Wärmestube

Vorwürfe gegen Vereinsleitung: Ex-Angestellte von Basler Soup&Chill prangern Missstände an

Die Betriebsanalyse im Auftrag der drei grossen Geldgeber soll die Organisationsstruktur bei SoupnChill durchleuchten.

Die Betriebsanalyse im Auftrag der drei grossen Geldgeber soll die Organisationsstruktur bei SoupnChill durchleuchten.

Fünf ehemalige Mitarbeitende der Wärmestube Soup&Chill erheben nach ihrer Entlassung schwere Vorwürfe gegen die Vereinsleitung. Sie fordern mehr Transparenz über die Finanzen, klar geregelte Kompetenzen und mehr Mitsprache. Was liegt hier im Argen?

Zunächst sieht es aus wie eine interne Querele: Im August 2019 werden beim Verein Soup&Chill nach einer konfliktreichen Teamsitzung zwei Festangestellte entlassen und drei Mitarbeitenden die Verträge für die nächste Saison nicht mehr in Aussicht gestellt. Dies, obwohl nicht alle an der besagten Sitzung anwesend waren. So schildern es Mitarbeitende gegenüber der bz. Die fünf bildeten damals laut eigenen Aussagen das Kernteam und hatten zuvor mehrere Jahre bei der Wärmestube für in Not geratene Menschen hinter dem Bahnhof SBB gearbeitet.

Personelle Instabilität belastet den Verein

Die Geschichte könnte längst vergessen sein. Doch für die ehemaligen Mitarbeitenden war diese Querele Anlass dazu, sich gegen die Vereinsführung aufzulehnen und auf strukturelle Missstände aufmerksam zu machen. Mit Unterstützung der Gewerkschaft IGA reichten sie beim Zivilgericht eine Sammelklage gegen missbräuchliche Kündigung ein.

Ausserdem wandten sie sich im November mit einem offenen Brief an die drei grossen Geldgeber des Vereins; die GGG, die Christoph Merian Stiftung (CMS) und den Kanton Basel-Stadt. Diese drei geben aktuell pro Wintersaison 134000 Franken. Laut Angaben der Vereinspräsidentin Claudia Adrario de Roche decke das gut einen Drittel des Bedarfs für eine Saison. Rund zwei Drittel werde über Stiftungen und private Spender finanziert.

In ihrem Brief an die Geldgeber schreiben die ehemaligen Mitarbeitenden: «Wir wehren uns vehement gegen willkürliche Kündigungen und die unprofessionelle Einflussnahme des Präsidiums in Betriebsangelegenheiten.» Unterzeichnet ist er auch von einer weiteren ehemaligen Mitarbeiterin. Dazu erstellten sie eine Liste, in der sie aufzeigen, wie oft es in den vergangenen sechs Jahren angeblich zu abrupten Abgängen und Kündigungen kam. So sei keine Teamleitung während mehr als zwei Wintersaisons konstant geblieben. «Personelle Instabilität hat im Soup&Chill eine lange Vorgeschichte», sagt das Team gegenüber der bz.

Immer wieder aufs Neue ausgestellte Saisonverträge

«Das belastet die Mitarbeitenden, ist unangenehm für die Gäste und schadet dem Verein.» Ihre Forderungen: eine Demokratisierung und Professionalisierung des Vereins: mehr Transparenz über die Finanzen, klar geregelte Kompetenzen und mehr Mitsprache im Alltagsgeschäft. Denn, so die Ehemaligen: «Eine soziale Institution hat auch gegenüber ihren Angestellten eine soziale Verantwortung.» Die internen Schwierigkeiten seien auch im sozialen Basel bekannt. Michel Steiner, Co-Geschäftsleiter des Vereins Schwarzer Peter, zu dem früher das Soup&Chill gehörte, will sich dazu nicht öffentlich äussern. Er sagt nur: «Es ist uns bekannt, dass es beim Soup&Chill eine hohe Fluktuation gibt.»

