Theater Basel

«Walsers Text ist wie geschaffen fürs Theater»

Mario Fuchs (links) spielt in Basel die Rolle des Büroangestellten Joseph Marti in «Der Gehülfe».

Mario Fuchs (links) spielt in Basel die Rolle des Büroangestellten Joseph Marti in «Der Gehülfe».

Die Berliner Schauspielerin Anita Vulesica bringt am Theater Basel den urschweizerischen Roman «Der Gehülfe» von Robert Walser auf die Bühne. Warum wird dieser Autor eigentlich so oft inszeniert?

Robert Walsers Werk war einst Pflichtlektüre an den Schweizer Schulen. Und es taucht in regelmässigen Abständen auf den Spielplänen der Schweizer Theater auf. Aktuell mit «Der Gehülfe» am Theater Basel. Warum eigentlich? Walser (1878-1956) war Erzähler und Romancier und kein Dramatiker.

In «Der Gehülfe» wird beschrieben, wie der junge Büroangestellte Joseph Marti in einer seltsam anmutenden, halb passiven, teils aktiven Rolle den Ruin des Geschäfts und der Familie eines cholerischen Erfinders und Vaters miterlebt. Der Roman lebt von inneren Monologen und Naturbeschreibungen. Auf den ersten Blick kristallisiert sich da nur bedingt Bühnentauglichkeit heraus.

Mit dieser Einschätzung ist Anita Vulesica aber gar nicht einverstanden. «‘Der Gehülfe’ ist hochdramatisch», sagt sie. «Der Stoff eignet sich zu hundert Prozent für die Bühne, Walsers Text klingt nicht nach Prosa, sondern ist wie geschaffen fürs Theater.»

Klar, dass Vulesica so spricht, schliesslich inszeniert sie den 1908 erschienenen Roman. Zusammen mit der Dramaturgin Carmen Bach hat sie aus dem über 300-seitigen Prosawerk eine rund 40-seitige Bühnenfassung destilliert.

Vulesica hat aber gute Argumente und strömt eine Begeisterung für den Stoff aus, die glaubwürdig wirkt. Natürlich könnte man im ersten Moment den Eindruck bekommen, dass in «Der Gehülfe» sich die Figuren nicht entwickelten, sagt sie.

«Aber das stimmt nicht, Walser hat die Menschen und Umstände in seinen Roman sehr genau beobachtet: den brutalen Vater, die unglückliche Ehe, geliebte und vor allem ungeliebte Kinder, den Verlauf eines Bankrotts, Konfrontationen noch und noch», so die Regisseurin.
«Er hat die Figuren nicht von aussen her beobachtet, sondern auch ihre Motivationen dargelegt, er hatte also einen sehr dramatischen Blick.»

Von der Schauspielbühne an den Regiepult

Wenn man die 1974 geborene Theaterfrau so sprechen hört, wähnt man sich einer gestandenen Regisseurin gegenüber. Und man ist überrascht, wenn man erfährt, dass die Inszenierung in Basel ihre «erste Regiearbeit mit gestandenen Schauspielerinnen und Schauspielern» ist.

Gelernt hat sie Schauspielerin und Sozialpädagogin. Sie war stets auf beiden Gebieten tätig, auf Bühnen wie dem Deutschen Theater Berlin und dem Schauspiel Leipzig und als Schauspieldozentin an verschiedenen Theater-Hochschulen, wo sie mit Abschlussinszenierungen für Aufmerksamkeit sorgte.

Und Vulesica hat viel fürs Fernsehen gearbeitet, unter anderen als Krankenschwester in der doch eher seicht daherkommenden Krankenhausserie «In aller Freundschaft». «Die Krankenschwester spiele ich nicht mehr», sagt sie sogleich, aber ohne diese Arbeiten explizit schlecht zu reden. «Ich vollziehe Spagate in alle Richtungen, fordere mich gerne heraus, was mit Interesse zu tun hat.»

Und jetzt also Regie. «Die Regie war vielleicht schon vor der Schauspielerei mein Ding», sagt sie. «Ich habe bereits als Kind und Jugendliche andere Kinder und Jugendliche um mich geschart und mir ausgedacht, was diese tun sollten.»

Theaterstoff und Erinnerung überlagern sich

Das war in Kroatien, genauer in Zadar, wo sie teilweise aufgewachsen ist. «Dass Andreas Beck mich für diese Regie angefragt hat, finde ich herrlich – und mutig. Ich hätte gar nicht Nein sagen können – auch wenn mich der Stoff nicht so reingezogen hätte, wie er es getan hat.»

Vulesica sagt aber auch, dass es als Schauspielerin gar nicht so einfach sei, die Seiten zu wechseln. «Die Welt ist noch immer so, dass Männer mehr dürfen als Frauen», antwortet sie auf die Frage nach dem Warum. «Bei einer Frau heisst es schnell, das sind so Marotten, jetzt will die auch noch Regie machen, was Männer weniger zu hören bekommen.» Aber zum Glück ändere sich das langsam.

«Ich nehme mir vor, die Regisseurin zu sein, die ich als Schauspielerin immer gerne gehabt hätte.» Mit diesem Satz zitiert sie sich selber. Er steht am Schluss eines Porträts in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Theater heute», die sie bereits als Nachwuchsschauspielerin und als Schauspielerin des Jahres nominiert hatte.

In diesem ausführlichen Porträt erzählt sie auch viel über ihre Kindheit und Jugendzeit. Über den «kalten, abweisenden, gewalttätigen Haushalt» bei ihren Eltern, die in Deutschland arbeiteten. Über den cholerischen Opa und die liebevolle Oma in Kroatien, wohin sie ihre Eltern abschoben.

Das, was sie in «Theater heute» über sich selber erzählt, sagt sie mit ähnlichen Worten im Gespräch mit dieser Zeitung über den Stoff, den sie inszeniert. «Es geht sehr um fehlende Vater- und Mutterfiguren», sagt Vulesica, «es herrscht eine grosse brutale Kälte, weil die Figuren im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein sind. Es ist eine Tragödie.»

«Der Gehülfe» Premiere, Freitag, 13. Dezember, Theater Basel.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1