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Walter Fleuti ist einer von Vielen: Im Kanton Basel-Stadt leben die meisten Hundertjährigen

«Der Arzt ist erstaunt, dass ich es überhaupt so weit geschafft habe»: Walter Fleuti.

«Der Arzt ist erstaunt, dass ich es überhaupt so weit geschafft habe»: Walter Fleuti.

Wandern war früher seine Leidenschaft, heute sitzt er meist im Sessel in seinem Wohnzimmer oder auf dem Balkon. Den Koller hat der 100-Jährige dennoch nicht.

Walter Fleuti sitzt in seinem drehbaren Sessel im Wohnzimmer und versucht, sich an seinen vergangenen Geburtstag zu erinnern. Lange ist es noch nicht her, und Fleutis Gedächtnis ist noch relativ gut im Schuss. Trotzdem muss er sich etwas anstrengen. «Es waren schon so viele Geburtstage», sagt er, und man darf ihm Recht geben: Walter Fleuti ist am 1. März dieses Jahres hundert Jahre alt geworden. «Auf jeden Fall war die Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann da, mit einem riesigen Blumenstrauss.»

Fleuti ist nicht der einzige Jubilar. Laut den neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik leben in keinem anderen Kanton der Schweiz mehr hundertjährige Menschen als in Basel-Stadt. Pro 100 000 Einwohner sind 38 Menschen 100 Jahre alt oder noch älter. Doch was bedeutet das? Wie blicken Hundertjährige auf ihr Leben zurück – und wie viel Zukunft hat noch Platz?

Die Erinnerungen von Walter Fleuti an sein Leben sind heute in seinem Wohnzimmer versammelt. Auf dem hölzernen Wandschrank stehen zahlreiche Fotos von Familienausflügen; er und seine Frau Elisabeth bei der Hochzeit, vor dem Matterhorn, beim Spaziergang mit einem Bernhardinerhund, von den zwei Kindern und Enkeln. Daneben eine selbst gebaute Dampflok aus Konservenbüchsen und viele Bücher mit Titeln wie «Traumberge Schweiz», «Schön ist die Schweiz» oder «Die Alpen».

Feierten vor zwei Jahren die Kronjuwelenhochzeit

«Wandern war meine Leidenschaft», sagt Fleuti. Heute sitze er meistens in seinem Sessel im Wohnzimmer oder gehe zum Sünnele auf den Balkon. «Der Kreis ist halt kleiner geworden.» Sein schlohweisses Haar ist nach hinten gebürstet, er trägt eine braune Manchesterhose und ein blau kariertes Hemd. Neben ihm auf dem Ledersofa sitzt seine Frau Elisabeth und liest halblaut aus der Zeitung vor, während Walter Fleuti aus seinem Leben erzählt. Die beiden sind seit 77 Jahren verheiratet und aktuell das älteste Ehepaar in Basel-Stadt.

Vor zwei Jahren feierten sie ihre Kronjuwelenhochzeit. Auch zu diesem Anlass hatte sie die Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann persönlich zuhause besucht, als Geschenk gab es einen Basilisk-Brunnen in Miniatur mit der Gravur: «Zur Kronjuwelenhochzeit vom Regierungsrat Basel-Stadt.» Eine Ehre für die fast ewige Liebe, die es so nur noch selten gibt.

Kennen gelernt haben sich die Fleutis «z Tanz». Walter Fleuti erzählt von der ersten Begegnung im Hotel National in Bern. «Ich war im Militärdienst und ging am Abend mit einem Freund weg. Da kamen zwei Mädchen etwas scheu hinein und wollten gleich wieder gehen. Aber wir haben sie gebeten zu bleiben und schliesslich zusammen getanzt, Fox und Englischwalz.»

Doch nach diesem Abend ist Elisabeth aus seinem Leben verschwunden. Erst ein Jahr später haben sie sich wieder getroffen. Fleuti war wieder im Dienst, und wieder ging er «z Tanz», diesmal in der Nähe von Thun. «Ich wusste noch ungefähr, wo sie wohnt und ging im selben Dorf aus.» Der Zufall wollte es, dass sie sich tatsächlich begegneten. «Und diesmal hat’s dann geklappt», sagt Fleuti und lacht schelmisch.
Die Hochzeit fand noch im gleichen Jahr statt, am 14. September 1943 in der Kapelle in Scherzligen bei Thun. Fleuti war 23, Elisabeth 20 Jahre alt. Wenige Monate später kam die erste von zwei Töchtern auf die Welt.

Der geborene Murtner kam wegen der Arbeit nach Basel

Doch wie gelingt eine lebenslange Ehe? «Man muss sich lieb haben und wenn etwas nicht stimmt, zusammen sprechen», sagt Fleuti, als wäre das Selbstverständliche so selbstverständlich. Er und seine Frau würden sich eben gut ergänzen: «Sie ist Schütze und ich Fisch im Sternzeichen – wenn sie schiesst, dann bin ich der Blitzableiter und bleibe ruhig.»

