Basler Pop-Preis 2017
Von Videospielen und Krautrock-Platten

Mischa Nüesch alias Audio Dope entführt mit seinen Sounds in versunkene Traumwelten.

Yannette Meshesha
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So wie andere Tagebuch schreiben, macht er seine Songs am Computer: Mischa Nüesch alias Audio Dope.

So wie andere Tagebuch schreiben, macht er seine Songs am Computer: Mischa Nüesch alias Audio Dope.

Martin Toengi

Ausserirdisches Rauschen, das langsam in Windböen umschlägt. Ein glockenhelles Klingeln und dann Klaviertöne. Wie aus einer anderen Dimension schallen sie herüber und kitzeln Erinnerungen, Sehnsüchte und Traumbilder wach. Dann leichte Klatschrhythmen, die den Puls anregen. So hebt der Song ab, entrückt: «Solar Soliloquy» heisst der Soundtrack eines gleichnamigen Kurzfilms. Die Verbindungen von leichten Glockenklängen, elektrischem Surren, Chorgesang, Alltagsgeräuschen und pulsierenden Bässen sind charakteristisch. «Meine Musik ist eher etwas für die Kopfhörer, für das Private, weniger für die Tanzfläche», sagt Mischa Nüesch, der Mann hinter dem Pseudonym: Audio Dope.

Der 26-Jährige, der kürzlich sein Informatikstudium beendet hat, kommt gerade vom Zivildienst und muss bald weiter zum Hockey-Training. Die Kellnerin stellt unsere Getränke auf den Tisch. Nüesch sagt: «Die Nominierung für den Basler Poppreis kam für mich überraschend. Es ist schön, von der eigenen Stadt diese Aufmerksamkeit zu bekommen.»
Da er seine Musik vor allem im Internet verbreite, merke er «nur so halb», wie er in seiner Heimatstadt Basel wahrgenommen werde. «Klar erhalte ich von Bekannten hier Resonanz, aber durch den englischen Künstlernamen stand meine Musik schon immer allen offen. Und Songs ohne Text kennen auch keine Sprachbarriere.» Ein Sprachaufenthalt in London habe seine Musik geprägt. «Seither bin ich eher England-orientiert.» Dass er nun in Basel als Musiker Beachtung finde, sei ihm durch die Pop-Preis-Nominierung wieder mehr ins Bewusstsein gerückt. «Ich fühle mich geehrt.»

Fünf Fragen an Audio Dope

1 Mit welchem Musiker oder welcher Band möchtest du auf Tour gehen?

Mit Sun Kil Moon. Zwar hat seine Musik nicht sehr viel mit meiner zu tun, das ist eher so Country-Folk, aber seine Liveshows sind einfach zum Kaputtlachen genial.

2 Was würdest du mit dem Preisgeld anstellen?

Ich will nicht zu viel verraten, aber ich könnte mir vorstellen, bei Liveauftritten und Produktionen mehr mit Instrumentalisten zusammenzuarbeiten.

3 Wenn Audio Dope ein Tier wäre: Welches?

Ich würde sagen ein Chamäleon, denn so heisst auch mein zweiter Release. Das Tier ist spannend, verschiedenartig und nicht immer auf den ersten Blick sichtbar.

4 Wer deine Musik hört, ist…

...unkategorisierbar.

5 Wo landest du am liebsten nach deinen Auftritten?

Backstage mit meinem Agenten und meinem Manager oder in meinem Bett.

Samples nach Stimmung

Die Frauen am Nebentisch lachen laut auf. Die Kellnerin stösst fast mit einem Passanten zusammen, der Kaffeelöffel klappert auf ihrem Serviertablett gegen die Tasse. Ein Auto stottert um die Ecke. Ob Nüesch für seine Musik auch selber solche Geräusche aufnimmt? «Das würde ich sehr gerne machen, aber mir fehlt noch ein richtig professionelles Aufnahmegerät», sagt er und lächelt. «Ich suche Samples und Klänge, die zu den Stimmungen und Emotionen passen, die ich ausdrücken will und dann setze ich sie zusammen.» Häufig nehme er Samples von alten Schallplatten. «Die Platten suche ich mir zusammen, indem ich zum Beispiel bei Hausräumungen nachfrage, ob ich welche mitnehmen darf», erklärt Nüesch. «Am liebsten verwende ich Psychedelic- und Krautrock-, Jazz- oder Funk-Platten, die ich auch selber gerne höre.»

