Ein-Blick

Vor dem Büro geht es noch schnell durch die Hölle

Beata Bloch setzt nicht auf militärischen Drill. Hart ists trotzdem.

Beata Bloch setzt nicht auf militärischen Drill. Hart ists trotzdem.

Wer sich am Morgen mit Mühe aus dem Bett kämpft, kann sich jetzt noch mehr quälen. Eine Roche-Mitarbeiterin bietet zwei Mal in der Woche ein Bootcamp an, das sich seinen Namen verdient – es heisst «Beat Your Body». Wir haben die Folter ausprobiert.

Der Pole Jakub Wojtowicz hat die Brechstangentaktik gewählt, um seinem Problem Herr zu werden. Seit er vor sieben Wochen von London nach Basel kam, tut er sich morgens bei der Arbeit schwer. In England begann der Alltag des Roche-Angestellten um zirka zehn Uhr, hier wird erwartet, dass man sich schon um acht im Büro einfindet.

Seine Bürokollegin Beata Bloch kannte die schmerzhafte Lösung: Noch früher aufstehen. Sie bietet unter dem Kursnamen «Beat Your Body» («Schlag deinen Körper) so etwas wie die Hölle auf Erden vor dem Frühstück an. Die ausgebildete Personal-Trainerin, die ebenfalls bei der Roche angestellt ist, setzte ihren lang gehegten Plan vor einem Jahr um: Menschen foltern, währenddem andere sich im Bett wälzen. 25 Teilnehmer sind bei «Beat Your Body» eingeschrieben. Die Morgensessions finden jeweils dienstags und donnerstags um sieben Uhr statt.

Als Chronist hatte ich Beata vorgeschlagen, mit Block, Stift und Pappbecher-Kaffee an der Seitenlinie zu sitzen und die Geschehnisse aus der Ferne zu beobachten. Geht mir als Journalist schliesslich genauso wie Jakub. Die erste ernstzunehmende Denkleistung erbringe ich für gewöhnlich nicht vor Mittag.

Doch meine Idee kommt bei Beata offensichtlich nicht gut an: «Zieh etwas Warmes an, das Du nachher ausziehen kannst», weist sie mich an. An schönen Tagen geht sie mit den Kursteilnehmern in den Park; heute ist Regen angesagt. Deswegen wird das Training im Studio an der Güterstrasse abgehalten.

Aufgrund des Notizblockverbots und der zwischenzeitlichen Fast-Ohnmacht folgt eine gewiss verzerrte Chronologie der Ereignisse: Kurzer Anfang mit Seilspringen und Hüpfen. Dann ein unendlich langes Zwischenstück ohne Pausen. Sit-ups, Liegestütze, Bauchmuskeln seitwärts. Dazwischen: Über die Beine des Kollegen springen, während dieser Situps macht. Gleichzeitig auf den Knien des Kollegen den Trizeps trimmen.

Und immer alle Übungen: zweimal. Dabei denkend: Kann ich vortäuschen, Situps zu machen, indem ich nur den Kopf nach oben und unten bewege? Wie kommt es, dass auch das angeblich schwache Geschlecht die Übungen relativ mühelos meistert, während ich nahe am Kollaps bin? Und vor allem: Wer tut sich das eigentlich an und bezahlt sogar noch Geld dafür?

Nun, Jakub Wojtowicz beispielsweise. Eine gewisse Leidensfähigkeit muss einem schon in die Wiege gelegt worden sein, sagt er nach dem Training. Er selber ist Marathonläufer und bereitet sich auf einen Lauf in Nordnorwegen vor. Zwei Tage zuvor war er 30 Kilometer gejoggt. Doch das Boot Camp sei mitnichten weniger hart als ein Langstreckenlauf, meint er. Noch immer plage ihn jeweils mittwochs, am Tag nach dem Boot Camp, ein jämmerlicher Muskelkater.

Immerhin werde das Versprechen eingehalten, das die Bootcamp-Instruktorin auf ihrer Homepage abgibt. Innert weniger Wochen werde der Körper auf ein höheres Level gebracht. Vom versprochenen «hohen Spassfaktor» könne aber keine Rede sein, wende ich ein. «Pass auf», entgegnet Jakub: «Bei jedem Mal wird es lustiger.» 

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