Erinnerung

Warum uns die Nicht-Fasnacht noch lange in den Knochen stecken wird

Souvenir, Souvenir: Einmal rund um die Erinnerung.

Souvenir, Souvenir: Einmal rund um die Erinnerung.

Das Museum der Kulturen Basel zeigt, was uns im Gedächtnis bleibt – oder eben auch nicht.

Was fällt uns ein, wenn wir dereinst an den Sommer 2020 zurückdenken werden? Gekippte Urlaubspläne und Klima-Demonstrationen oder die gestürzten Denkmäler weisser Männer? «Das ist keine Corona-Ausstellung», hält Anna Schmid, Direktorin des Museums der Kulturen Basel, gegen Ende der Einzelführung durch «Memory – Momente des Erinnerns und Vergessens» fest. Andererseits könnte der Zeitpunkt für eine Schau über die Vergegenwärtigung historischer Brüche und individueller Biografien durchaus schlechter gewählt sein.

An die 400 Objekte aus dem eigenen Bestand hat das Museum für seine Dauerausstellung aufbereitet und manche so dem «Verwahrensvergessen» der Lager entrissen, wie Kurator Alexander Brust lacht. Die vertrautesten Exponate begrüssen das Publikum in Ferienlaune gleich zu Beginn: Da versammeln sich in einem riesigen Setzkasten Mitbringsel aus aller Welt, die uns wieder grösser und fremder geworden ist. Neben den Schneekugeln und Miniaturen exotischer Wahrzeichen gibt es immerhin auch den Tell mit seinem Walterli und eine Andachtsfigur aus Mariastein – alles Massenanfertigungen. 

«Indem wir eigene Erlebnisse mit diesen Gegenständen in Verbindung bringen, laden wir sie emotional auf», erklärt Volontärin Ursula Regehr. Im Museum erhalten diese Objekte ein zweites Leben, auch wenn ihre persönlichen Geschichten oft verloren gegangen sind. Diese zu rekonstruieren und in Beziehung zu einem kollektiven Gedächtnis zu stellen, gehört mit zu den Aufgaben des Museums der Kulturen. 

Kriegsbeute als ein Stück geraubter Identität

Über das nostalgische «Vergissmeinnicht» der Poesiealben hinaus interessiert sich «Memory» für die Strategien und Praktiken, die verschiedene Kulturen zu allen Zeiten verwendeten, um Identität zu stiften und Informationen zu speichern – wenn auch mit ungewissem Erfolg. Wie die alpinen Kerbhölzer dokumentierten auch die Knotenschnüre der Inka getätigte Leistungen, Tributzahlungen oder Lebensmittelabgaben. Wie sie aber genau gelesen wurden, ist im Fall der südamerikanischen Schnüre nicht überliefert.

Zum Zählen kommt das Erzählen. Mit derselben Technik der Knotenschnur als Gedankenstütze zeichnen Klans auf Papua-Neuguinea ihre Wanderungen bis in die mythische Urzeit nach. Besonders bedeutsam sind diese Abstammungslinien in Zusammenhang mit der Erb- und Thronfolge von Herrscherdynastien, etwa bei den Maya: Auf dem Gipsabdruck eines Reliefs aus der antiken Metropole Tikal tanzt der mächtigste Herrscher seiner Zeit im Gedenken an den Sieg über eine konkurrierende Stadt.

Tod geht auch lustig – zumindest für die Lebenden: Reiter und Mariachi aus Mexiko.

Dia de los muertos

Tod geht auch lustig – zumindest für die Lebenden: Reiter und Mariachi aus Mexiko.

Das frühere Königreich Benin im heutigen Nigeria benannte das Erinnern – wortwörtlich plastisch – als «In-Bronze-Giessen». Gemeint waren die metallenen Konterfeis verstorbener Herrscher, welche die Kontinuität des Königshauses veranschaulichten. Um die Wende zum 20. Jahrhundert verschleppte eine britische Strafexpedition Tausende Benin-Objekte nach London, von wo aus sie weiterverkauft wurden. Einige Exponate im Museum der Kulturen sind Teil dieser Kriegsbeute. Als ein Stück geraubter Identität sind sie Gegenstand der Debatte um Rückerstattungen und die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit. «Dazu braucht es ein Übereinkommen, das für beide Seiten stimmt», erklärt Schmid und betont: «Die Museen mauern nicht.»

Viel kultureller Speicherplatz wurde und wird den religiösen Erzählungen eingeräumt, als deren Trägermedium oft die Schrift dient: Koran, Tora-Rollen und Bibeln zeugen vom Glauben an das lebendige Wort Gottes, das gegenwärtig bleibt. «Aber nicht alles, was aufgeschrieben wird, wird auch erinnert», relativiert Brust: Als die Bibel im Zuge der Missionierung in indigene Sprachen übersetzt wurde, entwickelte ein Angehöriger der Yupik-Inuit in Alaska eine eigene Bilder- und Silbenschrift, die heute nicht mehr übersetzbar ist. Zuverlässiger ist da der mobile Klapp-Altar, anhand dessen Bilder seit 400 Jahren dieselben hinduistischen Epen nacherzählt werden.

Die Nicht-Fasnacht ist noch lange ein Thema

In den folgenden Räumen verstärkt sich der Aktualitätsbezug. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Dekolonialisierung bot sich auch die Chance für eine Neubewertung der Vergangenheit. In den 1980er-Jahren setzte ein eigentlicher «Erinnerungsboom» ein, wie die vielen Plakate belegen, auf denen gleiche Rechte für die indigene Bevölkerung und die ehemaligen Sklaven Südamerikas gefordert werden. Eine Affiche aus Brasilien klagt die Zustände im Gesundheitswesen an – eine gespenstische Vorahnung auf das Coronavirus. Pandemie, Frauen- und Bürgerrechte sind auch Themen in der Abteilung «Erlebte Geschichte», die laufend persönliche Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit aufzeichnet. «Die ausgefallene Fasnacht 2020 wird noch in 50 Jahren für Gesprächsstoff sorgen», ist  Schmid überzeugt.

Die letzte Station der Ausstellung ist dem Totengedenken gewidmet. «Das Leben verhält sich zum Tod wie die Erinnerung zum Vergessen», beschreibt Regehr unsere Sicht auf die Diskontinuität des individuellen Gedächtnisses. Allerdings gehen verschiedene Kulturen unterschiedlich damit um: Während das Christentum geradezu «obsessiv» (Regehr) Lebensdaten, Bilder oder sogar Haarflechten zu verewigen trachtet, wählen indigene Völker im Amazonasgebiet den entgegengesetzten Weg. Die Toten werden mitsamt ihrer persönlichen Habe bestattet, ihre Namen nicht mehr genannt. Das soll die Geister der Verstorbenen besänftigen und die Trauer der Lebenden mildern. Vergessen kann mitunter heilsam sein, auch das ist eine Erinnerung wert.

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