Basler Geschichte(n)

Von falschen und echten Türmen

Ausschnitt aus dem Merian-Plan von 1615: Der Salzturm bei der Mittleren Brücke.

Ausschnitt aus dem Merian-Plan von 1615: Der Salzturm bei der Mittleren Brücke.

Basler Stadtgeschichte(n), Teil 20 – über Kirchtürme, Stadtmauertürme, Rittertürme und andere Türmen.

Natürlich gab es in der mittelalterlichen Stadt Türme: Kirchtürme, Stadtmauertürme, Rittertürme, ja sogar Treppen- und Latrinentürme wären aufzuführen. Türme bei Kirchen empfinden wir als so selbstverständlich wie das Amen in denselbigen, und doch: Die Liturgie schreibt sie nicht vor. Der Urbau von St. Peter aus dem 9./10. Jahrhundert kam ohne Turm aus, ebenso diejenigen der romanischen Kirchen St. Leonhard, St. Andreas (auf dem heutigen Andreasplatz) und vielleicht auch St. Alban. Und die Bettelordenskirchen haben auch nur einfache Dachreiter. Dagegen besassen die ältesten Münsterbauten Kirchtürme.

Basel ist nicht San Giminiano

Und es gab Stadtmauertürme. Davon zeugen Matthäus Merians Stadtansichten. Dort sind entlang der äusseren Stadtmauer gleich deren 40 zu sehen, dazu fünf Tortürme. Doch bereits bei der inneren Stadtmauer entlang der «Graben»-strassen (St. Alban-Graben bis Petersgraben) wird es problematisch: Am St. Alban-Graben stand kein einziger, und wohl alle halbrunden Türmchen waren nachträglich an die Stadtmauer angebaut worden, als bereits Vorstädte mit eigenen Befestigungen entstanden sind.

Das hübsche Türmchen gegenüber dem Kollegienhaus am Petersgraben enthält heute noch Reste einfacher floraler Wandmalereien: Es gehörte zu einem Patriziersitz am Nadelberg 10 (Zerkindenhof) und war eine Art von Gartenhäuschen in Form eines militärarchitektonisches Accessoires. Das dürfte auch für andere dieser Türme am Petersgraben gelten. Diejenigen am Leonhardsgraben wurden gar als Latrinentürme verwendet. Bei den Türmen der inneren Stadtmauer sind also Vorbehalte anzubringen.

Und die Türme der Ritter, der in der Stadt wohnenden Adligen? Man kennt San Giminiano in der Toscana mit seinen übertrieben hohen Geschlechtertürmen, auch in Bologna stehen noch zwei, Regensburg ist dafür bekannt, in Zürich sind sie auch zu finden – und in Basel? Gegen 20 sollen es gewesen sein. Aber einzig der Salzturm bei der Birsigmündung hat das Mittelalter überlebt. Und doch zeigte sich, dass von dieser angeblichen Turmpracht nicht viel übrig bleibt, wenn man die Quellen kritisch betrachtet und Archäologie und Bauforschung heranzieht. Die meisten entpuppten sich als blosse Hausnamen, so etwa das Eckhaus «zum Roten Turm» (oder auch «Türmlein») mit der späten Erstnennung 1457, eine winzige Parzelle am Fusse des Münsterbergs. Als sogenannte Geschlechtertürme haben in der langen Turmnamenliste bloss ein knappes halbes Dutzend Bestand, zum Beispiel der nach dem Ritter Wernero de Schalon (1164) benannte «Schalonturm» an der Schneidergasse 12 oder der «Schwarze Turm» im Gerbergässlein 2. Es fehlen noch die eingangs nicht genannten Wehrtürme, eine weitere Turmart, die sich von den andern abhebt.

Der Salzturm wurde schon genannt: Ein hoher, aus massiven Sandsteinquadern erbauter Turm an der Schifflände, der offensichtlich eine Wehrfunktion hatte und 1829 abgebrochen wurde. Zwei gleichartige, nur im Fundament erhaltene Türme wurden an der Schneidergasse 12/14 und an der Stadthausgasse (heutige Steuerverwaltung) entdeckt, und zwei weitere sind auf dem Marktplatz und an der untersten Freien Strasse zu vermuten. Bezeichnenderweise sind sie meist namenlos. Ihre einheitliche Bauweise und Bauzeit um 1200 lassen als Bauherrn den Bischof als Stadtherrn vermuten. Interessant: Schon nach wenigen Generationen wurden sie im 13. Jahrhundert mit Ausnahme des Salzturms wieder beseitigt – hängt dies mit dem Erstarken des Bürgertums, dem Aufkommen der Zünfte und eines städtischen Rates zusammen?

Wie turmreich war die Mittelalterstadt?

So selbstverständlich, wie man das zunächst annimmt, sind sie also nicht. Manches schlanke und hohe Haus hat die Gestalt zum Anlass genommen, sich mit einem Turmnamen gewissermassen aufzurüsten. Die Gründungsbauten vieler Kirchen kamen ohne Kirchtürme aus, und selbst Stadtmauertürmchen konnten zivile und höchst prosaische Einrichtungen sein. Und ausgerechnet die stärksten und eindrücklichsten aller Türme, die Wehrtürme, blieben meist namenlos.

Wer sich von der mittelalterlichen Stadt Basel ein Bild macht im Stil einer turmreichen romantischen Burgendarstellung, wird enttäuscht werden. Oder, um es mit einer elsässischen Quelle des ausgehenden 13. Jahrhunderts zu beschreiben: «Die Strassburger und Basler lebten in armseligen Stadtmauern und Bauwerken, aber in noch viel geringeren Häusern mit wenigen guten und sehr kleinen Fenstern und entbehrten des Lichts. Die Vornehmen hatten kleine Türmchen, die sie vor ihresgleichen kaum verteidigen konnten.»

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