht wird geschuftet

Rittscher kann jetzt schon sagen: Der Samstag vor Heiligabend war für den Globus in Basel der umsatzstärkste Verkaufstag im Weihnachtsgeschäft seit rund 20 Jahren. Und im selben Stil soll es diese Woche weitergehen. Rittscher rechnet mit Traumumsätzen: «Der Einkaufstourismus ist für uns längst kein Thema mehr. Ausserdem kaufen gerade vor Weihnachten und zum Sale viele Elsässer und Süddeutsche bei uns ein.»

Am Mittwoch zum Start des Ausverkaufs hat sich Rittscher in aller Herrgottsfrühe im Warenhaus eingefunden. Ab 7 Uhr streift er durch die Stockwerke. In der Herrenabteilung zupft er das eine oder andere reduzierte Hemd ab Stange zurecht. Ein paar Schritte weiter eine Lehrtochter, die «Wer rechnet, kauft im Globus»-Schilder an der Decke montiert. Kurzer prüfender Blick. Bei den Damen einen Stock tiefer winkt er den Verkäuferinnen zu, die Etiketten an Cardigans, an festlichen Kleidern und kuscheligen Mänteln mit reduzierten Preisen bekleben; tausende Artikel, die raus müssen. In der Ferne ist ein Staubsauger zu hören, der den letzten Weihnachtsglitzer zum Verschwinden bringt. Rittscher lacht, ist gut aufgelegt: «Der Ausverkauf schafft Platz für Neues. In diesen Tagen treffen nämlich die ersten Frühjahrskollektionen ein.»

Die Dekorateure haben noch früher als der Chef mit der Arbeit begonnen. Viel früher. «Sie haben die ganze Nacht geschuftet und die Weihnachtsdeko zurück ins Lager verlegt,» sagt Rittscher. Für jedes Stockwerk existiert ein Plan, eine Zeichnung, was wohin verschoben oder gar weggefugt wird.

Kurz vor Ladenöffnung um 8.30 Uhr bricht bei der Geschirrauslage im dritten Stock Hektik aus. Mehrere Dutzend Teller müssen noch mit dem reduzierten Preis beschriftet werden. Dass der Fotograf jetzt ein paar Fotos schiessen möchte, kommt nicht gut an: «Lassen Sie das. Wir sehen ziemlich fertig aus», ruft eine übernächtigte Dekorateurin.

Um diese Zeit haben es die berühmten überdimensionierten Globus-Rotstifte noch nicht ins Schaufenster geschafft.

Zum Ausverkaufsstart habe die Umgestaltung des Ladeninnerns erste Priorität, danach komme die Änderung der Preisetiketten an den Artikeln und erst als dritte Priorität am Nachmittag die Umgestaltung der Schaufenster, so Rittscher: «Die Leute wissen ja, dass Ausverkauf ist, kommen sowieso in den Laden». Und mit diesen Leuten braucht es ab und an Geduld, sagt eine Verkäuferin in der Parfümerieabteilung: «Die Schnäppchenjäger legen ein anderes Kaufverhalten an den Tag als unsere Stammkunden. Sie sind sehr fokussiert, vereinzelt aggressiv.» Manche wollten wie auf dem Markt verhandeln – «etwa, wenn sie zwei Stück eines Produkts kaufen und fragen, ob sie das dritte gratis haben können».

Grosse Enttäuschung

Freud und Leid liegen im «Sale» nah beieinander. Laut Rittscher kommt es nicht selten vor, dass die Konsumenten ein ganz bestimmtes Produkt im Auge haben, auf dessen Preisreduzierung sie seit Wochen warten. Wenn es zum Ausverkaufsstart nicht mehr erhältlich sei, etwa ein Paar Schuhe in einer bestimmten Grösse, sei die Enttäuschung gross: «Sale ist pure Glückssache.»

In der Woche nach Weihnachten sind es nicht nur die Sparfüchse, die ihren Weg ins Warenhaus finden. Die vielen Gutscheine, die verschenkt wurden, wollen eingelöst werden. «Umgetauscht wird derweil nicht viel. Vor ein paar Jahren war das ganz anders», so Rittscher. Dass die Trefferquote beim Schenken grösser ist, habe sicherlich mit dem Internet zu tun: «Die Leute sind besser informiert, der Wunsch kann klar benennt werden.» Gut für Globus: Wer nicht umtauschen muss, dem bleibt mehr Zeit für Spontankäufe. Etwa von kitschigen Christbaumkugeln.