Von den Hippies gefeiert, von den Machthabern verboten: Die bewusstseinserweiternde Substanz, die der Sandoz-Mitarbeiter Albert Hofmann 1943 entdeckte, ging als LSD um die Welt. Rund 50 Personen haben in den vergangenen Jahren am Basler Unispital LSD eingenommen: Als Probanden für Studien. Diese werden von Professor Matthias Liechti geleitet, dem stellvertretenden Chefarzt der Klinischen Pharmakologie und Toxikologie. «Albert Hofmanns Verbindung von hochseriöser Wissenschaft und gewagten Visionen hat für mich Vorbildcharakter», sagt Liechti.

Herr Liechti, Sie forschen seit Jahren mit LSD – und doch kriegt man kaum was mit. Fürchten Sie negative Schlagzeilen?

Matthias Liechti: Nein. Aber es ist nicht üblich, dass man in der medizinischen Forschung berichtet, ehe man Resultate vorweisen kann. Deshalb reduzierten wir die Kommunikation nach aussen. Heute äussere ich mich gerne dazu, mittlerweile sind zwölf wissenschaftliche Publikationen zur LSD-Forschung erschienen.

Vom Basler Universitätsspital?

Ja, wir sind in diesem Bereich sehr aktiv. Über LSD wird aber auch in Zürich und London geforscht. Zum Teil arbeiten wir zusammen.

Was untersuchen Sie?

Wir am Unispital interessieren uns als Medikamentenspezialisten für die klinische Phase 1: Wie schnell wird LSD in den Körper aufgenommen und wieder entfernt und wie verträglich ist es? Das untersucht man bei gesunden Personen. Was LSD so speziell macht: Millionen Menschen haben es schon einmal genommen und viele haben eine Meinung dazu. Aber aus wissenschaftlicher Sicht wissen wir noch immer sehr wenig darüber.

Millionen Menschen?

Ja. Allein in den USA haben zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung schon mindestens einmal eine Erfahrung mit LSD gemacht. Bei uns sind es weniger.

Albert Hofmann hat die Kraft dieser Substanz als erster am eigenen Leib erfahren. Das ist 75 Jahre her. Warum ist man wieder am Anfang?

Weil LSD in den 1970ern verboten und die Forschung eingestellt wurde. Die Substanz war historisch einfach zu sehr belastet. In den 90er-Jahren begannen Psychiater, damals vor allem in Zürich, statt mit LSD zuerst mit Psilocybin zu forschen.

Psilocybin ist der Wirkstoff, den die «Zauberpilze» enthalten, wie man sie im Jura findet?

Ja, genau. Vor zehn Jahren startete dann der Psychotherapeut Peter Gasser in Solothurn eine erste neue Pilotstudie, die zeigte, dass LSD gegen die existenziellen Ängste bei Krebs-Patienten helfen könnte. Das war eine Initialzündung für die moderne akademische LSD-Forschung.

Und was haben Sie erforscht?

Wir können heute mithilfe von Hirnscannern die funktionelle Aktivität der Nervenzellen messen und schauen, was sich bei Bewusstseinsveränderungen im Gehirn ändert.

Ja, was geschieht da?

Normalerweise ist unser Hirn strukturiert in einzelne separierte funktionelle Netzwerke, zum Beispiel wie eine Firma. Da gibt es eine Geschäftsleitung, eine Produktion, einen Verkauf, einen Empfang. Die Einheiten sind mit sich beschäftigt, reden aber nicht sehr viel miteinander. Mit LSD, haben wir festgestellt, lösen sich die üblichen Netzwerke auf. Salopp gesagt redet plötzlich jeder mit jedem, wie bei einem Firmenausflug, man tritt mit ganz anderen aus der Organisation in Kontakt. Die Nervenzellen im Gehirn sind alle synchroner aktiv und treten miteinander in Verbindung. Das erklärt vermutlich auch, weshalb man nun Töne spüren oder Bilder fühlen kann.

Das ist der Trip.