Claudia Adrario de Roche, die den Verein seit der Gründung im Jahr 2006 präsidiert, weist die Vorwürfe zurück: «Klar gibt es Wechsel in der Leitung, wie in allen Vereinen. Aber viele Teammitglieder bleiben viele Jahre bei uns.» Ausserdem beruft sie sich auf das Schlichtungsverfahren vor Zivilgericht, das ihr Recht gegeben hatte: Die Kündigungen waren nicht missbräuchlich.

Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass die Mehrheit der Betroffenen nur befristete Verträge hatte, die ohnehin automatisch auslaufen. Das wiederum ist ein weiterer Vorwurf der ehemaligen Mitarbeitenden: Die über mehrere Jahre immer wieder aufs Neue ausgestellten Saisonverträge. Adrario de Roche weiss um die instabilen Bedingungen der Saisonverträge, sieht die Ursache dafür jedoch bei den Geldgebern: «Wir wissen nie im Voraus, ob das Geld auch für die nächste Saison reicht. Deswegen können wir keine Sicherheit geben, so gerne wir dies möchten.»

Geldgeber machen Verein Auflagen für weitere Mittel

In ihrem Schreiben vom November bieten die ehemaligen Mitarbeitenden den Geldgebern das Gespräch an. Dazu kommt es nie. Aus der Antwortmail der GGG und der CMS geht hervor, dass die internen Konflikte nicht überraschen. So sei es auch ihrer Meinung nach notwendig, dass sich der Betrieb in Richtung Professionalisierung weiter entwickle und man sei dabei, die Geschehnisse auszuwerten. Wenige Monate später initiieren die drei Geldgeber eine Betriebsanalyse des Vereins, bei der aktuell verschiedene Personen befragt werden, darunter auch ehemalige Mitarbeitende.

Auf Anfrage teilt der Leiter der Sozialhilfe Ruedi Illes, der sich stellvertretend für die GGG, die CMS und den Kanton äussert, schriftlich mit: «Das Schreiben der Mitarbeitenden hat nichts mit der Betriebsanalyse zu tun. Die Organisationsstruktur des Vereins ist aber Bestandteil davon.» Mehr wolle man aufgrund von Verhandlungen mit der Vereinspräsidentin und der laufenden Betriebsanalyse nicht sagen.

Allerdings fährt man bereits jetzt einen neuen Kurs: Aufgrund der Coronakrise stieg die Nachfrage bei Soup&Chill. Die zusätzlich beantragten Mittel knüpfen die Geldgeber an die Bedingung, dass der Verein für die Essensausgaben künftig drei Franken verlangt. Bisher waren alle Dienstleistungen umsonst. Ruedi Illes sagt: «Im Falle einer Gratisabgabe von Lebensmitteln ist der effektive Bedarf schwer zu ermitteln.» Adrario de Roche will sich dazu nicht äussern.

Seit Jahren eine wichtige Anlaufstelle für Randständige

Zu der laufenden Betriebsanalyse weist sie lediglich auf ihre seit Jahren wiederholte Forderung einer kantonalen Finanzierung rund ums Jahr hin, was auch «die prekäre Personalsituation beruhigen würde». Ohnehin sieht die Vereinspräsidentin die Probleme nicht bei internen Vereinstätigkeiten. «Wir haben seit dem Lockdown noch mehr Gäste als vorher, neu auch Leute aus dem Quartier. Dafür brauchen wir mehr Geld.»

Schliesslich sei das Soup&Chill seit Jahren eine wichtige Anlaufstelle für Randständige und eine Entlastung für die «Szene» rund um den Bahnhof SBB. In diesem Punkt stimmen die ehemaligen Mitarbeitenden mit der Vereinspräsidentin überein. «Wir beabsichtigen mit unserem Vorgehen auf keinen Fall, das weitere Bestehen des Soup&Chill zu gefährden. Die Wärmestube und vor allem die Gäste liegen jedem einzelnen Teammitglied sehr am Herzen.» Sie betonen allerdings: «Eine Demokratisierung und Professionalisierung des Vereins unter der aktuellen Präsidentin halten wir nicht für möglich.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1