An einem typischen Mittwochnachmittag ist viel los auf dem Vorplatz des Basler Zolli. Autos kreisen auf der Suche nach einem freien Feld auf dem Parkplatz, Fussgänger strömen vom Bahnhof her zum Haupteingang, Familien aus der ganzen Umgebung kommen in die Stadt. Viele wollen eine der beliebten Fütterungen beobachten – sei es diejenige der Pelikane oder die der Seelöwen. Keiner der Besucher käme auf die Idee, die toten Fische zu bemitleiden, die von den Tieren verschlungen werden.

Zu gross ist der Spass, dabei zuzusehen, wie die Hälse der Seelöwen sich in die Luft strecken und wie die Fische unter Applaus darin verschwinden.

Auch der 4. August 1819 ist ein Mittwoch. Auch an diesem Tag strömen die Basler an den Ort, an dem sich 200 Jahre später der Zolli-Parkplatz befinden wird. Gemäss Erzählungen sind 20 000 Personen vor Ort – die Stadt Basel zählt zu dieser Zeit rund 18 000 Einwohner. Gefüttert werden aber keine Seelöwen, sondern die Schaulust der Anwesenden: Sie verfolgen an diesem Mittwoch beim «Kopfabheini» die letzte Hinrichtung der Stadt Basel.

Das üble Quartett wollte sogar den Pulverturm sprengen

Rund sieben Jahre vor ihrer Hinrichtung beginnen die vier Verurteilten, in der Region ihr Unwesen zu treiben. Ferdinand Deisler von Inzlingen, Jakob Föller von Sonderach, Josef Studer von Oberhagenthal und Anführer Xaver Herrmann von Colmar haben «eine wahre Räuber-Bande gebildet» und versetzen «auf alle nur ersinnliche Art, vorzüglich die Bewohner der hiesigen Stadt, und dann auch wieder in den benachbarten Gemeinden des Kantons, in Schrecken und Schaden ...» – das lässt sich einem Kantonsblatt aus dem Jahr 1819 entnehmen.

Die Basler Obrigkeit versucht lange Zeit, die Diebe zu schnappen. Den Männern werden diverse Verbrechen vorgeworfen: Mord, Strassenraub, Brandstiftung, Kirchenplünderung, gewaltsame Diebstähle aller Art, Postkutschenüberfälle sowie die versuchte Sprengung des obrigkeitlichen Pulverturms.

Der Diebstahl sei ihre tägliche Arbeit, keine Tür sei gut genug verschlossen, kein eisernes Gitter so hart, dass es die Bande nicht «mit ihren Diebs-Schlüsseln oder Brech-Eisen» öffnen könnte.

Die Mitglieder der Bande werden zwischen dem 4. Juli 1817 und dem 11. März 1818 gefasst. « ...durch Zufall, und zwar durch eine von Herrmann und Föller auf der Hägenheimer Strasse angegriffene und beraubte Weibsperson», die Herrmann später als einen der Diebe identifiziert, heisst es im Kantonsblatt. Wie Valentin Lötscher 1969 in «Der Henker von Basel» schreibt, werden Verdächtige oft gefoltert, bis es zu Geständnissen kommt. Wenn der Verdächtige nicht bereits durch das blosse Vorstellen des Scharfrichters gesteht, wird er an einem um die Handgelenke gewickelten Seil aufgezogen.

An seinen Beinen hängen dabei Gewichte. Bei Frauen und leichteren Verbrechen wird die Daumenschraube angewendet. Weitere beliebte Foltermethoden sind die Wanne, der spanische Stiefel oder die Krone – ein um die Stirn gewickeltes Seil. Ob eine dieser Methoden bei der Räuberbande zum Einsatz kommt, ist unklar. Die Männer zeigen sich jedoch geständig: «Im Ganzen sind Einhundert und Ein Verbrechen eingestanden worden», heisst es im Kantonsblatt.

