Der Patient liegt flach. Das Fieber schüttelt ihn. Er kann kaum mehr aufstehen, ausgerechnet am Samstag vor dem Morgestraich. Er fühlt sich wie in einer dieser mittlerweile auch schon etwas in die Jahre gekommenen Geschichten des Basler Stadtautors -minu, in denen es stets um dieses mystische Fasnachtsfieber, zärtliche Vorfreude und eine unschuldige Sehnsucht nach Frau Fasnacht geht.

Sie ist tatsächlich eine Krankheit, die Fasnacht. Sagen alte Fasnächtler, und sie meinen es ernst: Ein Virus, der dich fertigmacht und gleichzeitig antreibt. Eine Sucht, denn grossartig ist der Kick, wenn die nächste Dosis reinhaut: Farbe, Klang, dieses Ruessen hunderter Trommeln, das gewaltige Schränzen der Guggen, das, von Altstadt-Wänden zurückgeworfen, den eigenen Resonanzkörper vibrieren lässt. Rund um die Uhr, 72 Stunden lang Fiebertraum im Rausch.

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Die letzten Vorbereitungen vor dem Morgestraich...

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Furchtbar aber, wenn der Kick an der nüchternen Realität zerbricht. Nach abgestandenem Bier riecht, nach Zigarettenrauch und durchgeschwitzter Thermo-Unterwäsche. Und die Hand nach wenigen Stunden mageren Schlafes für einmal nicht gleich aus dem Bett zum Handy greift, denn diese Welt da draussen, wo keiner ein Goschdyym trägt und das Geschehen weitergeht, Trump regiert, Olympioniken siegen, der Bundesrat beschliesst, hier nichts verloren hat. Das ist Basel: Drey Dääg Flugmodus. Es ist Fasnacht. Das Weltgeschehen wird einzig als Sujet geduldet. Ansonsten haben die da draussen den Atem anzuhalten. Denn Basel feiert, würdigt, zelebriert. Irgendwie zwischen sehr heiligem Ernst und ziemlich derben Sprüchen.

Sy erscht Unesco-Fasnacht

Ist das nicht an jeder Fasnacht so? Doch, natürlich, aber hier ist es ganz anders. Sagt der Basler. Warum? Ja, weil es eben die Basler Fasnacht sei, heisst es dann, und bald fehlen die Worte.

Tatsächlich: Es ist beinahe unmöglich, die Basler Fasnacht zu greifen. Sie zu erklären. Warum hier nicht alles saufen, die Sau rauslassen und Schürzenjagden in heiteren Polyesterkostümen ist. Aber warum es eben doch auch mehr als preussisches Marschieren in Harstformationen ist. Warum hier dieses gepflegte Niveau so sehr angerufen wird: «Me het, me duet, me macht». Warum man sich schliesslich sogar darum bewirbt, den Stempel einer internationalen Organisation zu erhalten, der belegt, wie schützenswert die eigene Fasnacht doch ist: Immaterielles Kulturgut, und als solches ein Erbe der Menschheit. Von der Unesco offiziell zertifiziert. Als einzige Schweizer Fasnacht dieser Welt.

So kurz vor seiner ersten Unesco-Fasnacht liegt er also darnieder, unser darbender Patient, inmitten von Larve, Kopfladäärnli, das Kostüm noch am Kleiderbügel, und er hat keine Ahnung, ob er bis am Montag noch auf die Beine kommt. Das Einpfeifen am Sonntag: geschenkt. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste, blättert wenigstens ein bisschen im Rädäbäng.

Unesco hier und da, die Fasnacht nimmt sich auch mal selbst auf die Schippe, aber nur ein bisschen, schliesslich soll sich der Spott ja gegen die Obrigkeit richten. Gegen Institutionen, Bewegungen wie die #metoo-Debatte. Trump, ja, Pjöngjang, die ganz grossen Dinge sind bei den Stammvereinen beliebt. Die eigene Regierung ist als Sujet mittlerweile fast schon eine Nummer zu klein. Ausser es geht um Trams und Baustellen. Das ist die gesellschaftskritische Seite.

Gegen das Fasnachts-Comité auch, ist ja jetzt wieder Mode, gegen deren Reglementierungswahn zu sein, obwohl da kaum mehr etwas reglementiert wird ausser die zwei Cortèges. Harmlos. Früher zogen die Comité-Mitglieder noch mit Kesselchen voller schwarzer Farbe umher und übermalten Laternensprüche, die ihnen zu derb erschienen. In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts war das Comité auch eine Zensurbehörde, die sich um Anstand und Niveau zu kümmern hatte. Heute? Ein Organisationskomitee, eine administrative Umzugs-Drehscheibe ohne grössere Weisungsbefugnis. Es sei denn, es geht um die Geldverteilung aus dem Plakettenverkauf. Ansonsten kann das Comité den aktiven Fasnächtlern eigentlich eher egal sein.

Die Basler Fasnacht ist im Jahr 2018 eine touristisch ordentlich vermarktbare Grossveranstaltung im Raum Basel geworden. Sie gilt als das massenkulturelle Wahrzeichen der Stadt schlechthin, sie ist allumfassend, der einzige folkloristische Anlass dieser Grösse, über den Basel-Stadt verfügt. Ihre integrative Leistung wird gelobt, wenn etwa die «NZZ» über die fremdsprachigen Kinder in den Jungen Garden schreibt. Nachwuchssorgen gibt es dort zur Zeit keine, das bestätigt auch Christoph Bürgin, der Obmann des Basler Fasnachts-Comités: Die Anzahl der Teilnehmer in den fasnächtlichen Nachwuchsabteilungen bleibe derzeit konstant, es sind über 1700 Kinder und Jugendliche, die jährlich an Trommel oder Piccolo ausgebildet werden und im Zug einstehen.

