Velofahren – das kann doch jedes Kind. Das ist eine eurozentrische Perspektive, auch eine typisch schweizerische. Denn in vielen Ländern der Erde ist das Velo kein gängiges Fortbewegungsmittel. Und das hat in der Folge der Einwanderung auch Auswirkungen auf die Region Basel: Auch hier nimmt der Zahl der Menschen zu, die nie oder fast nie Velofahren.

Am grössten ist der Anteil der Veloabstinenten unter Migranten. Untersuchungen zeigen: Ein grosser Teil der Bevölkerung mit Wurzeln im Ausland ist es sich schlicht nicht gewohnt, Fahrrad zu fahren, oder es wurde gar nie richtig gelernt. Das betrifft insbesondere auf Frauen zu, die aus südlichen Ländern migriert sind. Weil der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung steigt, nimmt auch hierzulande der Anteil derjenigen zu, die kaum je in die Pedale treten.

Unbeliebter Helm

Doch nicht nur bei vielen Migranten ist das Velo wenig beliebt. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche in der Schweiz halten wenig vom Pedalen. Seit rund zwei Jahrzehnten sinkt die Velonutzung bei den Jungen. Bei ihnen ist es vor allem der gut ausgebaute öffentliche Verkehr, der sie vom Sattel lockt. Kommt hinzu, dass sie den Helm nicht mögen und in Bus und Tram ihre Handys nutzen können. «Viele Jugendliche, insbesondere in der Oberstufe, ziehen Tram oder Bus dem Velo vor, weil der öV als praktisch, gemütlich und schnell wahrgenommen wird», heisst es in der 2014 erschienenen Pilotstudie «Velonutzung von Jugendlichen im Kanton Basel-Stadt». Der öV gelte bei jungen Menschen als «cool». Auch bei dieser Gruppe spielen Geschlecht und Herkunft eine Rolle: Junge Personen mit Migrationshintergrund fahren seltener als jene mit zwei Schweizer Elternteilen, Buben häufiger als Mädchen.

Die zunehmende Velo-Unlust der Jungen ist für die Schweiz belegt. Laut Bundesamt für Statistik schrumpfte der Veloanteil bei den 6- bis 20-Jährigen zwischen 1994 und 2010 auf die Hälfte. Für die Nordwestschweiz gibt es keine entsprechenden Zahlen. In Basel-Stadt hat der Veloverkehr laut Verkehrszählung in den vergangenen fünf Jahren insgesamt sogar zugenommen, um hohe 18 Prozent. Auch liegt der Veloanteil bei Kindern und Jugendlichen im Stadtkanton leicht über dem schweizerischen Schnitt: bei 12.2 Prozent. «Allerdings ist davon auszugehen», ist der Velo-Pilotstudie zu entnehmen, «dass auch in der Stadt Basel ein Rückgang des Velofahrens bei Jugendlichen stattgefunden hat.» Die Befragung sei durchgeführt worden, sagt Marc Keller, Leiter Kommunikation beim Basler Bau- und Verkehrsdepartement, um mögliche Ursachen für die sinkende Velonutzung bei Jugendlichen zu erforschen. Dies geschah wohl auch mit Blick auf die Zukunft. Denn Basel hat sich 2010 zum Ziel gesetzt, fussgänger- und velofreundlichste Stadt der Schweiz zu werden. Beim Velofahren kommt hinzu, dass es «vererbt» wird. Heisst im Umkehrschluss: Hat Hänschen nicht Velofahren gelernt, so traut sich das später auch Hans nicht – und gibt es ebenso wenig an Hans Junior weiter.

Die Vererbungs-These ist auch bei Migranten empirisch erhärtet. Geografin Andrea Dürrenberger hat 2014 im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Basel 186 Menschen aus Basel und 17 Agglomerationsgemeinden befragt, die im Ausland geboren wurden oder zumindest ein Elternteil. Sie beschränkte sich dabei auf Personen aus der Türkei, Ex-Jugoslawien, Spanien und Lateinamerika. Eine Erkenntnis der Arbeit «Das Fahrrad – ein Verkehrsmittel für Migranten?»: Am seltensten schwingen sich Personen mit türkischem Migrationshintergrund auf den Velosattel: 61 Prozent radeln nie.

Image-Problem

Auch bei Migranten spielt das Geschlecht eine Rolle bei der Velonutzung. Das Fahrrad geniesse in vielen Ländern kein Prestige, gelte als «Armer-Mann-Gefährte», zitiert Dürrenberger eine Leiterin eines Fahrradkurses. Vom Leiter eines Quartiertreffpunkts ist zu erfahren, dass Frauen aus muslimischen Ländern oftmals sehr zurückhaltend seien bei sportlichen Aktivitäten. Das könnte auch auf das Fahrradfahren zutreffen.

Dürrenberger empfiehlt – neben Fahrkursen –, die Infrastruktur für Velofahrende zu verbessern. Bedeutet: Sichere Abstellplätze, mehr und sicherere Velostreifen, separate Wege, wo es der Platz zulässt. Auch die Pilotstudie kommt zum selben Fazit. Die Velo-Infrastruktur müsse gehoben werden «auf ein Niveau, das der Qualität des öffentlichen Verkehrs nahe kommt.» Denn dieser sei der Hauptkonkurrent.