Mit dem Schultheater der Reformationszeit und des Barocks hat das Unitheater nur noch wenig zu tun, denn es ist nicht einer pädagogischen Maxime entsprungen, sondern der Lust am Theaterspielen, die sich über die Maturität hinweg erhalten hat. Es lässt sich zu Recht fragen, ob es beim grossen Theaterangebot in der Region noch ein Unitheater braucht, zumal an einzelnen Seminaren schon Theater gespielt wird? Die Frage kann noch nicht beantwortet werden, weil es ganz darauf ankommt, wie sich das Projekt entwickeln wird, das vor allem von den Studierenden Mélanie Honegger, Jean-Michel Müller, Maël Stocker und Luca Vincenzi ausging. «Es gibt einen Uni-Chor und andere Uni-Organisationen», sagt Mélanie Honegger, «warum nicht ein Unitheater, das Studierende aller Fakultäten umfasst?»

Frucht eines Schreibwettbewerbs

Entscheidend für die Profilierung des Unitheaters könnte die Stückwahl sein. Das erste Stück ist das Produkt eines Schreibwettbewerbs, bei dem rund 40 Texte eingingen. Der Vorstand des Unitheaters traf dabei eine Auswahl von zehn Texten, die anschliessend von einer fünfköpfigen Fachjury bewertet wurden. Den Sieg trug Elin Fredriksson mit ihrem Text «Deadline» davon, vor Benjamin von Wyl mit «Leo und Luise» und Albrecht Füller mit «Asche im Schnaps». Fünf Mitglieder des Unitheaters erarbeiteten aus dem – für einen Abend zu knappen – Stück ein Drehbuch, das von Maël Stocker inszeniert wurde. Inspiriert wurde die Kulturanthropologin und Anglistin Elin Fredriksson durch eine Proseminararbeit zum Thema «Warten», in der sie Beobachtungen aus einem Warteraum im Bahnhof verarbeitete. Literarisch ist «Deadline» ihr Debüt. Thematisch wurde das Stück von der Vorgabe des Rilke-Zitats «Voilà votre mort, monsieur» bestimmt. Obgleich nur vier Mimen vorgesehen sind, wurden vier zusätzliche Figuren auf die Bühne gebracht, die wie Klone eines einzigen weiblichen Beamten wirken.

Warten als literarisches Motiv

Das Thema des Wartens und der befristeten Zeit ist in der Literatur nicht neu. So fühlt man sich bei «Deadline» an Kafka, Beckets «Warten auf Godot» oder Canettis «Die Befristeten» erinnert. Der Anfang zieht sich lange hin – gewollt, um das Gefühl der Langeweile auch im Zuschauer zu induzieren –, bis sich die einzelnen zum Warten verdammten Protagonisten in die Haare geraten, die sich danach sehnen, endlich ihre Nummer auf dem Bildschirm zu entdecken. Céline Saxer überzeugt als idealistisch-verträumte Chantal ebenso wie Ursula Karlen als pragmatisch denkender Tatmensch. Romeo – nomen est omen –, gespielt von Luca Vincenzi, ist auf sein fiktives Liebesglück fixiert wie Helen (Vanessa Brun) auf ihre düstere Philosophie des Nichts. Mehr soll über das anregende, gekonnt umgesetzte Stück nicht verraten werden, das Luca Vincenzi so kommentiert: «Es ist insofern aktuell, als es eine Gesellschaft zeigt, die das Warten erzwingt. In der Erwartung, dass ein Moment kommen wird, in dem sich alles ändert – durch Lotto oder Gewinn einer Talentshow – funktionieren wir bloss als Zahnrädchen eines Systems.» Mélanie Honegger verweist aber auch auf die kreativen Seiten des Wartens und der Langeweile. Regisseur Maël Stocker, der nach einer Ausbildung zum Sekundarlehrer und Theaterpädagogen Deutsch und Philosophie studiert, sieht im Gegensatz zum absurden Theater im Schluss einen zeitgenössischen Ansatz, der Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung ausdrückt.

Erfolg als Gefährdung

Wenn das Unitheater sich als Bühne von Eigenproduktionen etablieren kann, ist seine Daseinsberechtigung unzweifelhaft vorhanden. Da sich aber bereits rund 50 Studierende für eine Beteiligung angemeldet haben, ist es laut Mélanie Honegger fraglich, ob man am Prinzip der hauseigenen Uraufführungen festhalten kann. Es ist auch ungewiss, ob sich eine Bühne findet, die Massenszenen zulässt. Und gibt es Studenten, die für eine solche Truppe Stücke schreiben können? So ist der frühe Erfolg des Unitheaters zugleich seine grösste Gefährdung. Um zu überleben, braucht das Projekt daher mehr als reinen Idealismus.

Unitheater Basel: «Deadline» nach
E. Fredriksson, Engelhofkeller, Nadelberg 4. Spieldaten: 16. bis 19. und 23. bis 24. Oktober, 20 Uhr. Türöffnung:
19.30 Uhr.