Theater Basel
Warum der Chor des Basler Theaters so gut ist wie kein zweiter

Der herausragende Chor des Basler Theaters, der zur Zeit «Lohengrin» probt, ist jetzt von der internationalen Kritik zum «Chor des Jahres» gewählt worden. Die Auszeichnung wurde ihm «vor allem für Inszenierung des War Requiems zuerkannt.

Christian Fluri
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Chor des Basler Theaters probt «Lohengrin»
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War Requiem Ausschnitt aus dem preisgekrönten Werk von Bejamin Britten.
War Requiem

Chor des Basler Theaters probt «Lohengrin»

Martin Töngi

Als eine «schöne Wiese mit farbigen Blumen und Kräutern» umschreibt der Basler Chordirektor Henryk Polus «seinen» Chor und Extrachor metaphorisch im Gespräch mit der bz, Der professionelle Theaterchor setzt sich aus 38 Individualisten aus elf Ländern zusammen, die als Gruppe sozial miteinander bestens funktionieren. Die Sängerinnen und Sänger stammen aus Bulgarien, China, Chile, Deutschland, Frankreich, Japan, Polen, Russland, der Schweiz und anderen Ländern. Ihre individuelle Ausprägung mache auch die Stärke des Chors aus, weiss Polus. Er entfaltet auf der Bühne eine klangliche Kraft, die den mindestens 60-köpfigen Chören grosser Häuser in nichts nachstehe. Der Extrachor besteht aus einer festen Gruppe gut ausgebildeter, von Polus «trainierter» Laien, die die Profis in grossen Opern nach ihren Möglichkeiten unterstützen. Der grosse Chor bringt eine für ein mittleres Haus überragende Qualität auf die Bühne – er tut dies seit Jahrzehnten.

Nun ist der Basler Chor folgerichtig von der internationalen Kritik zum «Chor des Jahres» gewählt worden. Die Auszeichnung wurde ihm «vor allem für seine (szenische) Produktion von Benjamin Brittens ‹War Requiem›» zugesprochen, schreibt die Fachzeitschrift «Opernwelt» in ihrem Jahresheft (bz vom 2. Oktober). «Die Anerkennung von aussen sei ein grosser Energieschub», freut sich Polus. Im Proberaum des Chors steht ein üppiger Rosenstrauss, mit dem die Theater-Direktion seinem Chor gratuliert hat.

Der Basler Chor, der so manche grosse Opernproduktion entscheidend mitträgt, hat diese Anerkennung mehr als verdient. Mit welch immenser Ausdruckskraft Chor und Extrachor das von Calixto Bieito in starken Bildern inszenierte «War Requiem» sang, und wie zugleich jeder Sänger, jede Sängerin ihre Figuren berührend spielten, war Weltklasse und baut auf akribische Arbeit vor und in den szenischen Proben.

«Der Chorpart des ‹War Requiem› ist hoch komplex und nicht dazu gedacht, dass er auswendig gesungen werden muss», erklärt Polus. Eineinhalb Jahre dauerte die Probenzeit. Für Polus ist das «War Requiem» denn auch eine der wichtigsten Produktionen in seiner 19-jährigen Direktorenzeit. Dies neben Händels Oratorium «Israel in Egypt» im Jahre 2002, das der Chor ein Jahr lang einstudiert hatte. Polus bedauert hier heute noch, dass der zweite Teil konzertant aufgeführt werden musste, da Regisseur und Ausstatter Herbert Wernicke während der Proben starb.

Hauptrolle im «Lohengrin»

Derzeit befindet sich der Theaterchor in den Endproben zu Richard Wagners «Lohengrin» – Regie führt zum zweiten Mal in Basel Vera Nemirova. Premiere ist am kommenden Sonntag. Auch hier kommt dem grossen Chor von gut hundert Sängerinnen und Sängern eine Hauptrolle zu – er ist fast die ganzen vier Stunden auf der Bühne. Der Chor mimt die Stimme der Volksmassen, in ihrer ganzen Wankelmütigkeit.

Für «Lohengrin» begannen die Chorproben im Januar. «Hier liegen die Schwierigkeiten auch im Libretto mit seiner komplizierten Sprache», merkt Polus an. «Stets kämpfen wir gegen die Zeit, die immer knapp ist», erzählt Polus. «Wir müssen mit dieser Belastung leben. Aber wir schaffen es an der Premiere stets auf den Punkt.» Während ein Werk einstudiert wird, befindet sich der Chor parallel dazu in den Endproben einer anderen Produktion und muss zudem am Abend Vorstellungen weiterer Produktionen bestreiten. Die Forderungen an die Flexibilität der Sängerinnen und Sänger sind sehr hoch. Der Chordirektor ist bei jeder szenischen Probe dabei, arbeitet mit dem Dirigenten – bei «Lohengrin» ist es Axel Kober – und der Regie eng zusammen. Er nimmt auch jede Probe auf für die Detailkorrekturen. Das Resultat, das wir auf der Bühne hören, ist jeweils bestechend.

Entscheid für Chor hat viele Gründe

Auf die Frage, weshalb sich Sängerinnen, Sänger mit Konzertdiplom für den Chor und gegen eine Karriere als Solist entscheiden, denkt Polus kurz nach. Sagt dann, dass die Gründe stets individuell seien. Der aus Polen stammende Tenor kennt die Gründe, er war selbst lange Chorsänger – zehn Jahre in Basel –, bevor er 1994 die Nachfolge von Werner Nitzer angetreten hat. In unserem Gespräch versucht er doch einige zu nennen: «Es gibt Sängerinnen und Sänger, die eine Solokarriere abbrechen oder auf sie verzichten, weil sie eine Familie gründen. Sie entscheiden sich deshalb für eine geregelte, an den Wohnort gebundene Arbeit. Als Solist ist man andauernd auf Reise. Andere wiederum suchen direkt nach der Ausbildung eine Chorstelle, weil sie im Kollektiv ihre besten künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten sehen.» Alle jedoch seien vom Theater-Virus befallen, lieben das Spiel auf der Bühne.

Der Basler Chor hat international einen sehr guten Ruf: «Wenn ich eine Stelle ausschreibe, erhalte ich bis zu 70 Bewerbungen aus der ganzen Welt», sagt Polus. Nach einer Vorselektion werden etwa 30 zum Vorsingen eingeladen. «Jede Absage schmerzt mich», merkt der Chordirektor an, der Menschlichkeit und Wärme ausstrahlt. Es ist wohl auch diese Menschlichkeit, die Fähigkeit, sich in das Sänger- und Sängerinnenleben einzufühlen, die neben der akribischen künstlerischen Arbeit zur Qualität des Basler Chors beiträgt.

Theater Basel Am 20. Oktober ist Premiere von Wagners «Lohengrin», Vera Nemirova inszeniert, Axel Kober dirigiert.