Die deutsche Psychologin Claudia Haarmann (68) weiss, was Kinder zum Bruch mit den Eltern bewegt. In ihrem neuen Buch «Kontaktabbruch in Familien: Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheint» richtet sie sich explizit an Kinder, die sich einen Abschied von den Eltern überlegen. Sie ist überzeugt: Die meisten Betroffenen finden irgendwann wieder den Draht zu ihren Eltern.

Frau Haarmann, wie kommt es so weit, dass Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen?

Das hat zwei verschiedene Gründe. Entweder, die Familienatmosphäre ist zu unnahbar, zu kühl. Das kann bedeuten, dass das Kind zu wenig Liebe und Körperkontakt erhalten hat. Es kann aber auch heissen, dass die Eltern zu viele Anforderungen an das Kind stellen oder eine aggressive, unruhige Stimmung herrscht.

Der zweite Grund ist der, dass der Kontakt innerhalb der Familie zu nah ist. Wenn die Eltern denken: Wir sind eins, wir gehören zusammen, dann kann das für das Kind belastend sein. Es kann dann das Gefühl bekommen, dass es nur um die Wünsche der Eltern geht. Dann denkt es möglicherweise: Diese Nähe ist mir zu viel, schliesslich bin ich ein autonomer Mensch.

Häufig geschieht das in Familien, in denen die Eltern aus kühlen Elternhäusern kommen. Sie haben vielleicht emotionale Kälte, Missbrauch oder Gewalt miterlebt. Als Eltern haben Betroffene dann häufig das Bedürfnis, es besonders gut zu machen. Meist kommt es zwischen zwanzig und vierzig Jahren zum Bruch, wenn die Kinder ihr Leben und ihre familienunabhängigen Beziehungen begründet haben.

Wenn Eltern ihren Kindern zu viel Liebe mitgeben, dann kann sich das negativ auswirken?

Liebe bedeutet für das Kind immer, dass es den Eltern nah sein kann, gleichzeitig aber auch autonom bleiben darf. Erst wenn die Eltern beide Teile gleichmässig respektieren, handelt es sich um eine gesunde Beziehung.

Wie sollen betroffene Eltern damit umgehen, wenn sie von einem Kind verlassen werden?

Ganz egal, um welchen Fall es sich handelt: Wichtig ist, dass Eltern versuchen, die Gründe für den Kontaktabbruch nachzuvollziehen. Sie müssen sich fragen: Wie hat mein Kind die Atmosphäre früher erlebt? Gab es etwas, was für mein Kind belastend war? Es kann sich dabei zum Beispiel um Alkoholkonsum, aber auch um Streit, finanzielle Sorgen oder Krankheitsfälle handeln.

Die Eltern sollten sich fragen: Gibt es Dinge, die wir übersehen haben? Was treibt mein Kind an? Nur so können sie ihre Kinder verstehen. Wenn es Abstand braucht, dann müssen sich die Eltern die Frage stellen: Warum braucht mein Kind diesen Abstand? Vieles dreht sich um die Frage, ob die Eltern ihr Kind mehr brauchen als umgekehrt.

Und was, wenn das Kind zu diesem Zeitpunkt bereits den Kontakt abgebrochen hat?

Dann ist das die Realität, die akzeptiert werden muss. Dann können die Eltern nichts mehr tun. Aber sie können trotzdem versuchen, ihr Kind zu verstehen. Es ist auch möglich, sich wieder anzunähern. Ich glaube, Eltern dürfen ihren Kindern durchaus weiterhin zum Geburtstag gratulieren und ihnen ein Päckli senden. Aber sie sollten es vermeiden, lange Tiraden zu schreiben. Es geht mehr darum, zu zeigen: Wir sind da für dich, wir haben dich nicht vergessen, wir lieben dich.

Also ist es denkbar, dass verlassene Eltern irgendwann wieder zu ihren Kindern finden?

Auf jeden Fall. In der Mehrheit der Fälle haben Eltern und Kinder irgendwann wieder Kontakt. Manchmal dauert das zwar Jahre, aber in der Regel bleibt ein Kontaktabbruch nicht für immer bestehen. Das passiert nur in ganz schlimmen Ausnahmefällen. Kinder lieben ihre Eltern schliesslich meist genauso, wie die Eltern sie lieben.