Interview

Warum fehlen auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Fachleute?

Fachpersonen sind die grossen Aufsteiger. Vielfach kommen sie aus dem Ausland.

Fachpersonen sind die grossen Aufsteiger. Vielfach kommen sie aus dem Ausland.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann und zahlreiche Fachleute wie der Arbeitsmarktspezialist George Sheldon sprechen über das Thema Fachkräftebedarf und -mangel.

Am heute erstmals stattfindenden Basel Economic Forum zum Thema Fachkräftebedarf und -mangel sprechen Bundesrat Johann Schneider-Ammann und zahlreiche Fachleute wie etwa der Arbeitsmarktspezialist George Sheldon, der im bz-Interview zu Wort kommt.

Je länger, je mehr fehlen auf dem Arbeitsmarkt die Fachleute. Warum?

George Sheldon: Es ist nicht immer so ganz klar, ob ein Fachkräftemangel vorherrscht. Für eine gegebene Tätigkeit kann man verschiedenste Personen mit unterschiedlichen Qualifikationen rekrutieren. Und umgekehrt kann man mit einer gegebenen Qualifikation viele verschiedene Tätigkeiten ausüben. Ein Beispiel: 60 Prozent der Lehrabsolventen in der Schweiz üben einen anderen als den gelernten Beruf aus. Oder 70 Prozent der IT-Fachkräfte in der Schweiz haben kein Informatik-Studium hinter sich. Unter diesen Umständen ist es nicht so leicht, Angebot und Nachfrage klar abzugrenzen, um einen Mangel festzustellen.

Es gibt Firmen in der Region, die suchen Ingenieure. Im Dutzend.

Das ist schon möglich. Knappheiten sind ein Wesenszug einer Marktwirtschaft. Es geht immer darum, knappe Ressourcen effizient zu allozieren, zu verteilen. Es überrascht deshalb nicht, wenn Arbeitskräfte einem Arbeitgeber zu den vorherrschenden Bedingungen zuweilen fehlen. Aber Arbeitsbedingungen lassen sich verändern beziehungsweise verbessern.

Etwa durch höhere Löhne?

Beispielsweise, ja. Es können auch andere Arbeitsbedingungen sein, etwa Gleitzeit. Wenn man sie nicht im Ausland rekrutieren kann und das Bildungssystem nicht im nötigen Tempo die passenden Leute liefert, bleibt nichts anderes übrig, als die Bedingungen zu verbessern. Das bedeutet aber, dass diese Arbeitskräfte von einem anderen Arbeitgeber weggenommen werden. Wenn die Firmen doppelt so hohe Löhne zahlten, würden sie nicht von Knappheit sprechen. Denkbar ist auch eine Umgestaltung der Produktionsprozesse, sodass die Firma auf diese Arbeitskräfte nicht mehr so angewiesen ist. Knappheit ist immer eine bedingte Knappheit.

Was könnte man kurzfristig dagegen tun?

Wenn die Grenzen offen sind und die bilateralen Abkommen gelten, könnte man die Personen im Ausland rekrutieren.

Das Problem würde ins Ausland ausgelagert.

Ja, wenn man so will. Deutschland hat da tatsächlich die viel grösseren Probleme. 50 bis 60 Prozent der in die Schweiz Eingewanderten haben Hochschulabschluss. Die Attraktivität der Schweiz ist gegeben.

Wird sich diese Mangelwirtschaft wegen der Masseneinwanderungsinitiative nicht noch weiter verschärfen?

Das wird so sein, aber das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen. Angedacht ist eine Abstimmung über die bilateralen Abkommen. Wenn das Volk Ja sagen würde, bedeutete dies Personenfreizügigkeit. Momentan kann man die Arbeitskräfte im Ausland rekrutieren, aber wie die Sache in zwei Jahren aussieht, weiss niemand.

Was muss langfristig getan werden?

Je länger die Frist ist, desto schwieriger die Aussage dazu. Man kann nicht prognostizieren, wie das Knappheitsverhältnis etwa bei Ingenieuren in fünf oder zehn Jahren ist. Man muss dazu wissen, wie sich das Bildungssystem entwickelt, wie viele Absolventen es gibt, wie viele Aufträge. Anhaltspunkte ergibt die Berufswahl-Analyse des Bundes, die alle fünf Jahre bei Jugendlichen durchgeführt wird. Diese Erhebung wird zu Prognosezwecken fortgeschrieben. Der Trend geht Richtung höhere Berufsausbildung. In fünf Jahren könnte der Markt vollkommen ausgeglichen sein. Angesichts der Vielzahl von Unschärfen und prognostischen Unsicherheiten bezüglich des Fachkräftebedarfs sollte das Bildungssystem für hohe berufliche Flexibilität sorgen.

Manchmal kommt es anders, als man denkt.

Es gibt immer wieder unerwartete Entwicklungen und danach entsprechende Anpassungsprozesse. 2007 suchten die Banken beispielsweise händeringend Informatiker. Dann kam die Finanzkrise, und plötzlich wurden sie nicht mehr gebraucht. Ähnliches wurde 1999 zum Übergang ins neue Jahrtausend registriert. Kurz darauf gab es Arbeitslosigkeit.

Sind Knappheiten auch mit Chancen für Frauen verbunden?

Das hängt von der Qualifikation ab. In technischen Berufen sind Frauen eher selten, aber im Gesundheitswesen sind sie stark vertreten, und dort gibt es die grössten Möglichkeiten.

Und bei älteren Personen?

Da ist das Potenzial beschränkt, weil die Erwerbstätigkeit der älteren Personen bereits hoch ist.

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