Einkaufstourismus
Von wegen Enttäuschung! In Lörrachs Kassen stapelt sich Bargeld

Laut anderen Medien profitieren nicht alle deutschen Orte in Schweizer Nähe vom tiefen Eurokurs und dem damit einhergehenden Einkaufstourismus. Doch oft vergessen sie die Region Basel. Hier beklagt sich niemand.

Martina Rutschmann
Merken
Drucken
Teilen
Die Bauern am Lörracher Markt leben seit Jahren von und mit Schweizer Kunden: Gut ein Drittel machen die Schweizer aus – egal, wie tief der Euro gerade ist.Juri Junkov

Die Bauern am Lörracher Markt leben seit Jahren von und mit Schweizer Kunden: Gut ein Drittel machen die Schweizer aus – egal, wie tief der Euro gerade ist.Juri Junkov

Juri Junkov/Fotograf

Von wegen Basler Phänomen! «Lädelisterben» gibt es auch in Deutschland, tiefer Eurokurs hin oder her. In Baden-Württemberg ist die Situation so ernst, dass Radio SWR das «Lädelisterben» am Dienstag zum Thema machte. Traditionsläden verschwinden – aus Stuttgart. Hiess es. Und wer jetzt denkt, klar, Stuttgart liegt halt nicht an der Schweizer Grenze, der irrt zwar nicht, vergisst aber eins: Auch Grenzstädte sind unglücklich. Dies jedenfalls wusste der «Blick» am Montag zu berichten.

Wie die ganze Schweiz in diesen Tagen konzentriert auch er sich auf die Einkaufstourismus-Region Konstanz – und vergisst dabei die Ortschaften in der Region Basel. Die Zeitung schreibt: «Detailhändler in Konstanz und Waldshut sind enttäuscht. Es kamen bisher viel weniger Schweizer Shoppingtouristen als erwartet.» Schuld seien die Onlineläden, die liefen jetzt wie verrückt.

Mehr Textilien, gleich viel Medis

Und was sagen wir dazu? Tja, auch der Lieferadressservice Las Burg in Weil spürt den Erfolg der Internetläden: «Es läuft so gut wie sonst höchstens an Weihnachten», sagt Melina Kern von Las Burg. Aber: Im Gegensatz zu anderen Regionen leiden die «echten» Geschäfte hier nicht unter dem Internet. Weil am Rhein geht es seit der Eröffnung der Tramlinie eh gut. Und auch Lörrach kennt weder akutes «Lädelisterben», noch ist dort irgendjemand enttäuscht. Im Gegenteil. Eine Umfrage der bz ergab, dass entweder mehr Kunden kommen als früher oder gleich viele. Je nach Branche: Textilien laufen besser, Medikamente gleich gut.

Enttäuscht ist daher niemand. Eher ratlos: «Wir haben uns am Samstag gefragt, wie wir die Kunden bis Feierabend aus dem Geschäft bringen», erzählt die Verkäuferin eines Kleiderladens. «Es ist Wahnsinn! Sie kommen in Scharen, kaufen mehr als sonst. Und viele bezahlen mit Bargeld.» Sie brauchten plötzlich blockweise grüner Mehrwertsteuer-Zettel. Was sie sagt, wird überall bestätigt. Bargeld ist top. Die Erklärung der Detaillisten: Wahrscheinlich seien vor zwei Wochen viele Schweizer auf die Bank gerannt, nachdem die Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufgehoben hatte. Mit dem damals gehamsterten Bargeld hamstern sie jetzt Pullover, Schuhe und sogar Brillen, wie in einem entsprechenden Geschäft zu erfahren ist. Und dass die Wagen in den Esswarenläden voller als je zuvor sind, versteht sich von selbst.

Doch wie gesagt: Es profitieren nicht alle gleich stark von den Hamsterkäufen. Auf dem Lörracher Markt sagten am Dienstag alle Standbetreiber in etwa dies: «Wir hatten schon immer viele Kunden aus der Schweiz, mehr sind es seit dem tiefen Euro nicht.» Das sei kein Problem, gut ein Drittel der Stammkunden komme sowieso aus der Schweiz, egal, wie der Kurs gerade sei.

Freie Bahn für ältere Shoppende

Möglicherweise sei es aber auch nur die Ruhe vor dem Sturm. Marktfrau Helga Mäder jedenfalls schliesst nicht aus, dass sie im Frühling mehr Leute beschäftigen muss, um Spargeln zu stechen. Und auch die anderen Bauern können sich einen weiteren Zuwachs der Kunden vorstellen. Die Behauptung mancher Einheimischer, die Preise seien bereits gestiegen, bestätigt allerdings niemand. «Ich habe schliesslich auch Kunden aus Deutschland, und denen kann ich keine höheren Prise zumuten», sagt der Imker Georg Bühler.

Er glaubt sowieso, die Schweizer kämen nicht nur des Geldes wegen nach Lörrach, «sondern weil es urchiger ist». Eine Basler Rentnerin bestätigt dies. Ausserdem fände sie den kleinen Nüsslisalat nur hier. Und das Geld? Na ja, auch das Geld sei ein Grund: «Die Ware auf dem Basler Markt ist zu teuer.»

Diese Dame war in guter Gesellschaft am Dienstag. Vor allem Rentner waren anzutreffen. Auch das sei schon immer so gewesen, sagen die Marktleute unisono: unter der Woche die älteren Herrschaften, am Wochenende alle. Mit dem Unterschied, dass «alle» seit dem tiefen Eurokurs mehr geworden sind.

Genau: «Wir spüren die Auswirkungen», sagt Patrick Gantenbein von der Schweizer Grenzwache. Zahlen nenne er keine, da im Februar über das Grenzjahr informiert werde – und aus aktuellem Anlass über die Eurokurs-Auswirkungen. Was er sagen könne: Mehr Kontrollen gebe es nicht, da das Personal nicht vorhanden sei. Das wiederum dürfte einige Hamster freuen.