Die Trennung der Handelskammer beider Basel (HKBB) von ihrem Direktor Franz Saladin kam letzte Woche selbst für Insider sehr überraschend. Knall auf Fall verabschiedete sich eine der gewichtigen Stimmen der regionalen Wirtschaftspolitik. Es sei der ideale Zeitpunkt, seine nun über sechseinhalb Jahre dauernde erfolgreiche Führungsperiode in neue Hände zu legen, so die offizielle Version.

Recherchen der bz zeigen ein anderes Bild: Bei der Handelskammer hängt offenbar schon seit längerem der Haussegen schief. Berichtet wird von strenger Kontrolle, kleinlichen Vorschriften und wenig Gestaltungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter. Das offensichtlichste Indiz: Seit vergangenem Frühling hat gemäss mehreren Quellen rund ein Drittel der gut dreissig Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, darunter drei Kadermitarbeiter, zuletzt die beiden Bereichsleiter Raumplanung, Energie und Umwelt und Finanzen und Steuern – Letzterer notabene genau in dem Jahr, in dem mit der Steuervorlage 17 die absolut zentralste Vorlage für den Standort Basel überhaupt ansteht. Weitere waren längere Zeit krankgeschrieben oder erlitten ein Burn-Out. Auf Anfrage bestätigt der interimistische Direktor Martin Dätwyler, dass es im vergangenen Jahr viele Abgänge gegeben hat. «Dies hat aber viele Gründe, etwa persönliche Entwicklungen der Mitarbeiter, Pensionierungen, Leute, die sich umorientieren, aber auch solche, mit denen wir nicht zufrieden sind», sagt er.

Eine Reihe teils langjähriger ehemaliger Mitarbeiter stellen der Handelskammer ein vernichtendes Zeugnis aus: «Saladin war immer nur auf die Aussenwahrnehmung bedacht, aber um die Stimmung im Unternehmen hat er sich nicht gekümmert.» Ein Beispiel dafür sei der neue Standort der HKBB an der St. Jakobsstrasse: «Er sieht toll aus, aber die Arbeit wurde massiv erschwert», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. So sei es deutlich lärmiger geworden. Rückzugsmöglichkeiten um in Ruhe arbeiten zu können, gebe es keine.

Gegen aussen habe der Direktor die HKBB als gross, stark und bedeutend dargestellt, «intern wurde man kleingehalten», so ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter. Saladin, der auch als Personalchef geamtet hat, habe ein rigides und kleinliches Regime eingeführt. So gab es beispielsweise eine Clean Desk Policy. Die Vorgabe: «Es muss so schön sein, wie wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt.» Familienbilder, Pflanzen und Ähnliches seien am Arbeitsplatz strikt verboten. Wer die sterile Arbeitsumgebung störte, sei per Mail vom Direktor persönlich ermahnt worden.

Starre Vorschriften

Auch sei Saladins Führungsverständnis stark von Kontrolle geprägt gewesen: Selbst Bereichsleiter hätten kaum selbstständige Entscheidungen treffen können, alles musste per Antrag vor die Geschäftsleitung gebracht werden. «So wurden selbstständiges Arbeiten ausgebremst, die Prozesse verlangsamt und die Mitarbeitermotivation gedrückt.» Für Probleme habe er kein offenes Ohr gehabt: «Ich habe immer gerne bei der HKBB gearbeitet, aber unter diesen Umständen war es nicht mehr möglich», so ein Ex-Mitarbeiter.

Gleichzeitig wird von einem starren Festhalten an Richtlinien und Reglementarien berichtet: «Es ging kein Brief raus, ohne dass Saladin nicht persönlich noch die Zeilenabstände kontrolliert hätte», so ein ehemaliger Mitarbeiter. Ein weiteres Beispiel: Wer mit dem Auto zur Arbeit kommen wollte, musste sich drei Tage vorher melden, um einen Parkplatz zu erhalten, auch wenn diese in der Folge oft unbenützt waren.

Weiter berichtet ein Mitarbeiter von einem Denunziantentum, das geherrscht habe: «Wenn man ein paar Minuten zu spät aus dem Mittag kam, hat dich garantiert einer per SMS beim Chef gemeldet und am nächsten Tag wurde man dann zitiert.» Im Alltag habe Saladins Stellvertreter Martin Dätwyler, der die HKBB zurzeit interimistisch führt, dafür gesorgt, dass der Laden am Laufen bleibe und dies offenbar auch mit deutlichen Worten: Mehrere Mitarbeiter berichten von einem sehr autoritär geprägten Führungsstil: «Es herrschte ein Ton wie auf dem Kasernenhof.» Dätwyler sagt dazu: «Ich habe in der Sache einen direkten Führungsstil. Wir müssen viele Themen in kurzer Zeit erledigen.» Er nehme sich aber immer Zeit für seine Mitarbeiter.

Vielsagend sind diesbezüglich auch die Einträge zur HKBB auf der Homepage kununu.com, auf der Mitarbeiter anonym über ihre Firma bewerten können. Eine – nach eigenen Angaben – Führungskraft hat der HKBB in allen Bereichen die Bestnote von fünf Sternen gegeben. Die restlichen vier Bewertungen fallen sehr kritisch aus, sind aber deutlich konkreter und aufgrund der Details deutlich glaubwürdiger.

Nachdem die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter letzten Sommer das Präsidium der HKBB übernommen hatte, meldeten sich mehrere Mitarbeiter bei ihr. Zu ihrer Rolle bei der Trennung will sich Schneider-Schneiter will sich nicht äussern: «Ich bin sehr enttäuscht, dass ehemalige Mitarbeiter in den Medien eine Abrechnung austragen und hoffe, dass nun Ruhe einkehrt.» Saladin war gestern nicht erreichbar.