Roger Aeschbacher spielte gerade mit Bauklötzen, als die Unglücksnachricht eintraf. Er war damals erst sechs, doch die Bilder kann er niemals vergessen: «Das Telefon klingelt, meine Mutter nimmt ab, sagt ihren Namen, lauscht. Dann beginnt sie zu weinen, bricht zusammen.» Der kleine Roger dachte, er sei schuld an ihrem Zustand. «Als Kind begreifst Du das ja nicht wirklich. Du spürst: Etwas Fürchterliches ist geschehen – aber Du weisst nicht, was.»

Am 20. April 1967 um 1.13 Uhr stürzte eine Bristol Britannia 313 der Basler Globe Air bei Nikosia ab. 126 der 130 Passagiere kamen ums Leben. Darunter auch Aeschbachers Onkel und dessen Frau. Sie waren auf dem Rückflug aus den Ferien. Das Unglück habe seine Eltern verändert, sagt der 56-jährige Basler. Der Vater habe sich Vorwürfe gemacht – bis zu seinem Tod: Er war überzeugt, er hätte stärker insistieren sollen damals, als sein Bruder die Ferienpläne schmiedete: «Fliegt mir ja nicht mit einem Charter!»

Helmut Hubacher verklagt

Bis heute ist nicht restlos geklärt, warum es zur Tragödie kam. Die Verantwortlichen wurden 1977 freigesprochen oder erhielten Bussen. Einzelne Delikte waren jedoch bereits verjährt. Schon lange vor dem Absturz gab es Stimmen, welche die erste Schweizer Billigfluggesellschaft kritisierten: Sie nehme es mit der Sicherheit nicht so genau.

Der wohl lauteste Mahner war Helmut Hubacher (91). Das ging so weit, dass ihn die Bosse der Airline verklagten. Er erhielt einen Zahlungsbefehl in der Höhe von zehn Millionen Franken, wegen kreditschädigenden Aussagen. Das SP-Urgestein erinnert sich: «Ich habe Witze gerissen: ‹Seht her, ich bin zehn Millionen schwer!›.»

Hubacher, ab 1956 Mitglied des Basler Grossen Rats, wurde 1963 Chefredaktor der «Basler AZ». Die kecke kleine Redaktion nahm sich die Globe Air in einer Artikelserie vor – das war in den Monaten vor dem Absturz. Fakt ist: Das Unternehmen kalkulierte knapp. So konnten sich auch Büezer Ferien in exotischen Ländern leisten. «Globe Air war populär», erinnert sich Hubacher. «Unsere Haltung lautete: Billig ist okay – aber nicht auf Kosten des Unterhalts. Globe Air war ein schlecht geführter Betrieb. Ich sagte immer: ‹Die transportieren Menschen, nicht Kartoffelsäcke!›.»

Hubacher hätte triumphieren können nach dem 20. April 1967. Das Gegenteil sei der Fall gewesen, schreibt der Alt-Nationalrat in seiner Auto-Biografie «Das habe ich gerne gemacht»: «Uns allen auf der Redaktion war so hundeelend zumute. (...). Mangelnde Sicherheit zu kritisieren, war das eine. Durch eine Katastrophe bestätigt zu werden, war unerträglich.»

Lange vor dem Unglück stand Hubacher vor Gericht. Globe Air hatte ihn in 33 Punkten angeklagt. Er wurde auf ganzer Linie freigesprochen. «Die Recherche war wasserdicht. Wir haben mit über 50 Globe-Air-Angestellten gesprochen, vom Chefpiloten bis zur Putzfrau.» Der Zahlungsbefehl wurde aufgehoben. Hubacher hat ihn aufbewahrt.

«Missgunst der Konkurrenz»

Beat Keller (75) arbeitete bei Globe Air. Er war Station Manager in Nairobi. Sein Job in der kenianischen Hauptstadt: Dafür sorgen, dass die Flieger jeweils rasch wieder startbereit sind. Am 20. April 1967 war er aber gerade in Basel, um 6 Uhr wurde er aus dem Bett geläutet. «Es hiess nur, ich müsse sofort ins Büro kommen.» Dort habe eine «unglaubliche Secklerei» geherrscht. «Ich wollte als erstes wissen: Wer war auf dem Flug?» Der Co-Pilot der Unglücksmaschine, auch er starb, plante zu heiraten. Als Trauzeuge vorgesehen: Beat Keller.

Zu den Sicherheitsvorwürfen hat der Basler eine klare Meinung: «Es wurden Dinge in die Welt gesetzt, die so nicht stimmten. Da war auch viel Missgunst von Swissair und Balair dabei. Die haben uns Knüppel zwischen die Beine geworfen, wo sie nur konnten.» Beide Britannias der Globe Air seien kurz vor dem verhängnisvollen Flug in Revision gewesen. «Die waren in Top-Zustand, das hat auch das Luftamt bestätigt.»

Eine Larnaka-Strasse für Basel?

Die Absturzopfer sind auf einem britischen Friedhof bei Larnaka begraben, seit 2009 in einem Gemeinschaftsgrab. Eine Gedenktafel erinnert an die Toten. Roger Aeschbacher wünscht sich, dass auch in Basel eine Gedenktafel oder etwas ähnliches aufgestellt wird. Oder dass die Stadt eine Strasse nach Larnaka benennt: «Es sollte irgendetwas geben, das an die Opfer erinnert. Das wäre schön.»