1. Christoph Blocher verkauft die «Basler Zeitung» an die Tamedia. Warum sorgt der Deal für so viel Aufsehen?

Unter Christoph Blocher respektive Chefredaktor Markus Somm hat sich die «Basler Zeitung» ab 2010 zu einer rechtskonservativen Stimme in der Schweizer Medienlandschaft gewandelt. Unter lauten Nebengeräuschen brach die Auflage der Zeitung seither um beinahe die Hälfte ein, von gut 83'000 auf 46'000 Exemplare (wobei in dem Zeitraum auch die meisten anderen Printtitel einen Leserschwund hinnehmen mussten). Mit dem Verkauf an die Tamedia werden die Karten politisch und publizistisch neu gemischt.

2. Ist davon auszugehen, dass die «Basler Zeitung» nach dem Verkauf von ihrem Rechtskurs abkommt?

Ja, davon ist auszugehen. Tamedia-Präsident Pietro Supino hielt an einer gemeinsamen Medienkonferenz mit Blocher und Somm zwar fest, dass alle Titel der Tamedia ihre «Eigenarten» und ihre eigene Geschichte hätten. Als liberales Haus lasse die Tamedia ihren Redaktionen gewisse Freiräume.

Zugleich machte er aber auch klar, dass es nicht das Ziel der Tamedia sei, mit ihren Zeitungen Politik oder Meinungen zu machen, «sondern die Menschen zu informieren und Orientierung zu bieten». Eine ideelle und wirtschaftliche Unabhängigkeit sei dabei zentral. 

Wie stark sich das Profil der «Basler Zeitung» bisher vom Tamedia-Flaggschiff «Tages-Anzeiger» unterschied, zeigt eine Untersuchung des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (Foeg) der Universität Zürich. Die Forscher haben die Berichterstattung der beiden Titel zu verschiedenen nationalen Abstimmungsvorlagen untersucht.

Demnach berichtete der «Tages-Anzeiger» beispielsweise überwiegend kritisch über die Durchsetzungsinitiative der SVP, während die «Basler Zeitung» in der Frage einen eher positiven Ton anschlug. Auch bei der Energiestrategie, der Unternehmenssteuerreform III, dem Asylgesetz und der zweiten Gotthardröhre unterschied sich die Tonalität diametral.

3. Blocher erhält von der Tamedia das «Tagblatt der Stadt Zürich» sowie den «Furttaler» und den «Rümlanger» und zwei Gratiszeitungen in der Romandie. Was nützt ihm das?

Mit dem Schritt baut Blocher sein Lokalzeitungs-Imperium weiter aus. Bereits im letzten August wurde bekannt, dass er 25 Gratiszeitungen in den Regionen Aargau, Kreuzlingen, Luzern, Oberaargau, Olten, Bodensee, Thurgau, St.Galler Rheintal und Oberland, St.Gallen, Toggenburg, Wil, Winterthur, Zürcher Unterland und Zug gekauft hat. Allein diese Publikationen, die wöchentlich an die Haushalte verteilt werden, erreichen zusammen eine Leserschaft von knapp 800’000 Personen.

Für Blocher und seine SVP seien diese Zeitungen «Gold wert», kommentierte Politikberater Mark Balsiger den Deal letzten August gegenüber watson.

Mit Ausnahme des neu erworbenen Zürcher Tagblatts bedienen die Gratiszeitungen zumeist eine Leserschaft in ländlichen Regionen und in den Agglomerationen. «Das ist der ideale Nährboden für eine nationalkonservative Ausrichtung – am Rheinknie hingegen sind die Blochers mit der Herstellung von Basler Läckerli besser beraten», befand Balsiger bereits damals. Offensichtlich ist der SVP-Doyen zum selben Schluss gekommen.

Blocher zum Verkauf der Basler Zeitung an Tamedia

Blocher zum Verkauf der Basler Zeitung an Tamedia

Im Interview äussert sich Christoph Blocher nur vage zu seinem Vorhaben, lässt aber durchblicken: Politisch und personell wird er bei den Zeitungen seine eigene Linie fahren.

An der Pressekonferenz strich Blocher die Bedeutung des Lokalen heraus. «Das Dorf, die unmittelbare Region» stehe für seine Zeitungshaus AG fortan im Zentrum. Dass er direkt Einfluss auf die politische Ausrichtung der Gratiszeitungen nehmen wird, dementierte er. Allerdings werde er dafür sorgen, dass die Titel von «guten Leuten» geführt werden. «Ich werde sicher keinen linken Revolutionär zum Chef einer Lokalzeitung machen.»

4. Die Tamedia besitzt neu die grossen Tageszeitungen in den Deutschschweizer Zentren Zürich, Bern und Basel. Was bedeutet das für die Medienschweiz?