Ein Teil davon. Während der psychedelischen Erfahrungen erleben Sie ein Bewusstsein, das aussergewöhnlich ist und zugleich sehr real wirkt. Man ist verbunden mit der Umwelt. Die Empfindung ist nicht: Ich bin im Film und schaue diesen, sondern ich bin Teil des Films. Jetzt kann man sagen: Das sei ein Horror. Zum Teil kann es auch zu Angst kommen. Vor allem aber empfinden die Versuchspersonen im kontrollierten Setting mit Betreuung Glücksgefühle und eine sehr angenehme Wirkung. Zudem werden alle Eindrücke subjektiv intensiver, und die Hirnaktivität ist erhöht. LSD ist also das Gegenteil eines Schlafmittels oder Opiates.

Und was kann das medizinisch bringen?

Wenn jemand in seiner Depression gefangen ist, kann er durch Halluzinogene wie LSD oder Psilocybin Gefühle erleben, die er schon lange nicht mehr verspürt hat. Gefühle von Vertrauen und Verbundenheit zu anderen nehmen zu. Wir sehen auch eine verminderte Wahrnehmung von Angst. Wir wissen heute, welcher Rezeptor am Anfang dieser Wirkung steht und können die Bewusstseinsveränderung akut medikamentös an- und abschalten.

LSD ist noch immer eine illegale Droge. War es schwer, die Forschung zu legitimieren?

LSD ist eine kontrollierte Substanz, welche aber in der Schweiz am Menschen erforscht werden kann. Weil das Medikament bei Patienten bereits eingesetzt wurde und von vielen Personen nicht-medizinisch konsumiert wird, konnten wir gut begründen, dass es untersucht werden sollte. Das war ein gewichtiges Argument, das wir schon früher bei der Ecstasy-Forschung ins Spiel gebracht hatten. Es gibt einen enormen Freizeitkonsum, also sollten wir Risiken und Nutzen genauer anschauen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Zuerst haben wir die Studie geplant, dann Gelder aufgetrieben, vom Nationalfonds und von Privaten. Und schliesslich mussten wir uns den Fragen der Ethikkommission stellen: Wie steht es um die Sicherheit der Versuchspersonen? Könnten Flashbacks auftauchen? Und so weiter.

Und, sind Flashbacks aufgetaucht?

Nein. Wir und andere sehen keinerlei negative Auswirkungen bei gesunden Versuchspersonen. Auch bei Befragungen ein Jahr später haben die Versuchspersonen das Erlebnis ausgesprochen positiv in Erinnerung.

Heisst das, dass Horrortrips nur eine Legende sind?

Nein, das nicht. Wir verabreichen relativ hohe Dosierungen, 200 Mikrogramm, das ist etwa das Doppelte eines üblichen Trips. Wir wollen starke Effekte untersuchen und so herausfinden, wo mögliche Gefahren von LSD liegen und Dosierungen untersuchen, welche in Patienten angewendet werden können. Ein Drittel der Leute erlebte kurzfristig auch eine Angstphase unter LSD.

Weil die psychedelischen Eindrücke zu viel werden?

Ja. Am häufigsten tritt die Angst zu Beginn der Wirkung auf oder durch das Gefühl, dass der Trip nicht mehr aufhört. Man verliert auf LSD das Zeitgefühl. Mit Kontrollverlust können nicht alle Menschen gleich gut umgehen.

Situation und Umgebung sind sehr wichtig bei halluzinogenen Erfahrungen. Einen Trip im Spitalzimmer stelle ich mir reichlich unromantisch vor.

Es ist nüchtern und unspektakulär. Die Versuchspersonen dürfen Musik mitbringen und erhalten eine Augenbinde, um äussere Reize abzuschirmen und die schönen Muster und Bilder mit geschlossenen Augen zu sehen. So wird das Innenerlebnis gefördert. Auch Musik hören ist wichtig. Eine Versuchsperson sagte gar, dass sich nicht die Wahrnehmung von Musik veränderte, sondern sie sei zur Musik geworden.

Das entspricht der mystischen Erfahrung, die auch Doktor Hofmann so beeindruckt hat.

