Podium
Warum Religion eben doch nicht nur in die eigenen vier Wände gehört

Wie soll der Staat mit Religionen umgehen? Eine brisante Frage – gerade nach den Anschlägen von Paris.

Delphine Conzelmann
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Die «Charlie Hebdo»-Morde rückten Religion wieder in den Fokus – auch in unserer vermeintlich säkularisierten Gesellschaft.fotolia

Die «Charlie Hebdo»-Morde rückten Religion wieder in den Fokus – auch in unserer vermeintlich säkularisierten Gesellschaft.fotolia

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«Religion unter Beschuss». Was klingt, wie eine Analyse der gesellschaftlichen Stimmung nach «Charlie Hebdo», war der Titel einer Podiumsdiskussion, zu der am vergangenen Freitag Mission 21 eingeladen hat. Dass die Leitfrage «Wie öffentlich darf Religion sein?» so treffend auf die Ereignisse der letzten Wochen und die Debatten rund um Satire, Meinungs- und Religionsfreiheit zu reagieren schien, verdankten die Organisatoren jedoch dem Zufall: «Die Veranstaltung war schon seit Monaten geplant. Mit der Thematik sind wir deshalb nun unerwartet aktuell», sagte Detlef Lienau, Studienleiter von Mission 21.

Gerade jetzt rückte Religion mehr denn je in den Fokus der Öffentlichkeit – und sei es lediglich mit der Forderung, sie solle eben gerade aus diesem öffentlichen Raum verbannt werden. Aber ist Religion tatsächlich Privatsache? Nicht nur, meint Quirin Weber, Lehrbeauftragter für Religionsverfassungsrecht an der Universität Luzern: «Die Beziehung zwischen Staat, Kirchen und Religionen darf nicht dem Zufall überlassen, sondern muss geordnet werden». Verfassungsrechtlich muss sich der Staat nämlich nicht nur aus der religiösen Überzeugung seiner Bürger heraushalten, sondern aktiv die Rahmenbedingungen zu deren gesellschaftsfähigem Ausleben garantieren. Religion spielt eine öffentliche Rolle – sei es in der Schule, an Universitäten oder in sozialen Angeboten.

Deckmantel der Politik

Staatliche Auseinandersetzung mit Religion im öffentlichen Raum – oder «aktive Religionspolitik» wie Weber sie nennt – ist nicht nur Gebot der Stunde, sondern ein grundlegendes Anliegen. Und doch hat die Thematik mit den Ereignissen der vergangenen Wochen nun auch in Europa eine besondere Brisanz erhalten.

Aus afrikanischer Perspektive steht Religion allerdings schon seit Jahrzehnten ganz oben auf der Agenda politischer und religiöser Führer. Dies machten am Freitag die Referenten Johnson Mbillah, Generalsekretär von Procmura und Josiah Fearon, anglikanischer Erzbischof aus Nordnigeria, an anschaulichen Erlebnisberichten deutlich. Dabei rückte vor allem die, auch im Westen bekannte, islamistische Terrorgruppe Boko Haram in den Fokus, die bereits seit Jahren versucht, Nigeria unter ihre Gewaltherrschaft zu bringen.

Dabei spielt die religiöse Motivation jedoch nicht die tragende Rolle: «Boko Haram hatte ihre Anfänge als politische Widerstandsgruppe, die sich gegen die korrupte Regierung wandte. Dieser politisch motivierten Gruppe schlossen sich religiöse Fanatiker an und natürlich Freischärler, die in Gewalt und Terror den grossen Gewinn witterten», erklärte Fearon den Mechanismus, auf den auch die Entstehung anderer Terrorgruppen, wie der IS oder der LRA, zurückzuführen sei. Aus seiner Arbeit bei Procmura ist auch Mbillah mit diesem Phänomen vertraut: «Wir nennen das die Politisierung von Religion, oder die ‹Religionisierung› von Politik. Die einen Anliegen werden im Namen des Anderen missbraucht, Ideologien manipuliert und Gläubige moralisch erpresst.»

Auch in Europa greifbar nahe

Nach den Anschlägen in Paris scheint die Bedrohung durch religiös motivierte Terrororganisationen auch in Europa greifbar nahe – gleichwohl unterscheidet sich die europäische Situation noch immer deutlich von den afrikanischen Kontexten: «Obwohl auch Afrika zunehmend säkularisierende Tendenzen spürt – wir sind ja nicht von der Globalisierung isoliert – ist doch die afrikanische Bevölkerung eine zutiefst Religiöse. Gesellschaft und Religion sind eng verwoben, und Anliegen, diese Bereiche voneinander zu trennen, wären in Afrika zum Scheitern verurteilt», meinte Mbillah.

Von einer solch einheitlichen Haltung ist der europäische, und schon alleine der schweizerische, Kontext weit entfernt. Während auf der einen Seite die Rufe nach einer strikteren Trennung von Kirche und Staat immer lauter werden, fordern andere gerade jetzt die öffentlich-rechtliche Anerkennung von islamischen Religionsgemeinschaften.

Was am Podium letzten Freitag deutlich wurde, war sicherlich nicht eine Lösung des akuten Problems, aber die Erkenntnis, wie plötzlich gerade in einer mutmasslich säkularen Gesellschaft Religion wieder in den Fokus geraten kann.