Zu Tisch

Vorurteile brechen: Muslimische Familien laden zum Znacht während des Ramadans

Die Familie Temizel lädt zum Fastenbrechen ein.

Am Samstag beginnt der Ramadan, eine heilige Zeit für Muslime. Zehn muslimische Familien aus Basel laden während dieser Zeit zu einem Abendessen ein.

In Basel-Stadt leben um die 14 000 Muslime. Fast alle ziehen weder eine Burka an, noch verteilen sie Korane am Claraplatz. Ihre Kinder geben den Lehrerinnen die Hand; und über das Grauen des Terrors wie etwa in Manchester lesen sie nur in der Zeitung. Es sind radikale, extreme Kräfte, welche Muslime in den Fokus rücken. Trotzdem trifft die Keule des Generalverdachts auch die Gemässigten.

Für sie beginnt an diesem Samstag mit dem Ramadan eine heilige Zeit. Zehn Familien aus Basel wollen diese nutzen, um der unauffälligen Mehrheit ein Gesicht zu geben. Dafür laden sie Baslerinnen und Basler ein, an einem ihrer Fastenbrechen teilzunehmen. Der Rahmen ist intim: Die Gastgeber bitten jeweils bei sich zu Hause zu Tisch. «Wir möchten einen Einblick in eine muslimische Familie ermöglichen», sagt der türkischstämmige Nusret Temizel. Er ist in der Schweiz geboren und in Basel aufgewachsen. Im Breitquartier lebt er mit seiner Frau Hatice und den beiden Kindern.

Gülen-Anhänger im Fokus

Das Paar betont: Beim gemeinsamen Abendessen seien Fragen zum Alltag, zur Religion, zur Mentalität ausdrücklich erwünscht. Wer auf spektakuläre Antworten hofft, dürfte aber enttäuscht werden, warnt Hatice Temizel: «Die negativen Vorurteile treffen auf die meisten Muslime nicht zu. Trotzdem hält sich das schlechte Image hartnäckig. Aber gucken Sie sich um, wir leben ganz normal.»

Durch die offene Balkontür flutet Sonnenlicht. Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer dampft Tee aus bauchförmigen Gläsern. Schoko-Küchlein und Baklava sind liebevoll angerichtet. Aus dem Nebenzimmer stürmt der 4-jährige Sohn. Strahlend, in der Hand hält er eine neue Kreation aus bunten Duplo-Steinen.

Sein Wecker klingelt im kommenden Monat nicht kurz vor Sonnenaufgang. Ebenso wie seine 6-jährige Schwester fastet er nicht. Kinder, Schwangere oder kranke Menschen sind davon ausgenommen. Für die anderen gilt, bis zu 16 Stunden ohne Flüssigkeit und ohne Nahrung auszukommen. Nach zwei Tagen habe sich der Körper daran gewöhnt, sagt Nusret Temizel. Sowohl ihm wie seiner Frau gefällt, dass sie in dieser Zeit neben dem Job alles ruhiger angehen.

«Es fühlt sich an, als ob der Alltag vor sich hindämmern würde. Man zieht sich zurück, schaltet ab», sagt Hatice Temizel. Selten würde sie so viel lesen, wie in dieser Zeit. Damit auch in diesem Jahr der Ramadan für die Gastgeber ein ruhiger Monat bleibt, lädt jede beteiligte Familie ein oder zu zwei Mal ein.

Koordiniert werden die Abendessen durch den Ideal Kulturverein. Er steht der Hizmet-Bewegung nah. Diese führt mit Fethullah Gülen jener islamische Geistliche an, den der türkische Präsident Recep Erdogan für den gescheiterten Militärputsch verantwortlich macht. Tausende von Gülen-Anhänger sind seither verhaftet worden; Spitzel-Skandale sorgten in Europa für Aufregung. Auch aus der Schweiz landete ein detaillierter Rapport in Ankara. Auf dieser Liste der Gülen-Anhänger steht auch der Ideal Kulturverein.

Vorstandsmitglied Nusret Temizel sagt, dass er sich in der Schweiz dennoch sich sicher fühle. Angepöbelt oder öffentlich angefeindet sei er hier nie worden. Die Ferien in der Türkei sind allerdings auf unbestimmt verschoben. Doch das Thema hat auch in der Schweiz Sprengkraft: «Treffen wir andere Familien, hoffe ich immer, dass niemand das Gespräch auf die Politik lenkt. Zu rasch wird es emotional, zum Teil auch verletzend.»

Temizel wählt seine Worte bedacht, wägt ab. Er erzählt von den gut besuchten Veranstaltungen, die der Ideal Kulturverein organisiert hat; von der Nachhilfeschule Elite, in die türkischstämmige Eltern ihre Kinder schickten. Unabhängig von ihrer politischen Gesinnung. Damit ist seit dem Putschversuch Schluss. Die Schule steht vor dem Aus, es fehlen die Schüler. «Es beschäftigt uns, dass wir plötzlich als die Bösen gelten. Schliesslich wurden unsere Angebote zuvor jahrelang geschätzt», sagt er.

Ihm sei bewusst, dass die Gäste beim Fastenbrechen auch Fragen zur Gülen-Bewegung haben. Diese sollen gestellt werden, betont er. Sämtliche Vorurteile sollten die Chance haben, an diesem Abend gebrochen zu werden. Und wenn keine bestehen, umso besser.

Anmeldung: Wer an einem kostenlosen Abendessen teilnehmen möchte, kann sich beim Ideal Kulturverein per Mail anmelden: kontakt@idealkulturverein.ch Man kann als Einzelperson oder in einer kleineren Gruppe bis zu vier Personen teilnehmen. Das Fastenbrechen beginnt nach 21 Uhr. Die Platzzahl ist beschränkt.

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