Ja. Aber LSD ist nicht ungefährlich. Es braucht jemanden, der einen betreut. In unserem Fall sind das Leute, die Erfahrung haben und einen Bezug zur Person vorgängig aufbauen. Es ist immer ein Betreuer anwesend.

Müssen Sie und Ihre Leute selber schon mal LSD genommen haben?

Das ist nicht notwendig. Aber es hilft zu wissen, wie sich das anfühlt. Ich habe selber als Versuchsperson an wissenschaftlichen Studien mit psychoaktiven Substanzen teilgenommen.

Was muss eine Versuchsperson erfüllen?

Sie muss psychisch gesund sein. Das heisst keine Geschichte mit Psychosen haben, oder schizophrene Geschwister oder Eltern. Und sie muss mindestens 25 Jahre alt sein. Wir mussten viele Interessierte ablehnen, die jünger waren. Auch wollen wir keine Personen mit mehr als zehn LSD-Erfahrungen oder regelmässigem Drogenkonsum.

Albert Hofmann erzählte mir kurz vor seinem 100. Geburtstag, dass er mit 97 noch einmal eine kleine Dosis eingenommen hatte. Um zu schauen, ob es bei einer Depression hilft. Und er fand: Das hat was.

Ja, das ist eine interessante Beobachtung. In England wurde soeben eine Studie mit Psilocybin gemacht, bei 20 Patienten mit Depressionen, die nicht auf Antidepressiva ansprachen. Menschen, die eine behandlungsresistente Depression hatten. Die Resultate sind eindrücklich: Bei der Hälfte der Patienten sorgte das Erlebnis für eine Normalisierung, die fünf Wochen später noch anhielt. Wir haben erste, viel versprechende Daten zu einer möglichen Heilwirkung von Halluzinogenen bei Angst und Depression. Was mit Hofmanns Vermutung übereinstimmt. Es braucht aber noch weitere Bestätigungsstudien.

Was sind weitere Erkenntnisse?

Man weiss, dass diese Substanzen bei gesunden Menschen nicht die Psyche schädigen. In der Bilanz gibt es sicher nicht mehr, sondern eher weniger Psychiatrie-Einweisungen bei Menschen mit LSD-Erfahrungen gemäss epidemiologischer Analysen.

Es kursieren aber immer Geschichten von ewigen Trips, von geistigen Umnachtungen. Stimmen die nicht?

Nein. Bei gesunden Personen passiert das nicht. Aber ein Prozent der Menschheit hat psychotische Störungen, eine Schizophrenie. Bei einer Veranlagung, kann eine psychotische Störung möglicherweise durch LSD-Experimente in einem früheren Alter ausgelöst werden, als es sonst der Fall wäre.

Ich bin 43, hatte keine psychischen Probleme. Heisst das, ich kann ohne Bedenken LSD nehmen, bin stabil genug?

Das kann man zu einem gewissen Grad sagen, ja. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Schizophrenie bei einem 40-Jährigen auftritt, ist geringer als mit 20. Umgekehrt ist es wahrscheinlicher, dass man mit 60 an Krebs erkrankt als mit 20.

Wo besorgt sich ein Professor das LSD? Geht er auf die Gasse zu einem Dealer?

Nein, natürlich nicht. Fast jede illegale Droge der Welt wird von Firmen hergestellt, damit Medizin und Justizvollzug Referenzstandards zur Verfügung haben. Die Polizei braucht diese Substanzen zum Beispiel, um sie nachweisen zu können.

Auch wenn Sie erst Prognosen machen können: Welche Tendenzen sind vorhanden in der Anwendung?

Wir wissen aus alten Studien, dass eine einmalige Einnahme von LSD helfen kann, alkoholabstinent zu bleiben. LSD macht nicht abhängig und kann im Gegenteil möglicherweise helfen, Süchte zu bekämpfen. Denkbar auch, dass es beim Rauchstopp hilft, wie eine erste Studie mit Psilocybin gezeigt hat; aber auch bei Angst, Depression und bei bestimmten sehr starken Kopfschmerzen.

LSD kann beim Rauchstopp helfen? Wie ist das möglich?

