Der Sommer 2012 in Basel ist warm, aber vor allem hitzig. Es zieht die Leute nach draussen. Im Herbst stehen Wahlen an. Ein Thema dominiert: die Sicherheit auf den Strassen. Angeheizt wird sie durch eine Serie von Sexualdelikten. Die ungemütliche Thematik macht wochenlang Schlagzeilen – nicht nur in den Lokalredaktionen. Die «NZZ am Sonntag» titelt «Vergewaltigungen sind Alltag – in Basel redet man darüber».

Peter Gill, Kriminalkommissär der Basler Staatsanwaltschaft (Stawa), sagt: «Damals gab es eine Häufung.» Tatsächlich, gerade im Frühling wurde alle paar Wochen ein neuer, oft schockierender Fall kommuniziert. Die Tatorte waren an den verschiedensten Orten in der Stadt. Im Schützenmattpark, am Rhein, bei der Claramatte. «Uns wurde damals sogar vorgeworfen, wir würden absichtlich so häufig kommunizieren, weil Wahlen anstanden», blickt Gill zurück.

Wut und Ohnmacht waren gross. Es gab eine von Frauen organisierte Demonstration mit dem Motto «Wir sind empört» in der Basler Innenstadt. Auch die Politik machte mit. Im Grossen Rat wurden Vorstösse eingereicht. Die berühmten Schrillalarme, die die Basler Polizei gratis an Bürger abgibt, sind eine Folge der Debatte.

Opferhilfe und Stawa einig

Bis im Juli wurden damals 16 Fälle von sexueller Gewalt im öffentlichen Raum gezählt. Und heute? «Wir haben dieses Jahr kaum Sexualdelikte im öffentlichen Raum», sagt Peter Gill. Dies wird auch erkenntlich, wenn man die Medienmitteilung liest, die die Stawa dieses Jahr versandte. Warum das so ist, kann Gill nicht sagen. Jedenfalls werde nicht anders kommuniziert als 2012: «Wir haben immer die gleiche Linie.» Wenn etwas in der Öffentlichkeit passiere und der Täter flüchtig ist, schreibt die Staatsanwaltschaft eine Medienmitteilung in der Hoffnung, dass sich Zeugen melden.

Bei der Opferhilfe beider Basel teilt man den Eindruck. «Wir stellen tendenziell eher eine Abnahme fest», sagt Thomas Gall, der stellvertretende Geschäftsleiter. Auch merke man, dass die Fälle in den Medien nicht mehr so stark diskutiert würden. Eine Erklärung dafür hat auch er nicht. «Vielleicht hat es etwas mit dem Wetter zu tun. Es gab noch nicht so viele laue Sommernächte. Es kann aber auch statistischer Zufall sein.»

Opfer und Täter kennen sich oft

Das alles heisst nicht, dass in Basel keine sexuelle Gewalt mehr gibt. Einerseits ist es möglich, dass manche Fälle nicht angezeigt werden. Andererseits sagt Stawa-Sprecher Peter Gill: «Es gibt immer noch Vergewaltigungen. Diese finden aber eher in einem Rahmen statt, in der Täter und Opfer sich kennen.»

Die kontroverse Debatte hing mit einem allgemeinen Anstieg der Kriminalitätszahlen zusammen. Damals nahmen auch die Einbrüche sprunghaft zu. Gleichzeitig brauchte Basel einen neuen Sicherheitsdirektor, der Wahlkampf dürfte die Diskussion mit angeheizt haben. In ihrem Bericht wies die «NZZ am Sonntag» jedenfalls darauf hin, dass es in Basel pro Einwohner weniger Vergewaltigungen gab als in den anderen Schweizer Städten.

Das hob damals auch die grüne Politikerin Mirjam Ballmer in einer Kolumne in der bz hervor. Sie fand die Aufregung übertrieben und erinnert sich: «Aus meiner Sicht haben sich damals Medien und Politik gegenseitig angeheizt. Das war eine unangenehme Situation, weil besonnene Stimmen schnell als verharmlosend wahrgenommen wurden.»

Was also bleibt vom Sommer von vor zwei Jahren? Vielleicht die Feststellung, dass Verbrechenszahlen nicht immer nur zu-, sondern auch abnehmen können. Es ist zu hoffen, dass die Entwicklung fortgesetzt werden kann, die bereits in der zweiten Hälfte von 2012 einsetzte: Es gab weniger Vergewaltigungen, andere Themen rückten in den Fokus.