Dann gibt es noch die andere Jugend. Die, die eine Fasnacht pflegt, die nichts mit Traditionen und Larven und schönen Kostümen zu tun hat. Sie feiert und zieht um die Häuser, kümmert sich wenig um die Aktiven. Und die Aktiven kümmern sich wenig um sie; denn deren Fasnacht ist nicht ihre. Die Fasnacht der anderen ist ein Fest, eine wildes Feiern, ja, man könnte meinen, die Landfasnacht hält in der Stadt Einzug. Kein Kostüm, immerhin auch ohne geschminkte Gesichter, aber viel, sehr viel Alkohol.

Das ist die andere Seite der Fasnachtsvermarktung: Die Fasnächtler sind nicht mehr unter sich. Da sind Touristen, da gibt es seit ein paar Jahren plötzlich Applaus für flott vorgetragene Stücke, da kommt es zu Konflikten zwischen Partyvolk und Fasnachtszügen in einer engen, kurzen Altstadt-Gasse direkt im Zentrum. So sehr, dass die Polizei die Grünpfahlgasse mit Präsenz sichern musste.

Rückzug im Wachstum

Und während das Fest dank Vermarktung wächst, zieht es sich immer mehr im Zentrum zurück. Mittlerweile beklagen Comité und Schnitzelbänggler gleichermassen, dass etwa die Bespielung des Kleinbasels abnimmt; der Kern würde sich zunehmend in die Grossbasler Altstadt zurückziehen. Damit ist der Abschnitt zwischen Barfüsserplatz und Schifflände gemeint, mit dem Zentrum rund um den Rümelinsplatz und die «Berge»: Spalenberg, Heuberg, Nadelberg.

Wo eine Zeit lang die Stubete waren, wo man sich also in privaten Innenstadtwohnungen dem fasnächtlichen Après-Ski mit Darbietungen hingab, da gibt es heute Fasnachtspartys und Anti-Fasnachtspartys – oder zumindest «fasnachtsfreie Zonen» mitten im Zentrum. Für die, die es in der vollen, bunten, lauten Basler Fasnachtsinnenstadt zwar auch lustig haben wollen, aber mit einem nach aussen hin sehr streng wirkenden Kodex der Basler Fasnachtsszene aus Dialekt, Fachausdrücken und Bekleidungsregeln nichts anfangen können.
Auch die Berichterstattung über die Fasnacht ist gerade in jüngeren Medien kritischer, alternativer geworden. Die «Tageswoche» etwa bloggte vergangenes Jahr aus einem eigens dafür eingerichteten Fasnachtsbeizli an der Grünpfahlgasse, das fröhlich dem Kitsch frönte statt der klassischen «Do hänggemer aifach no zwanzig Meter Fasnachtsbändeli uff und dert kunnt none Ladäärnewand ane»-Dekoration zu folgen. Das in den vergangenen Jahrzehnten durch die Medien transportierte Bild der weitgehend von Goschdym-Ästhetik geprägten «scheenschte drey Dääg» relativiert sich.

Darauf angesprochen, kommentiert der Ryslaifer trocken: «My Fasnacht isch nit dy Fasnacht». Der Autor firmiert unter diesem Namen als langjähriger Fasnachtskolumnist. Und er bringt damit in anderen Worten auf den Punkt, was der Obmann des Fasnachts-Comités angesichts des Konfliktpotenzials zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen der Teilnehmenden als gegenseitige Toleranz und Rücksichtnahme bezeichnet.

Unser Patient ächzt und schlürft am Tee, er weiss nicht so recht, ob es nur Fieber ist oder eine Grippe, Letzteres würde ihn wirklich ausser Gefecht setzen. Eine Fasnacht auszulassen: Das kam für ihn bislang nie infrage. Auch wenn Jahr für Jahr der eine oder andere einfach aufhörte. «Weisst du», sagte ihm kürzlich einer jener Bekannter, «es war am Mittwoch, so gegen Abend, ich packte zusammen und wusste einfach: Das war es jetzt.» Seither habe er das Trommeln keinen Tag vermisst.

Geht es wirklich so zu Ende? Du packst einfach zusammen und gehst? Oder ist es eine Krankheit, die dich zwei Tage vorher abberuft? Was für eine kitschige Hyylgschicht das wäre, so mitten im Goschdymgelage: Die Batterie im Kopfladäärnli schon eingesetzt, das Piccolo geölt, die langen Unterhosen bereitgelegt, und dann einfach vom Fasnachtsfieber hinweggerafft. Änd- vorem Morgestraich.

Nein, so einfach ist es doch nicht: So einfach tritt der Fasnächtler nicht ab. Auch wenn sie sich ändert, seine Fasnacht, die im Kern stets eine andere bleiben wird als deine Fasnacht oder ihre Fasnacht. Das macht sie lebendig und das ist die eigentliche Auszeichnung, für die sie nicht einmal ein Unesco-Label braucht: Sie wird von den Menschen geprägt, die an ihr teilnehmen, die sich in diese Parallelwelt, in diese Zone, in diesen Kosmos fallen lassen, wo kein Waggis, kein Spitzenpfeifer und kein Comité die alleinige Deutungshoheit darüber innehat, was wirklich zu tun sei. Denn die Fasnacht ist frei; nur so kann sie wirklich leben.