Das wissen wir nicht. Das muss noch erforscht werden. Es gibt aber heute erste Vorstellungen, wie Halluzinogene bei Depressionen und Angst wirken könnten. Eine akut angenehmes Erlebnis mit Gefühlen von Glückseligkeit und sogenannt mystischen Erlebnissen scheint wichtig zu sein, es wirkt positiv nach. Wir wissen auch von einigen Leuten, die an starken Kopfschmerzattacken leiden, dass sie nach der LSD-Einnahme anhaltende Linderung verspürten. Hier ist allenfalls eine direkte Substanzwirkung denkbar, da auch tiefe Dosen und nicht-halluzinogene LSD-Derivate wirksam waren.

Warum?

Gute Frage. Sie müssen wissen: Die Forschung weiss heute ja noch nicht einmal, wie ein Schmerzmittel wie Paracetamol funktioniert. Nur dass es funktioniert. Und das zählt.

Erstaunlich, dass nicht mehr Universitäten forschen. Wenn man denkt, welche gesellschaftlichen Auswirkungen Alkohol- und Nikotinabhängigkeiten haben, müsste das Interesse doch viel grösser sein.


Es ist eine traurige Tatsache, dass psychiatrische Erkrankungen gleich häufig sind wie Krebs- und Kreislauferkrankungen aber von der Gesellschaft und von der Pharmaindustrie nicht gleich intensiv behandelt respektive erforscht werden. Depressionen und Abhängigkeiten sind gesellschaftlich aber auch wissenschaftlich stigmatisiert. Zudem scheint es schwierig zu sein, hier neue Medikamente zu entwickeln. Halluzinogene sind kommerziell vermutlich weniger interessant.

Sie spazieren also nicht zu Novartis rüber und sagen: Das wäre doch eine Idee …?

Ich wäre nicht abgeneigt, aber primär wollen wir herausfinden, wie und ob es wirkt.

Wie lange kann es dauern, bis LSD als Medikament eingesetzt wird?

LSD wird bei Patienten in der Schweiz begrenzt medizinisch angewendet. Eine Markzulassung ist, soweit mir bekannt, aber nicht in Sicht. Bei anderen Substanzen wie etwa MDMA, also Ecstasy, ist man weiter. In den USA sind grosse Zulassungsstudien bei Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung geplant. MDMA könnte als Medikament eingesetzt werden, zum Beispiel um Soldaten, die traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren, zu behandeln. Mit Psilocybin sind in Europa Phase-3-Studien geplant bei Patienten mit Depression. Die Pilze sind nun in Kapselform als Medikament für diese Forschung bereits erhältlich, allein das hat wohl einige Millionen gekostet. Es ist denkbar, dass man in fünf bis zehn Jahren MDMA und Psilocybin als Medikamente breit zur Verfügung hat und diese Substanzen von Ärzten unter Aufsicht verabreicht werden können.

Dass die Uni Basel in der LSD-Forschung an vorderster Front dabei ist, hat das auch mit der Herkunft von LSD zu tun?

Mir gefällt natürliche der historische Kontext, der Bezug zu Basel. Albert Hofmann war ein hochseriöser Forscher in der Industrie, aber vielleicht „farbiger“ als man das bei einem Industrie-Chemiker erwarten würde. Seine Verbindung von Wissenschaft und gewagten Visionen hat für mich Vorbildcharakter.

Psychoaktive Drogen könnten heilen. Auf der anderen Seite ist es heute so, dass Medikamente immer öfter als Drogen genutzt werden. Ritalin zum Beispiel ist bei Studierenden sehr angesagt, um die Leistung zu steigern.

Das neue Hirndoping ist das Microdosing mit LSD. Leute wollen nicht einfach nur die ganze Nacht hellwach sein und pauken, sondern kreativer und sozial stimulierter sein. Ob Microdosing mit LSD wirklich funktioniert, ist aber nicht wissenschaftlich untersucht. Es gibt aber zweifelsfrei ein Revival dieser Substanz. Diesen Trend betrachten wir Wissenschaftler mit gemischten Gefühlen. Ein Hype könnte die unangenehme Folge haben, dass wieder regulatorisch gegen die Substanz vorgegangen wird.