Die Medienkonzentration in der Schweiz schreitet weiter voran. Bereits heute hält die Tamedia in der Deutschschweiz, gemäss einer Foeg-Auswertung von letztem Herbst, einen Marktanteil von 40 Prozent im Printbereich. In der Romandie sind gar 68 Prozent der Zeitungen in der Hand des Zürcher Verlags.

Auf Anfang Jahr hat Tamedia zudem grosse Teile ihrer Redaktionen zusammengelegt. So schreiben seither dieselben Inland-, Ausland- und Wirtschafts-Journalisten für den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung», den «Bund», das «Thuner Tagblatt», den «Berner Oberländer», den «Landboten», die «Zürichsee-Zeitung», den «Zürcher Unterländer». Es ist davon auszugehen, dass die BaZ ebenfalls in diesen Verbund integriert wird – und die Basler Leser bald weitestgehend dieselben Artikel zu lesen bekommen wie jene in Zürich und Bern.

BaZ-Übernahme: Tamedia VR-Präsident nimmt Stellung

BaZ-Übernahme: Tamedia VR-Präsident nimmt Stellung

Die Tamedia übernimmt die Basler Zeitung. Damit erweitert das Verlagshaus ihr Portfolio. VR-Präsident Pietro Supino äussert sich zu den Konsequenzen.

Von einem «Einheitsbrei» sprechen die Kritiker der sogenannten Mantelredaktion. Bereits twitterte BaZ-Bundeshausredaktor Dominik Feusi: «Die Übernahme der Basler Zeitung durch #Tamedia wird (u. a.) zum Diversity-Test für das Zürcher Verlagshaus.» Auch ein Journalist der Blick-Gruppe wertet den Titeltausch auf dem Kurznachrichtenportal als «schlechte Nachricht für den Schweizer Journalismus». Von einem «Handel wie aus dem Bilderbuch» schreibt hingegen Kurt W. Zimmermann, Publizist und Chefredaktor der Zeitung «Schweizer Journalist».

Tamedia-Präsident Supino stellte sich an der Pressekonferenz auf den Standpunkt, dass eine überregionale Zusammenarbeit der verschiedenen Zeitungen «Grössenvorteile» und somit eine bessere Qualität mit sich bringe. Allerdings räumte er auch ein, dass es einen gewissen Zielkonflikt zwischen Qualität und Vielfalt im Journalismus gebe.

Die eidgenössische Wettbewerbskommission muss zum Tauschhandel zwischen Tamedia und Blocher noch grünes Licht geben. Ein Veto scheint allerdings unwahrscheinlich.

5. Wie reagieren die Zürcher darauf, dass ihr Tagblatt nun in die Hände von Christoph Blocher fällt?

Bereits als die «Schweiz am Wochenende» im März die ersten Gerüchte zu dem geplanten Deal publik machte, schlugen linke Zürcher Politiker Alarm. Denn das «Tagblatt der Stadt Zürich» ist nicht einfach eine x-beliebige Gratiszeitung, sondern dient auch als städtisches Amtsblatt. Dass die amtlichen Mitteilungen neu in einer Zeitung abgedruckt werden sollen, die Christoph Blocher gehört, passte AL- und SP-Vertretern überhaupt nicht.

Die Gemeinderäte Jean-Daniel Strub (SP) und Andreas Kirstein (AL) erkundigten sich bereits vor einem Monat präventiv beim Stadtrat, unter welchen Voraussetzungen der Vertrag mit dem Tagblatt, der noch fast fünf Jahre läuft, gekündigt werden könnte.

«Entsetzt» über den «very unfriendly takeover» zeigen sich heute auch die Grünen in einer Medienmitteilung. «Damit bekommt Blocher die einzigartige Gelegenheit, das journalistische Umfeld des Städtischen Amtsblatts nach seinem Gusto zu gestalten und alle Leser*innen, die eigentlich städtische Nachrichten und Amtsinformationen wollen, zu beeinflussen», schreibt die Partei und kündigt an, gratis Stopp-Blocher-Kleber abzugeben, die an den Briefkästen angebracht werden können.

6. Wie viel Geld ist beim Titeltausch geflossen und was passiert jetzt mit den Redaktionen?

Zu den Einzelheiten des Verkaufs schweigen sich beide Seiten aus. Auch ob es zu Entlassungen kommt, ist noch unklar. Beobachter gehen davon aus, dass kaum ein Weg daran vorbeiführen wird. Supino drückte sich an der Pressekonferenz um eine klare Antwort. Klar sei, dass die gesamte Medienbranche unter Druck stehe und es in fünf oder zehn Jahren generell weniger Stellen im Journalismus geben werde als heute.

Chefredaktor Markus Somm führt die Zeitung noch ein halbes Jahr. Nach einem Sabbatical wird er anschliessend als Autor zu Tamedia zurückkehren.