Die Liebe zur Musik kommt bei ihm nicht von ungefähr. «Mein Vater liebt Musik ebenfalls, und wenn wir früher irgendwo hingefahren sind, hat er im Auto immer laut seine Songs abgespielt», lacht Nüesch. «Ein zweiter Einfluss waren Videospiele. Schon früh faszinierten sie mich – und einige Soundtracks von Super-Nintendo-Games sind einfach genial.» Beim neusten Audio-Dope-Release «Instant Noodle Soup» seien einige davon als Samples zu hören. «Ich war schon immer gern am Computer. Mit Programmen ein Resultat zu erzielen, etwas zu kreieren, hat mir gefallen.» Irgendwann habe er dann ein Musikprogramm in die Hände bekommen und so mit eigenen Songs angefangen. «Es war eigentlich totaler Zufall. Wenn ich damals ein Filmschnittprogramm erwischt hätte, wäre ich heute vielleicht angehender Regisseur.»

Back to Bands

«So wie andere Tagebuch schreiben, mache ich meine Songs am Computer. Ich flüstere meine Erlebnisse in das Kischtli und das übersetzt es dann in Musik.» Alles basiere auf persönlichen Erfahrungen. «Ich mache Musik in erster Linie für mich. Wenn sie bei anderen gut ankommt, freut mich das, aber ich denke beim Produzieren nicht an ein Publikum.»

Diese Haltung hat Nüesch auch beibehalten, als der deutsche Rap-Star Samy Deluxe seine Koproduktion mit Slampoet Laurin Buser entdeckte und als EP herausbrachte. «Das war natürlich grossartig für Laurin. Wenn ich auf diesen Hip-Hop-Zug hätte aufspringen wollen, wäre das eine gute Chance gewesen, aber ich habe nicht nachgepackt.» Für ihn sei das so stimmig. «Man muss aufpassen, dass man sich treu bleibt und nicht nur macht, was den Leuten gefällt. Sonst wird der Druck zu gross.» Dennoch habe ihm dieser Erfolg gezeigt, dass seine Musik auch ausserhalb der Schweiz funktioniere.

Eine Zeitung knistert unter dem Arm eines älteren Herren, die Kaffeemaschine zischt, eine Tramklingel schrillt. Sind solche Geräusche, elektronisch verzerrt, die Musik der Zukunft? Nüesch sagt: «Ich glaube, man kommt langsam wieder zurück zu Bands und Instrumenten. Zehn Jahre lang hat der elektronische Sound dominiert, aber man merkt auch, dass das live schnell eintönig werden kann.»

Aus diesem Grund arbeite er seit knapp einem Jahr bei seinen Auftritten mit einem Schlagzeuger. «Diese Hybridform ist eine tolle Ergänzung zu meinem Sound, der ja auch von speziellen Rhythmen geleitet ist. Diese finden mehr Beachtung, wenn jemand sie live spielt.»
Auch andere Entwicklungen stellt Mischa Nüesch bei seiner Musik fest. «Mein erster Release, meine Maturarbeit, war noch eher Hip-Hop-orientiert. Dann kam 2012 der Einfluss von London dazu.»

Einen spannenden Querschnitt durch das bisherige Schaffen von Audio Dope wird sein erstes Album bieten, welches 2018 herauskommt. «Ich freue mich schon riesig. Es ist zu 99 Prozent fertig und alles steht in den Startlöchern», sagt Nüesch und fügt hinzu: «Das Album fasst vieles aus der Vergangenheit zusammen, aber gibt auch einen scheuen Einblick in die musikalische Zukunft.»

Und der Pop-Preis? «Der würde dazu führen, dass Dinge, von denen ich träume, konkreter werden.»