Am Ende aber zähle vor allem der Wille. «Man darf die Flinte nicht überstürzt ins Korn werfen», sagt er und fügt mit etwas Bedauern hinzu. «Ich weiss, das ist heute nicht mehr so Mode.»

Wie seine Frau ist auch Walter Fleuti ein Wahlbasler. Geboren ist er in Murten, nach wenigen Jahren liess sich seine Familie in Zürich Altstetten nieder. Seine Mutter war «Gletterin», habe Kleider gebügelt in einer Wäscherei. Der Vater leitete das Lager in einer Firma für Kleiderknöpfe. Fleuti hatte vier Geschwister, einen älteren und zwei jüngere Brüder und eine Schwester, die jedoch mit sieben Jahre durch einen tragischen Unfall umgekommen ist. Da beide Eltern arbeitstätig waren, hat eine Tante viel zu den Kindern und dem Haushalt geschaut.

Die Jugendjahre waren geprägt von dem drohenden Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. «Bei uns war stets das Geld knapp, und das Essen», erinnert sich Fleuti. Ansonsten hat er zumindest im Rückblick eine relativ unbeschwerte Erinnerung an seine Kindheit und Jugend. «Wir haben oft auf der Strasse mit Schneidebrettern aus der Küche Tennis gespielt.» Die Strasse hätten die Kinder quasi für sich einnehmen können, «es gab ja noch kaum Verkehr».

Fleuti machte eine Mechanikerlehre und zog 1953 mit seiner Familie nach Basel, wegen einer Stelle bei einer Firma für Stahl- und Kranbau. Die Firma ging zwar kurz darauf Konkurs, doch seine Konstruktion, auf die er noch heute stolz ist, hatte er dort umgesetzt. Im Auftrag des damaligen Spitaldirektors Gottfried Moser persönlich sollte er einen Patientenheber mit eingebauter Waage konstruieren, was Fleuti mit Bravour meisterte und ihm noch lange Zeit später als Referenz galt. Anschliessend fand er eine Stelle bei der Milchsuppe, einer Abteilung des Bürgerspitals Basel, die sich um die Integration von Menschen mit einer Behinderung kümmerte. Dort konstruierte Fleuti Fahrzeuge für handicapierte Personen. «Ich war ein Tüftler. Mich hat immer interessiert: Wie kann man etwas noch besser machen?»

Lehnte Angebot aus Kanada ab: «Kann kein Englisch»

Einmal schaffte er das scheinbar Unmögliche und baute ein Auto für eine Frau, die bei einem Unfall beide Beine und einen Arm verloren hatte. «Sie konnte alles mit einem Knüppel und Knöpfen bedienen, das Gas, die Bremse, die Schaltung», erzählt Fleuti. Die Erfindung sprach sich schnell herum, sogar nach Kanada habe man ihn abwerben wollen. Doch Fleuti winkte ab. «Ich kann kein Englisch», habe er damals als Antwort gegeben.

Lieber blieb er in seiner Drei-Zimmer-Wohnung an der Birs, in die er 1953 mit seiner Familie gezogen war und in der er noch heute mit seiner Frau lebt. «Die Aussicht ist so schön hier.» Auch die Pension verbrachte der Hundertjährige vor allem in der Schweiz, erkundete mit seiner Frau in dem umgebauten Fiat-Bus das Land oder werkelte auf ihrem Gartengrundstück.

Es sind Erinnerungen, die sich nicht wiederholen lassen. Heute geht Walter Fleuti kaum noch nach draussen. «Man muss seine Grenzen kennen», sagt er. «Sich eingestehen, was nicht mehr geht. Wandern etwa, das werde ich nie mehr können.» Fleuti leidet an einer chronisch obstruktiven Lungenentzündung, früher bekannt als Staublunge. Zu seiner Zeit war Schutzkleidung während der Arbeit noch nicht verbreitet. Sein Herz und seine Lunge sind davon stark geschwächt. «Der Arzt ist erstaunt, dass ich es überhaupt bis hierher geschafft habe.»

Will noch einmal sein Auto bewegen

Wie hat es Walter Fleuti denn bis hierher geschafft? «Man muss nur lange genug warten können», gibt er zur Antwort und lacht wieder sein schelmisches Lachen. «Man muss das Leben nehmen, wie es ist. Ich hatte jedenfalls nie den Koller.»

Den hat er noch immer nicht. Allerdings habe er auch keine Angst vor dem Ende, denn: «Wenn es so weit ist, merke ich es gar nicht, dann bin ich ja nicht mehr hier.»

Auch Wünsche hat Walter Fleuti noch. «Mein Auto steht jetzt schon Monate unbenutzt in der Garage», sagt er. Sein Führerschein sei noch bis Ende Juli gültig, dann ist Schluss. «Ich möchte es zu gerne noch einmal bewegen», sagt er und strahlt dabei.

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