Weil er den freisinnigen Regierungskandidaten Baschi Dürr sowie Freunde auf ein Bier in seinen Hinterhof eingeladen hat, wurde er von Parteipräsident Martin Lüchinger mit Hinweis auf das Wahl- und Abstimmungsreglement der SP gerügt.

Über die Affäre Krattiger schmunzelt die halbe Stadt. Doch hinter dieser ersten Wahlkampf-Posse verbirgt sich eine ernste politische Frage: Ist das Empfehlungs-Verbot der SP noch zeitgemäss?

Immerhin hat die als bürgerlich geltende Handelskammer beider Basel umgekehrt die drei SP-Regierungsräte Eva Herzog, Christoph Brutschin und Hans-Peter Wessels jüngst zur Wiederwahl empfohlen.

Es ist bei allen Parteien dasselbe

Diese Empfehlung nehme man in der SP dankbar an, analysiert der ehemalige SP-Präsident Roland Stark. Gleichzeitig sei es verpönt, wenn sich ein Sozialdemokrat öffentlich für einen bürgerlichen Kandidaten ausspreche. «Es ist bei allen Parteien dasselbe: Dissidenten sind gerne gesehen - aber nicht in den eigenen Reihen.»

Stark fordert deshalb, das Verbot «schicklich zu beerdigen.» Dieses stamme aus den Kriegszeiten der SP, sagt Stark und erinnert an die Flügelkämpfe bei den Regierungswahlen 1976:

Damals trat SP-Fraktionschef Hansruedi Schmid im zweiten Wahlgang gegen den offiziellen SP-Kandidaten Helmut Hubacher an. Schmid wurde prompt gewählt - und aus der SP ausgeschlossen.

«Von damaligen Verhältnissen sind wir weit entfernt», findet Stark. Krattigers Bierrunde mit kaum einem Dutzend Beteiligten sei geradezu harmlos gewesen.

2004: Parteichef Jans rügt Wessels

Stark hat vor Jahren selber «Bekanntschaft» mit dem ominösen Artikel 13 des Wahlreglements gemacht: Im Oktober 2004 wurde er vom damaligen Parteipräsidenten Beat Jans gemassregelt, weil er sich in der «Basler Zeitung» für die Wiederwahl von Regierungsrat Christoph Eymann (LDP) starkgemacht hatte.

Gerügt wurde in diesem Zusammenhang auch der damalige Grossrat Hans-Peter Wessels. Neben dem Hinweis auf den Paragrafen schrieb Parteichef Jans den beiden zudem: «Eure Wahlempfehlungen für Eymann sind völlig unnötig. Eymann ist eh gewählt.»

Die Episode von 2004 zeigt: Die Rügen zeitigen für die Fehlbaren keinerlei politische Konsequenzen: Wessels wurde vier Jahre später in die Regierung, Stark 2009 zum Grossratspräsidenten gewählt. Weshalb also den kuriosen alten Zopf nicht abschneiden?

Lüchinger zu Diskussionen bereit

SP-Chef Lüchinger verteidigt das Wahl- und Abstimmungsreglement: «In Zeiten des Wahlkampfs wie jetzt ist es wichtig und für den Wahlerfolg entscheidend, dass die SP gegen aussen hin geschlossen auftritt.»

Als Präsident müsse er darauf achten, dass die Regeln, die einst gemeinsam beschlossen wurden, auch eingehalten werden. Lüchinger wäre aber durchaus bereit, mit den Parteimitgliedern nach den Wahlen in aller Ruhe darüber zu diskutieren, ob ein Empfehlungs-Verbot für Vertreter anderer Parteien noch zeitgemäss sei und ob dies noch dem Willen der Mitglieder entspreche. «Die Zeiten haben sich vermutlich verändert», räumt er ein.