Wirtschaft

Von wegen Rücktritt – MCH-Präsident Ueli Vischer zu Messedebakel: «Die Baselworld gibt es so nicht mehr»

Mit einem Paukenschlag verabschiedeten sich am Dienstag Rolex, Tudor, Patek Philippe, Chanel und Chopard von der Baselworld. Lokalpolitiker fordern den Rücktritt von Regierungsräten und Präsident Ueli Vischer aus dem Verwaltungsrat der MCH Group. Das sei keine Option, sagt Vischer im Interview.

Herr Vischer, kann es noch eine Baselworld geben?

Ueli Vischer: So, wie wir sie in den besten Jahren gekannt haben, wird es sie nicht mehr geben. Die jetzige Situation ist nicht nur ein grosser Schlag für unser Unternehmen, sondern auch für das ganze wirtschaftliche Umfeld, in dem die MCH Group Messen und Events organisiert. Dessen Schaden ist mindestens so bedeutend wie der unsrige. Das bewegt uns sehr.

Gab es gar keine Vorzeichen?

Nun, im Nachhinein ist man immer schlauer. Tatsächlich gab es schon vergangene Woche Alarmzeichen, als uns die Uhrenfirmen mitteilten, dass die Verschiebung auf Januar 2021 das Ende der Baselworld bedeuten könnte. Es ging um unser durchaus grosszügiges Angebot für die Rückerstattung geleisteter Zahlungen, das aber voraussetzt, dass 2021 wieder eine Baselworld stattfindet.

Ihr Parteikollege, LDP-Nationalrat Christoph Eymann, polterte tags darauf gegen das Gebaren der Uhrenfirmen. Hegen Sie einen Groll?

Nein. Das lief alles professionell und legitim ab. Dazu gehört nun mal auch, dass man in der Kommunikation der Gegenseite voraus kommt und damit Gespräche verhindert, die zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr erwünscht waren.

Drohungen seitens der Uhrenfirmen waren sie sich ja aber eigentlich gewohnt.

Ich halte das eher für Forderungen selbstbewusster Aussteller. Solche gab es tatsächlich schon beim Hallenneubau. Man muss aber beachten, dass Firmen wie zum Beispiel Rolex bis zuletzt sehr hohe Umsätze an der Baselworld erzielten. Daher kam die Unmittelbarkeit des Entscheids zum jetzigen Zeitpunkt doch sehr überraschend.

Lieferanten und Hotellerie sind jedenfalls aus allen Wolken gefallen.

Dem ist so. Erst vergangene Woche legten uns die Hoteliers noch ans Herz, die Gespräche mit den Ausstellern in gute Bahnen zu lenken. Ihre Ausfälle sind unerhört hoch, auch wenn die Umsätze in den vergangenen zwei Jahren bereits zurückgegangen waren.

Nun waren Rolex und Konsorten ja nicht die einzigen Aussteller. Was bedeutet das Ende der Baselworld, wie wir sie kannten, für alle weiteren Aussteller? Das sollte auch eine Chance sein.

Das ist die entscheidende Frage, die wir in den kommenden Wochen und Monaten beantworten müssen. Das tun wir nicht vom Schreibtisch aus, sondern führen viele direkte Gespräche. Zurzeit treffen stündlich Anfragen von Ausstellern ein, die uns zum Weitermachen ermutigen. Aber ich halte fest: So lange die wichtigen grossen Aussteller einen Anziehungspunkt bildeten, funktionierte die Baselworld in gewohnter Form. Tun sie das nicht mehr, muss die Messe neue Anziehungspunkte bieten. Daran arbeiten wir jetzt.

Rückt damit die Baselworld konzeptionell näher an die Art Basel?

Nein, die zwei Messen kann man nicht miteinander vergleichen. Die Baselworld ist ein klassisches Business-to-Business-Geschäft. Bei der Art Basel geht es um das Geschäft mit den Kunden, den Kunstkäufern. Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Messe-Typen. Auch wenn es sich letztlich in beiden Fällen um Luxusprodukte handelt, die vertrieben werden.

Die Börse reagierte prompt, der Kurs sank wieder auf das historisch tiefe Niveau von zu Beginn des Lockdowns. Wie halten Sie das Vertrauen der Investoren aufrecht?

Wir werden unseren Strategieprozess weiterführen, angesichts von Corona auch unter den sehr erschwerten Bedingungen. Die Strategie scheint uns immer noch die richtige zu sein. Ich sage bewusst «scheint»: Denn die Lage ändert sich von Woche zu Woche, das Ende ist noch nicht absehbar. Klar aber ist, dass physisches Zusammentreffen auch nach Corona sehr gefragt sein wird – allerdings wesentlich unterstützt durch digitale Massnahmen.

Sollten die Art Basel und die Art Basel Miami Beach Ende Jahr nicht stattfinden können, wäre die MCH Group dann existenziell bedroht?

Nein. Wir wären nicht existenziell gefährdet. Das haben unsere Szenarien ergeben. Allerdings schmilzt das Liquiditätspolster, das wir in den vergangenen zwei Jahren angelegt haben. Dieses Geld benötigen wir, um diese schwierige Zeit zu überstehen. Daher können wir auch niemandem wegen der Messe-Ausfälle finanziell allzu grosszügig entgegenkommen und den Schaden alleine tragen.

Basler Parteien zeigten sich vom Rückzug der Aussteller schockiert, einige fordern bereits Ihren Rücktritt aus dem Verwaltungsrat. Ziehen Sie sich nun zurück?

Nein. Die Forderungen sind aus lokaler Perspektive verständlich und kommen weder unerwartet noch zum ersten Mal. Es wäre allerdings nicht sehr weise von irgendjemandem, wegen dieser Überraschung zurückzutreten. Wir sind überzeugt, mit unserem Strukturprozess auf dem richtigen Weg zu sein. Wir haben bereits kommuniziert, dass die Struktur der Gesellschaft sowie der Verwaltungsrat in diesem Zuge ohnehin zur Disposition stehen werden. Daher wird sich in nächster Zukunft auch ohne den Faktor Corona sehr viel verändern.

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