Rathaus Basel Interview mit Stefan Hess
Vor 100 Jahren war die Politik noch toleranter

Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre in der Geschichte des Rathauses: Ritter, Todesurteile und ein sozialistischer Frauentag im Grossratssaal des Rathauses aus der Sicht des Historikers

Annika Bangerter
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Geschichte des Rathauses
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Hans Baer, der mit Tüchern handelnde Held von Marignano. Roland Schmid
Ende des 19. Jahrhunderts kam das Rathaus noch schlicht daher. Erst mit dem Umbau 1904 wurde es zur Visitenkarte der Stadt und zur touristischen Sehenswürdigkeit. Staatsarchiv Basel-Stadt AL45, 5
Den Basilisken auf dem Helm: Lucius Munatius Plancus. Roland Schmid

Geschichte des Rathauses

Martin Toengi

Herr Hess, beginnen wir in der Gegenwart: Was für eine Bedeutung hat das Rathaus heute?

Stefan Hess: Das Rathaus ist nach wie vor das Zentrum für das politische Basel. Mit dem Präsidialdepartement beherbergt es auch einen Teil der Verwaltung. Daneben ist das Rathaus ein Symbol der Öffentlichkeit. Es finden darin verschiedene offizielle Anlässe, Empfänge und Ehrungen statt. Zudem ist es ein Ort, wo sich der Protest aus der Bevölkerung manifestiert. Fast alle Demonstrationen passieren das Rathaus oder versammeln sich davor.

War das Rathaus immer das politische Zentrum von Basel?

Das ist und war seine Urfunktion. Unsere Kenntnisse über die Rathäuser in Basel reichen bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück. Auch in dieser Zeit war das Rathaus ein Versammlungsort. Allerdings standen die Räte damals noch unter dem Einfluss des Bischofs.

Wer tagte in diesem Rat?

Der Rat im 13. und frühen 14. Jahrhundert setzte sich aus vier Rittern und acht Burgern zusammen. Diese sogenannten Achtburger kamen aus nichtadligen Familien und bildeten damals die neue Elite. Ihr Reichtum stammte aus Handels- und Geldgeschäften. Innert kurzer Zeit haben sie im Rat das Zepter übernommen. Im 14. Jahrhundert erstarkten die Zünfte und waren ab 1337 auch im Rat vertreten. Mit dieser Entwicklung etablierte sich der Rat als eigenständige Kraft und löste sich aus der Abhängigkeit des Bischofs.

Wie ging das vor sich?

Im 14. Jahrhundert befand sich der Bischof in Geldnöten. Alle wichtigen weltlichen Rechte, die er in der Stadt ausübte, konnte ihm der Rat pfandweise abkaufen. Dadurch verschoben sich die Machtverhältnisse. Der Rat formierte sich als mächtiger Gegenpol zum Bischof. Seinen Einfluss erweiterte er durch den Kauf der Reichsvogtei vom König des Deutschen Reichs zusätzlich. Damit war der Rat auch im Besitz der Blutgerichtsbarkeit. Weil es damals keine Gewaltentrennung gab, erhielten die Räte die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden. Bis weit ins 16. Jahrhundert nannte man das Rathaus deshalb meist Richthaus. Es war folglich weitaus mehr als eine Debattierstätte.

Das Rathaus gilt als erster säkularer Repräsentationsbau in Basel. Vorher dominierten die Klöster und Kirchen. Was für eine Entwicklung war notwendig, damit das Rathaus im 16. Jahrhundert gebaut werden konnte?

Der Bau des Rathauses wird häufig in Zusammenhang mit dem Basler Beitritt zur Eidgenossenschaft gebracht. Diese Darstellung ist nicht falsch, aber ein bisschen isoliert. Denn der Anspruch und das Selbstbewusstsein der Stadt sind kontinuierlich durch die Ablösung vom Bischof und durch die gegenüber dem Kaiser behauptete Selbstständigkeit gewachsen. Mit dieser Emanzipation nahmen auch die repräsentativen Bedürfnisse zu. Das alte, nach dem Erdbeben von 1356 errichtete Rathaus genügte dem Rat nicht mehr. Der Neubau des Rathauses von 1514 ist jedoch nicht der erste und einzige Repräsentationsbau der Stadtgemeinde. Auch das Kaufhaus, das Zeughaus und vor allem die Stadtbefestigung mit den hohen Tortürmen waren diesbezüglich bedeutende Bauten.

Was für Folgen hatte der Bau des Rathauses für das städtische Machtgefüge?

Direkte Folgen hatte der Bau nicht, er untermauerte aber den Einfluss des Rates. Im Vergleich zu kirchlichen Bauten wie dem Münster wirkte das 1514 fertiggestellte Rathaus relativ bescheiden. Sein repräsentativer Anspruch wurde vor allem durch vier Elemente sichtbar: die offene Erdgeschosshalle, die Zinnen an der Platzfassade, die farbigen Ziegel und das Glocken-Türmchen auf dem Dach. Aber optisch dominant war das Rathaus damals nicht.

