Seit wir wissen, dass man für einen Witz sterben kann, ist in Europa nichts mehr, wie es war. Nicht einmal die Basler Fasnacht. Das Fasnachts-Comité tat, was es so noch nie getan hatte. Vorsorglich empfiehlt es den aktiven Fasnächtlern, auf Mohammed-Karikaturen zu verzichten, um unnötige Provokationen zu vermeiden und keine religiösen Gefühle zu verletzen.

Macht diese Empfehlung Sinn? Hilft sie, den sozialen Frieden zu bewahren? Oder ist das ein erster Schritt zur Selbstzensur? Warum konzentriert sie sich auf Mohammed, auf den Islam? Und ist es überhaupt wahr, dass im Islam das Abbilden von Mohammed grundsätzlich verboten ist? Nimmt man damit Rücksicht auf alle Muslime oder nur auf die verhältnismässig wenigen Fanatiker unter ihnen?

«Ich war enttäuscht von dieser Entscheidung. Vor allem wegen der Begründung, dass man auf religiöse Gefühle Rücksicht nehmen wolle.» Das sagt ausgerechnet eine in Ägypten geborene Muslimin und Islam-Expertin: Elham Manea ist Privatdozentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. «Diese Empfehlung ist ein falsches Signal», sagt sie. Die muslimische Bevölkerung sei in der Schweiz zu weiten Teilen gut integriert und wisse, mit Satire umzugehen. Man habe also eigentlich Angst, die Extremisten zu verletzten: «Mit dieser Haltung schützt man die Gefühle von Fanatikern.»

Darstellungsverbot gibt es nicht

Was man dafür ein Stück weit preisgebe, sei eines unserer wichtigsten Menschenrechte: «Die Meinungsäusserungsfreiheit ist nicht verhandelbar, wir dürfen sie nicht verraten, nicht relativieren», betont Manea. Andere Gesellschaften, etwa in Saudi-Arabien, kämpfen noch für dieses Recht. «Wir müssen es verteidigen. Den grassierenden Kulturrelativismus halte ich für sehr gefährlich.» Elham Manea hat sich die Charlie-Hebdo und andere Karikaturen angeschaut. Einige findet sie «äusserst geschmacklos». Aber: «In einer freien Gesellschaft kann ich damit leben lernen.» Die Meinungsfreiheit sei wichtiger als private Befindlichkeiten.

Voltaire sagte: «Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.» In ihrem Blog hat Elham Manea einige Mohammed-Karikaturen aufgeführt. Eine zeigt Mohammed, den Kopf in seinen Händen. Er sagt traurig: «Es ist schwierig, von Idioten geliebt zu werden.» Die Botschaft des Bildes: Der Religionsführer selber bedauert, wenn ihm Fanatiker anhängen. Gibt es für Elham Manea eine Grenze der Satire? Ja, diese definiere das Strafgesetz. Gemäss der Islamexpertin Manea existiert im Islam kein grundsätzliches Darstellungsverbot von Mohammed. Das sei eine Interpretation von Extremisten.

In diesem Punkt pflichtet ihr die Islamwissenschaftlerin und neue Moderatorin der «Sternstunde Religion», Amira Hafner-Al-Jabaji, bei. Das Verbot sei kein absolutes, erklärt sie. Entscheidend sei, mit welcher Absicht Mohammed dargestellt werde. Abbildungen in pietätsvoller Absicht seien sehr wohl erlaubt. «Die Verbotshaltung fusst auf dem Nichtkennen der eigenen Geschichte», sagt Amira Hafner-Al-Jabaji. Sie ist überrascht über die Empfehlung des Comités, weil sie die Basler Fasnacht «immer als grösstenteils respekt- und pietätsvoll» erlebt habe.

Sie hält die Empfehlung aber nicht für falsch. Es sei wichtig, dass etwa auch Schnitzelbängger und Laternenmaler sich genau überlegen, was sie mit ihrer Satire wollen und die gesellschaftlichen Verhältnisse berücksichtigen. Sie habe Mühe mit Karikaturen, die den Islam und die Muslime pauschal negativ darstellen, etwa die bekannte dänische Zeichnung von Mohammed mit einer tickenden Bombe auf dem Kopf: «Damit unterstellt man der ganzen Religion einen gewalttätigen Kern, das ist eine Art Verleumdung eines Kollektivs.»

Was fehle, sei eine gute Streitkultur, in der man sich die andere Position anhöre. Amira Hafner-Al-Jabaji hofft auf einen besseren Dialog und darauf, dass auch die Muslime mit der Zeit lernen, sich in der Öffentlichkeit besser zu artikulieren und «ihrerseits verstehen, weshalb hier Religion grundsätzlich kritisch bewertet wird».

«Wir leben ja alle auf dem selben Trottoir», sagt der Basler Extremismus-Experte Samuel Althof, der schon manchen Streit geschlichtet hat. Er plädiert für Vorsicht und Augenmass: «Wenn man die Macht hat, etwas anzugreifen oder nicht, ist es ratsam, sich an der Vernunft zu orientieren», sagt er. Man müsse nicht um jeden Preis sein Recht durchsetzen, besonders wenn es dazu führe, dass man andere verletzt und Spannungen auslöst.

«Der beidseitige Gewinn unserer Rücksicht ist gegenseitiges Vertrauen», sagt Samuel Althof. «Und wenn wir in Vertrauen zusammen leben können, dann verträgt es später auch die Witze – weil die anderen verstehen, wie wir hier denken.»