Basel
Was bringt die Städtepartnerschaft Basels mit Moskau eigentlich?

Ein wirtschaftlicher Nutzen ist nicht offensichtlich. Dafür kommen 35 russische Aussteller an die Herbstmesse. Kultur und Gesundheit sind die Pfeiler der Städtepartnerschaft Basels mit Moskau.

Christian Mensch und Miriam Glass
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Das Barockorchester «La Cetra» spielte im Rahmen von Culturescapes anlässlich der Basler Präsentation in Moskau

Das Barockorchester «La Cetra» spielte im Rahmen von Culturescapes anlässlich der Basler Präsentation in Moskau

Einen konkreten Erfolg weist die seit 2011 bestehende Partnerschaft zwischen Basel und Moskau aus: An der Herbstwarenmesse, die in knapp zwei Wochen startet, werden 35 Aussteller russische Volkskunst anbieten. Mit dieser Ausbeute kehrte Messeleiter Chris Eichenberger aus der russischen Metropole zurück, die er als Teil einer städtischen Delegation im September bereiste. Und vielleicht, so Eichenberger, komme es zur Zusammenarbeit mit einer Modemesse, die – ebenso vielleicht – in Zürich aufgebaut werde.

300 000 Franken für zwei Jahre

Das Basler Stadtmarketing nennt in seiner Mitteilung einen weiteren Erfolg: Die Wirtschaftsförderer von BaselArea verzeichneten die Ansiedlung dreier russischer Firmen. Iris Welten, Geschäftsführerin von BaselArea, präzisiert auf Anfrage des «Sonntags»: Erstens sei die Ansiedlung unabhängig von der Städtepartnerschaft erfolgt und zweitens hätten sich die Firmen im Kanton Jura niedergelassen, der selbst aktives Russland-Standortmarketing betreibe.

Die Stadt Basel präsentiert die Kooperation mit Moskau als Abfolge von Höhepunkten. Tatsächlich ist sie eine Abfolge genutzter Gelegenheiten, basierend auf einem laufenden Programm der Schweizer Botschaft in Moskau. Seit Jahren lädt der Botschafter Kantone zur Präsentation in Moskau ein. Basel stieg 2011 mit einem Betrag von 300000 Franken ein unter der Bedingung, mindestens zwei Jahre präsentieren zu dürfen. 2013 ist die Reihe an Luzern.

So wie Basel eher zufällig die Chance erhielt, sich in Russland vorzustellen, so nehmen die Partner die Präsentation als Gelegenheit wahr. Jurriaan Cooiman, Chef des Festivals Culturescapes, sagt: «Mir dient die Basler Kooperation als Plattform. Dafür diene ich ihnen als Aushängeschild. Und die Veranstaltungen von Schweizer Künstlern in Moskau hatten volles Haus.» Auch die Zusammenarbeit zwischen dem Unispital und den russischen Gesundheitsbehörden, die unter diesem Label segelt, hat nur bedingt mit der Städtepartnerschaft zu tun (siehe unten).

Ärzte in Diensten der Pharma

Basel und Moskau - zwei Gesundheitswesen kooperieren. Es scheint, dass die Städtepartnerschaft bereits blüht. Erst im September fand in Basel ein Schweiz-Russischer Ärztekongress statt. Und das russische Gesundheitsministerium möchte sehr gerne mit dem Universitätsspital Basel zusammenarbeiten. Doch da gibt es ein Problem.

Kliniken wollen reiche Russen

Wie andere Privat- und Universitätsspitäler wirbt auch die Basler Klinik seit Jahren um wohlhabende Russen, die sich im Ausland operieren und gesundpflegen lassen. Diese 1.-Klass-Privatpatienten sind nicht nur profitabel für das Spital und die behandelnden Ärzte, sie steigern auch den Ruf der Klinik als internationales Kompetenzzentrum. Seit rund acht Jahren betreibt das Basler Universitätsspital zur Patientenakquisition eine eigene Abteilung «International Service», die mit zunehmendem Erfolg zahlungskräftige ausländische Patienten nach Basel holt. Viele kommen aus den Golfstaaten, manche aus Russland und den angrenzenden Republiken.

Das Abwerben von Patienten wird in Russland nicht gerne gesehen, was Spitaldirektor Werner Kübler von einer russischen Delegation beim Besuch in Basel deutlich gemacht wurde. Kübler, so heisst es, habe daraufhin versprochen, die Praxis zu überdenken. Sabina Heuss, Sprecherin des Universitätsspitals, bestätigt auf Anfrage, dass entsprechende Verträge überprüft würden. Nur: Im Verein Swisshealth, der sich im Auftrag der staatlichen Wirtschaftsförderung Osec um diesen «Medizinaltourismus» bemüht, ist davon nichts bekannt. Das Basler Universitätsspital zahlt dort nicht nur einen Jahresbeitrag von 50000 Franken, sondern ist mit der Marketing-Leiterin des Spitals Jutta Pils auch im Vereinsvorstand vertreten.

Das Memorandum of Understanding, das im vergangenen März zwischen Basel und Moskau feierlich unterzeichnet worden ist, sieht eine ganz andere Form der Zusammenarbeit vor: ein medizinisches Austauschprogramm für Ärzte und vor allem ein vertiefter Austausch in der klinischen Forschung. Das klingt gut und uneigennützig - ein Geschäft ist es dennoch.

Medikamente aus Russland

Mit einer «Pharmavision 2020» hat die russische Regierung vor zwei Jahren eine Offensive eingeläutet: Medikamente sollten vermehrt im eigenen Land produziert und vor der Marktzulassung in nationalen klinischen Tests geprüft werden. Russische Spitäler suchen deshalb intensiv den Kontakt zu westlichen Kliniken, um sich das Know-how dafür zu holen. Der Profit der Basler Ärzte: Über ihre neuen russischen Kollegen erreichen sie ein grosses Reservoir an Patienten, die ähnliche Krankheitsbilder aufweisen wie die Mitteleuropäer. Es werden Reihenuntersuchungen mit grossen Fallzahlen möglich - was sie wiederum für die im Hintergrund stehende Pharmaindustrie interessant macht.

Die Kooperation des Basler Unispitals mit den russischen Spitälern hilft der Basler Pharma, auch wenn sie darauf nicht angewiesen ist. Novartis etwa hat sich bereits eigenständig ihren Platz im aufstrebenden russischen Pharmamarkt gesichert: Bis 2014 will sie in St. Petersburg rund 500 Millionen Dollar in eine Produktionsanlage investieren.

Doch das Basler Unispital muss sich entscheiden: Entweder russische Patienten, deren Entourage nach Ansicht von Swisshealth ein Vierfaches zu den effektiven Spitalkosten in der regionalen Tourismusindustrie liegen lässt. Oder eine Kooperation im klinischen Bereich, was letztlich der Pharmaindustrie dient. Geht es nach der Disposition des obersten Chefs des Universitätsspitals, ist der Kurs entschieden: Michael Plüss, Verwaltungsratspräsident des Universitätsspitals Basel, war zuvor Spitzenmanager bei Novartis.