Wann wurde es im Laufe der Geschichte präsenter?

Vorerst verblasste das Rathaus durch die Neubauten der reichen Bürger im 18. Jahrhundert noch stärker im Stadtbild. Liest man die Beschreibungen von Besuchern zu jener Zeit in Basel, fehlt das Rathaus in den Aufzählungen sogar häufig. Erst mit dem Um- und Anbau zwischen 1898 und 1904 erhielt das Rathaus seine optische Ausstrahlung. Mit einem Schlag wurde es zur Top-Sehenswürdigkeit und agierte als Visitenkarte gegenüber den Besuchern. Die Basler waren stolz auf ihr Rathaus. Funktional und als Ort der Macht war es natürlich immer wichtig.

Zurück zum Neubau, dessen Jubiläum diese Woche gefeiert wird. Wer zog vor 500 Jahren ins neue Rathaus ein?

Die Räte mit den verschiedenen Nebenbehörden und Gremien wie der Dreizehnerrat, der die engere Regierung darstellte. Diese bestand aus neun ausgewählten Ratsmitgliedern und den beiden Bürger- und Oberstzunftmeistern. Sie hatten die Themenführerschaft im Rat. Daneben zogen verschiedene Beamte wie der Stadtschreiber und das Archiv in das neue Rathaus ein. Genau genommen sind sie gar nie ausgezogen, denn der bergseitige Bau, in dem der Rat traditionellerweise tagte, war vom Neubau von 1514 nicht direkt betroffen.

Welche Interessen vertrat die Regierung vornehmlich?

Der Rat wurde von Kaufleuten und später auch von Fabrikanten dominiert. Diese standen für die Interessen ihrer Gesellschaftsschichten ein, wobei der Handel stark gewichtet wurde. Obwohl ein einfacher Zunfthandwerker kaum Chancen hatte, sich einzubringen, waren die einflussreichen Räte darauf bedacht, einen gesellschaftlichen Konsens zu wahren. Deshalb achteten sie nach der Reformation immer stärker darauf, dass alle Bürger ein Auskommen hatten. Zu diesem Zweck setzten sie den Zunftzwang durch. Wer also nicht Mitglied in einer Zunft war, konnte im entsprechenden Gewerbe nicht tätig sein. In schwierigen Zeiten, wie beispielsweise dem Dreissigjährigen Krieg, stellten die Räte ihre eigenen Interessen auch mal zurück, um die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln zu gewährleisten.

Lange Zeit bestimmten die Zünfte die Ratsmitglieder. Wann wählte das Volk seine Vertreter im Rat?

Erst durch die revidierte Bundesverfassung wurde Basel im Jahr 1875 dazu genötigt, eine nach heutigen Massstäben demokratische Verfassung einzuführen. Mit dieser erlangten alle Männer mit Schweizer Bürgerrecht auch das Wahlrecht.

Wer kam durch die erste Volkswahl an die Macht?

Die Freisinnigen erhielten die Mehrheit der Stimmen. Da sie in der ersten Legislatur viele Neuerungen einführten, wurden sie bereits bei den zweiten Wahlen abgestraft. Die Liberaldemokraten übernahmen kurzzeitig die Mehrheit, danach behaupteten aber die Freisinnigen bis Anfang des 20. Jahrhunderts die absolute Mehrheit im Grossen Rat.

Was für eine Politik vertraten die Freisinnigen?

Die Freisinnigen um die Jahrhundertwende sind nicht mit dem heutigen Freisinn zu vergleichen, obwohl sie in einer politischen Entwicklungslinie stehen. Sie verstanden sich als «vox populi», also als Stimme des gesamten Volkes. Diesem Anspruch versuchten sie auch, gerecht zu werden.

Wie setzten sie diesen Anspruch um?

Sie achteten darauf, dass ihre Politik mehrheitsfähig war und nicht einzelne gesellschaftliche Kreise ausschloss. Zudem boten sie auch andersdenkenden Gruppierungen die Möglichkeit, das Rathaus als Podium oder Versammlungsort zu nutzen. So konnte der schweizerische sozialistische Frauentag im Grossratssaal abgehalten werden, an dem eine Resolution zur Einführung des Frauenstimmrechts verabschiedet wurde. Auch eine interkonfessionelle Religionskonferenz mit Vertretern des Islams fand im Rathaus statt. Vor 100 Jahren wurde der politische Pluralismus stärker als heute gepflegt. Bei allen – zum Teil hitzigen – politischen Debatten scheint damals eine grössere Toleranz Andersdenkenden gegenüber geherrscht zu haben, als dies gegenwärtig der Fall ist.

Bilder von Mannsbildern als Vorbilder

Das Rathaus ist nicht nur Arbeitsort und Wirkungsstätte aktueller Prominenter von Regierungspräsident Guy Morin bis SVP-Nationalrat Sebastian Frehner. Hier stehen auch Skulpturen und prangen Gemälde von Berühmtheiten vergangener Zeiten. Zwei dieser Promis seien hier vorgestellt, zufällig ausgewählt aufgrund der Grösse und prominenten Platzierung ihrer Bildnisse und der imposanten Dichte ihrer Bärte; nicht etwa wegen ihrer historischen Bedeutsamkeit.