Der Strafprozess gegen die Räuberbande wird ohne gesetzliche Grundlage durchgeführt: Ab 1799 gilt in Basel zwar das «Helvetische Peinliche Gesetzbuch», es verliert aber schon während der Mediation wieder seine Geltung. Erst 1921 wird das Basler Kriminalgesetzbuch erlassen. Am 14. Juli 1819 werden die Diebe trotzdem verurteilt. Hermann, Deisler und Föller sollen «zu wohlverdienter Strafe, und anderen Bösewichten zum Schrecken, durch das Schwert vom Leben zum Tod gebracht» werden.

Drei sollen sterben – der Helfer muss «nur» zusehen

Obwohl die drei Männer die Todesstrafe erhalten, hätte es sie noch schlimmer treffen können. Das Erhängen wird 1819 kaum noch praktiziert. Diese Strafe gilt als schmachvollste Art der Hinrichtung. Juden werden sogar an den Füssen an den Galgen gehängt und mehrere Tage hängen gelassen, was zu einem langsamen Tod führt. Die Enthauptung durch das Schwert gilt als weniger erniedrigend und milder.

Doch auch wenn das Enthaupten als vergleichsweise milde Strafe gilt, kann sie zu einem langwierigen Tod führen. Das Enthaupten fordert vom Scharfrichter Konzentration, Kraft und Geschick: Nicht selten wird von «Fehlleistungen» erzählt, bei denen auch nach mehreren Streichen kein Kopf rollt. 1634 beispielsweise wird ein Scharfrichter abgesetzt, nachdem es ihm auch beim zweiten Anlauf nicht gelungen war, eine Kindsmörderin zu enthaupten. Über den Basler Scharfrichter Martin Mengis (siehe Text rechts) wird erzählt, er übe das Köpfen zu Hause an Attrappen.

Während das Enthaupten und Erhängen lange die häufigsten Todesstrafen sind, zählt Valentin Lötscher eine Liste weiterer Arten auf: Er schreibt vom Massakrieren, Rädern, Vierteilen, Pfählen, Lebendigbegraben, Verbrennen und vom Ertränken. Ertränkt werden hauptsächlich Frauen, Sexualstraftäter werden mit einem Pfahl durchbohrt und Mordbrenner dem Feuer übergeben.

Über knapp 250 Jahre ist in Basel jedoch nur ein Fall einer Hinrichtung durch Feuer bekannt. Auch der Wassertod ist mit 10 Fällen selten. Öfter genutzt werden das Rad (29), der Strang (22) oder das Schwert (197 Fälle). Weiter berichtet Lötscher von Leibesstrafen, die nicht zum Tod führen, etwa Schwemmen, Brandmarken und Zungenschlitzen.

Eine dieser Leibesstrafen erhält Josef Studer, der vierte Dieb der Bande. Seine Rolle beschränkt sich auf seine Tätigkeit als «Helfershelfer», wie Valentin Lötscher schreibt. Studer wird deshalb nicht hingerichtet. Seine Strafe ist eine andere: Er wird gebrandmarkt, muss 24 Jahre Zwangsarbeit leisten – mit einem Blech auf dem Rücken, auf dem «Erz-Dieb» steht – und wird im Widerhandlungsfall 20 Jahre aus der Eidgenossenschaft verbannt. Ausserdem muss er die Exekution seiner Mittäter mitverfolgen.

Knapp zwei Wochen später setzt sich das Appellationsgericht erneut mit dem Fall auseinander. Der Verteidiger von Jakob Föller ist mit dem Entscheid des Kriminalgerichts nicht einverstanden. Am 29. Juli bestätigt das Gericht aber das Urteil.

Das Urteil wird vollzogen, aber «mit Ruhe und Anstand»

Von den Türmen, in welchen die Strassenräuber auf ihre Hinrichtung warten, werden sie am 4. August zum Rathaushof gebracht. Das Urteil wird vorgelesen und die Männer werden zum «Kopfabheini» beim Steinetor geführt. Begleitet werden sie von einer ganzen Formation: «zuvorderst ein Peloton Landjäger, dann die vier Malefikanten, auf zwei Schleifen sitzend gebunden, begleitet von den Geistlichen, umgeben von Schranken, die von vier Soldaten getragen und ausserhalb von 20 Landjägern bewacht wurden, dann folgten mit zwei Ordonnanzen der Statthalter und der Oberst-Ratsdiener, am Schluss nochmals drei Pelotons», schreibt Valentin Lötscher.

