Kaum war er gewählt, stritt er in der «Arena» mit Christoph Blocher über Asylmissbrauch. Das war 2005. Guy Morin war unbeholfen, der SVP-Häuptling sattelfest – wie immer, wenn «Scheinasylanten» die Heimat gefährden. Der Auftritt löste einen Mini-Aufschrei in Basel aus. Nicht etwa, weil Morin in seiner damaligen Funktion als Justizminister Ausländer in Schutz nahm, sondern weil sein Fernsehauftritt zu unprofessionell gewesen sei. Werden Regierungsräte auf solche Auftritte vorbereitet? Positionen abgesprochen? Schadet ein solcher Auftritt dem Image der Stadt?

Es war der damalige Grossrat und PR-Profi Baschi Dürr, der dem Regierungsrat diese Fragen in einem Vorstoss stellte. Jener Mann, der schon als Schüler Vorträge ohne Versprecher hielt, später als Jungpolitiker eine steile Karriere hinlegte und jetzt als Regierungsrat zum zweiten Mal Morins Job will. Vor vier Jahren hat es nicht gereicht zum Regierungspräsidenten, diesmal könnte es klappen. Morin will ja nicht mehr. Sein Sessel wird frei.

Undankbarer Job für Nachfolger/in

Egal, ob der FDP-Politiker Baschi Dürr oder seine grüne Gegenspielerin Elisabeth Ackermann das Rennen machen, es ist ein undankbarer Job, der auf Morins Nachfolger wartet: Der wichtigste Basler, der Aussenminister, hat im Vergleich zu den Regierungskollegen wenig Kompetenzen. Er gilt als Grüss-August und löst politisch, wenn überhaupt, nur mit Kulturthemen Debatten aus. Andere relevante Bereiche finden sich in seinem Departement kaum und kein Regierungskollege lässt sich gern dreinschwatzen bei den eigenen Dossiers.

Doch undankbar ist das Amt nicht nur deshalb. Sondern weil es ein Gesicht hat wie sonst kein anderes Regierungsamt. Dieses Gesicht gehört Guy Morin. Er hat das neue Amt gestaltet, indem er stets sich selber blieb. Eine Gabe, die ausser ihm wenigen hohen Politikern attestiert werden kann. Und die bei ihm praktisch immer negativ ausgelegt wird. Morin spreche harzig, trage komische Schuhe, saufe nicht mit Russen, helfe Autonomen am Hafen. Und das, obwohl es doch besser ginge: Ein Sprechkurs bei einem PR- oder sonstigem Heini, rahmengenähte italienische Schuhe, zwischendurch ein Schnaps und auf Distanz gehen zu Wagenleuten.

Lieber Volksnähe als einen Pflock

Aber wollen wir einen, der in eine solche Rolle schlüpft? Wollen wir nach diesem Unikum, dieser geballten Ladung Authentizität einen Staatsmann, der Basel als Zentrum der Welt verkauft und Reden hält, die Begeisterungsstürme auslösen?

Die Antwort müsste eigentlich Ja lauten. Zugegebenermassen gilt Basel nicht mal innerhalb der Schweiz als Zentrum für irgendetwas. Das ist auch Morins Versäumnis, er hätte vermitteln können, netzwerken, weibeln, was das Zeug hält. Die Antwort kann aber auch Nein lauten. Denn einen wie Guy Morin bekommen wir nie wieder. Einen, der ein bisschen ist wie wir alle. Der auch mal in ein Fettnäpfchen tritt und manchmal Dinge sagt, die keiner so recht versteht, die aber sympathisch sind. Das ist keineswegs ironisch zu verstehen. Wir werden Guy Morin vermissen!

Das Amt, das er als erster in Basel überhaupt innehatte, ist zu seinem Amt geworden. Was bedeutet das für den Nachfolger? Ein Dilemma. Sich selber sein in der Öffentlichkeit, das ist nicht Baschi Dürrs Ding. Das Gegenteil zeichnet ihn aus: Er spricht professionell und überzeugend, wie er jüngst in der «Rundschau» bewies, als er über die Terrorgefahr in Basel redete. Und selbst in Krisenzeiten, wie er sie jetzt erlebt, bleibt er gefasst und sachlich.

Wie Ackermann sich als Regierungsrätin verhält, weiss niemand, da sie noch nie eine war. Wer auch immer Morins Nachfolge antritt: Er muss das Amt neu gestalten und vor allem ausschöpfen. Das geht nur, wenn er seine Kompetenzen überschreitet – und das tut, was Morin verpasst hat: Dem Amt eine Bedeutung geben. Der oder die Neue muss die Öffentlichkeit über den Verlust des volksnahen Morins hinwegtrösten, indem er Dinge anreisst, die Basel nützen. Und indem er Basel selber zu der Stadt macht, die es gern wäre.

Jetzt, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit im Februar 2017, will Morin noch eine Museumsstrategie ausarbeiten. Ob das nötig ist, sollen seine zahlreichen Fachgruppen entscheiden. Gedient wäre dem Nachfolger aber wohl mehr, wenn sich Morin treu bliebe und auch am Schluss keine grossen Pflöcke einschlagen würde. Er soll den Job lieber der oder dem Neuen überlassen und ein letztes Mal die Basler Weihnachtsbeleuchtung anstellen, den Weihnachtsmarkt eröffnen und sich freuen, dass er bald kein Departement mehr leitet, das Noch-Kollege Christoph Eymann und viele andere als «Murks» bezeichnen. Ob aus dem Murks je was Richtiges wird, zeigt uns dann der Nachfolger.