Der legendäre Gründervater

Im Rathaushof steht ein schwer gepanzerter Bartträger. Allerdings hat seine Rüstung nicht viel mit der Zeit zu tun, in der er lebte, sondern ist eine Interpretation aus dem 16. Jahrhundert, als seine Statue geschaffen wurde. Lucius Munatius Plancus galt den Humanisten als Gründer Basels. Plancus, um 87 v. Chr. in Latium geboren war in Caesars Gallien-Feldzügen Kommandant einer Legion. Als Belohnung für Plancus’ Loyalität im Bürgerkrieg machte ihn Caesar kurz vor seiner Ermordung 44. v. Chr. zum Proconsul und Gouverneur der Provinz Gallia Comata, also des Grossteils der von Caesar eroberten Gebiete im heutigen Frankreich, Belgien und der Schweiz. Hier gründete er laut seiner Grabinschrift Lugdunum (Lyon) und Augusta Raurica (Augst). Ob er auch die römische Festung auf dem Münsterhügel errichten liess, darüber schweigen die Quellen.

Worüber die Humanisten schwiegen, die Plancus im Rathaushof ein Denkmal setzten, ist die spätere Geschichte des Caesar-Vertrauten. Im Bürgerkrieg zwischen den Caesaren-Mördern rund um Brutus, Marcus Antonius und Octavian wechselte Plancus dermassen oft die Seiten, dass es schwerfällt nachzuvollziehen, zu wem er wann gerade hielt. Doch die Taktik zahlte sich aus: Plancus starb 15 v. Chr. friedlich. Zehn Jahre zuvor hatte Augustus den Wendehals noch zum Censoren wählen lassen, ein wichtiges Amt, das Plancus dermassen miserabel wahrnahm, dass die Chronisten darüber berichteten. Ein Blick in die Historia Romana des Velleius Paterculus lässt den legendären Gründer Basels übrigens in einem noch schlechteren Licht erscheinen. Velleius bezichtigt Plancus unter anderem des Verrats, der Feigheit, der moralischen Verdorbenheit und der militärischen Inkompetenz.

Die grösste Abbildung einer Person am Rathaus ist aber jene des Prominenten, über den wir wohl am wenigsten wissen. Mehrere Meter hoch steht er an der Seite des Rathausturmes, unübersehbar für jeden, der die Freie Strasse hinunterkommt: Hans Baer, genauer gesagt Hans Baer der Jüngere. Irgendwann vor 1484 wurde er in Basel in eine wohlhabende Tuchhändlerfamilie geboren. Im Laufe seines Lebens erwarb er das Haus «Zum goldenen Falken» und wurde Zunftmeister E. E. Zunft zu Safran, ausserdem war er Mitglied E. E. zum Schlüssel. Doch berühmt und am Rathaus verewigt wurde er nicht wegen dieser Erfolge, sondern wegen der Art und Weise, wie er am 14. September 1515 das Zeitliche segnete.

Die letzte Klarheit fehlt

«Der rettet Basels Fahn/und fiel als Held bei Marignan» lautet die Schrift unter Baers Monumentalabbild. Wie genau er dies tat, darüber sind die Quellen geteilter Meinung. Klar ist: Bär, als Bannerherr der Basler einer der wichtigsten Offiziere im Basler Teil des eidgenössischen Heeres, wurde durch eine Kanonenkugel tödlich verwundet und verhinderte im Sterben noch, dass die Franzosen das Basler Feldzeichen in die Hände bekamen. Laut Wurstisens Basler Chronik gab er sie an einen anderen Basler weiter, obwohl seine Beine von einem Geschoss zerrissen worden waren. Allerdings kann wohl ausgeschlossen werden, dass Baer wirklich das grosse Basler Banner trug, es war wohl nur die kleinere dreieckige Fahne.

Und selbst wäre es das Banner gewesen, dann das sogenannte Juliusbanner mit dem goldenen Stab, nicht der nachreformatorisch-schwarze Baselstab, den er am Rathausturm in Händen hält. Doch egal ob Banner oder Fahne, wer sein Feldzeichen in der Schlacht verliert, verliert auch seine Ehre. Und so bewahrte Baer die Basler vor diesem Gesichtsverlust. Nun ziert er den Rathausturm, in einer typischen zweifarbigen Reisläufer-Uniform, das federgeschmückte Barett auf den Rücken geschoben, den Anderthalbhänder mit kunstvoll geschmiedeter Parierstange am Gurt und die Kuhmaulschuhe an den Füssen. Wer genau hinschaut, der sieht die Schamkapsel unter dem Harnisch hervorragen. Diese aufgepolsterten Hosenschlitze hatten die Landsknechte erfunden, um ihre Männlichkeit zu betonen. (dre)