Der Scharfrichter und seine Gehilfen nehmen die Verurteilten in Empfang, binden sie unter den Blicken der 20 000 Zuschauer an Stühlen fest. «Mit Ruhe und Anstand» wird das Urteil vollzogen. Jakob Föller, 24, und Ferdinand Deisler, 30, werden zuerst enthauptet. Xaver Herrmann, 30, muss ihnen als Anführer der Gruppe beim Sterben zusehen, bevor sein Urteil vollstreckt wird.

Nach einer Rede von Pfarrer Hoch und der Abdankung des Militärs werden die Leichen von den Kohlenbergern verlocht – unter dem nahe gelegenen Rabenstein, wo alle Leichname von Hingerichteten beerdigt liegen.

Basler Scharfrichter tritt 1838 ab und wird Tierarzt

Die Chance, dass die Räuber eine mildere Strafe erhalten hätten, wären sie nicht aus dem Elsass und dem badischen Raum gewesen, ist gross. Die baselstädtische Strafjustiz sei empörend parteiisch gewesen, schreibt Valentin Lötscher. Bei Stadtbürgern, insbesondere bei Respektspersonen, habe sie mit ganz anderen Ellen gemessen als bei Untertanen oder Ausländern. «Sogar Fälle von Totschlag wurden als blosser Verstoss gegen den Straffrieden behandelt, sodass der schuldige Bürger mit einer Verbannung oder hohen Geldbusse glimpflich davonkam», heisst es in «Der Henker von Basel».

Ein weiterer Grund für die schwere Strafe: In Europa herrschte zu dieser Zeit eine Hungersnot, wie Dominik Sieber, Mitarbeiter an der neuen Basler Stadtgeschichte und Mitglied des Vereins Basler Geschichte, in einem Artikel schreibt. Aufgrund eines Vulkanausbruchs in Indonesien von 1815 kam es in Mitteleuropa zu zwei verregneten Sommern. Die Ernten brachen ein, die Bevölkerung hungerte – auch in Basel. Während einige nach Amerika auswanderten, lebten andere von dem, was sie stehlen konnten. Die Enthauptung der drei Diebe sollte als Abschreckung dienen.

Auch wenn die Hinrichtung der Strassenräuber die letzte im Kanton ist, werden weiterhin Leibesstrafen eingesetzt. Neben der Züchtigung mit Ruten bleibt auch das Brandmarken beliebt. Auch der Pranger, das Schellenwerk sowie die Verweisung aus dem Kanton oder der Eidgenossenschaft werden weiter eingesetzt.

1838 bittet Scharfrichter Peter Mengis die Stadt darum, aus seinem Amt entlassen zu werden und wird Tierarzt. Die Stadt Basel verzichtet anschliessend darauf, sein Amt neu zu besetzen, schliesst aber mit dem Scharfrichter von Frick, Jacob Mengis, einen Vertrag ab. Hinrichtungen wird er in Basel aber keine mehr durchführen. 1849 will die Stadt Basel sparen – Strafen wie das Brandmarken, der Pranger und der Staubbesen könnten auch von Polizeiangestellten durchgeführt werden, meint das Justizkollegium. Die Stadt kündigt den Vertrag mit Jacob Mengis. 1851 kommt es im 1832 gegründeten Baselbiet zur letzten Hinrichtung, bei dem ein Mörder sein Leben verliert.

Formell wird die Todesstrafe in Basel erst 1872 abgeschafft – 53 Jahre nach der Hinrichtung von Xaver Herrmann, Ferdinand Deisler und Jakob Föller. Nach 24 Jahren Zwangsarbeit ist Josef Studer zu diesem Zeitpunkt wieder frei. Gebrandmarkt wird er aber immer bleiben.