Die Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» der SVP suggeriert, dass offene Grenzen eine neue Idee der EU sei, die der Schweiz schade. Das ist gleich doppelt falsch. Warum, das lesen Sie in der ersten Folge der bz-Serie über die Region Basel im Ersten Weltkrieg, mit der wir in dieser Ausgabe starten. Bis zum Ausbruch des Kriegs vor 100 Jahren existierten Grenzen praktisch nicht. Ausländer konnten sich ohne Bewilligung in Basel niederlassen. Vor allem Deutsche nutzten das. Bei Ausbruch des Kriegs betrug der Ausländeranteil in Basel über 30 Prozent.

Wie heute war der Ausländeranteil in Basel damals hoch, weil sich nur wenige Ausländer einbürgerten. Dies, obwohl es damals einfacher war als heute: Wer 15 Jahre in Basel wohnte und unter 45 Jahre alt war, konnte sich kostenlos einbürgern. Schweizer Pässe gab es vor dem Krieg übrigens nicht: Der Schweizer Pass wurde erst 1915 eingeführt und damals handschriftlich ausgestellt.

Bis 1848 gab es nicht einmal Schweizer, sondern nur kantonale Bürgerrechte. Damals war ein Zürcher in Basel streng genommen ein Ausländer. Doch Basel war damals, wie die ganze Schweiz, den Ausländern gegenüber sehr offen. Im 19. Jahrhundert brauchte man keine Papiere, um in die Schweiz einzureisen. Wie heute war die Schweiz auch damals auf Arbeitskräfte aus der Fremde angewiesen, vor allem auf Akademiker. Die Professoren an der Universität Zürich waren zeitweise zu 100 Prozent Ausländer. 1915 hatte noch ein Drittel der Professoren in der Schweiz keinen Schweizer Pass.

Im 19. Jahrhundert war die Schweiz von einem ähnlichen Strukturwandel geprägt wie heute. Damals war es die Industrialisierung, welche das Land komplett veränderte, heute ist es die Digitalisierung. Damals wanderten ausländische Fachkräfte in die Schweiz ein und viele Bauern wanderten aus, weil sie sich nicht in die Industrialisierung eingliedern konnten. Auch damals hiess es, die Ausländer nähmen den Schweizern die Arbeit weg. Hätte sich die Schweiz damals aber abgeschottet, wäre sie nicht das reiche Land geworden, das sie heute ist. Denn zu den Einwanderern gehörten viele visionäre Fachleute, die Firmen gründeten wie Nestlé, Maggi oder Ciba. Firmen, die wir heute zur DNA der Schweiz zählen.

Heute stehen wir an einem ähnlichen Punkt. Wieder sind die Grenzen in der Region kaum mehr existent. Wieder darf man sich, Arbeit vorausgesetzt, in Basel problemlos niederlassen. Wieder steht die Wirtschaft vor einem Strukturwandel. Diesmal ist es der Wandel hin zum Digitalen, der die Wirtschaft umpflügt. Wieder hat die Schweiz zu wenig eigene Fachkräfte, um den Wandel zu stemmen. Wie im 19. Jahrhundert stösst das in der Schweiz auch auf Unmut, weil gleichzeitig Schweizer Arbeit suchen. Die Grenzen zu schliessen, um diese Schweizer zu schützen, ist ein Versuch, die Zeit anzuhalten und den digitalen Wandel zu verhindern. Klar, dass das nicht geht.

Geschlossene oder scharf kontrollierte Landesgrenzen, das zeigt ein Blick zurück in die Geschichte, sind nicht der natürliche Zustand unseres Landes, zu dem zurückzukehren sinnvoll ist. In Zeiten des Wachstums hatte die Schweiz immer offene Grenzen. Wenn sie die Grenzen schloss, führte das zu Stagnation, zu Stillstand, zu einer Verringerung des Wohlstands. Die Grenzen offen zu halten ist deshalb kein neues Rezept, sondern das Beibehalten eines bewährten Zustands.