Noch immer klopft das Herz mir bis zum Hals, wenn ich an das morsche Gemäuer der Realschule denke. Längst ist das alte Haus verschwunden, jung geblieben sind die Erinnerungen an swingende und bleierne Zeiten. Ich erlebte noch das letzte Amtsjahr von Rektor Heinrich Weber. Der Alte hatte einen leichten Sprachfehler, und das klang dann so, wenn er «Frühlingsglaube» rezitierte: «Die linden Lüfte schind erwacht, schie schäuscheln und weben …» Ach. Wir hatten uns schnell an seine Sprache und seine versöhnliche Art gewöhnt. Nachfolger wurde «Althuus Heiri». Da wehte gleich ein anderer Wind. Wäre Gretchen bei uns gewesen, hätte sie ausgerufen: «Heinrich, mir graut vor dir.»

Ich will ihm nicht Unrecht tun, denn seine Stunden konnten amüsant sein, lehrreich waren sie immer. Doch wenn er schlechte Laune hatte, war fertig lustig. Noch höre und sehe ich ihn, wie er mich mit schneidender Stimme anbellte, derweil sein Schmiss im Gesicht bedrohlich zuckte: «Schweizer, gering!» Auf die Diagnose folgte ein Puff in den Rücken oder auf den Hintern. So ging das zu. Klaglos galt es, alles zu ertragen. Das allgemein harte Leben färbte auf uns Buben ab. In den Pausen und in der Freizeit prügelten wir uns gern und gaben uns rau und schnoddrig, auch den Mädchen gegenüber. Mobbing? Ein Fremdwort, wenn auch erste Liebeleien verschämt aufkeimten. Bei einer Aushilfelehrerin sangen wir frech und unanständig Schillers Balladen als Schnitzelbänke; eine Urform der Slam Poetry vielleicht.

Dann folgten jeweils die grossen Auftritte unserer attraktiven Klassenlehrerin Fräulein Tschopp. Sie nahm uns Buben hart ins Gebet und erklärte klipp und klar, wie wir uns dem andern Geschlecht gegenüber zu benehmen hätten. Sie hatte auch die Buben gern, zeigte viel Verständnis für unser durchgeknalltes Benehmen und gab uns, was zarte Bande betraf, manch guten Ratschlag. Für mich ist sie, zusammen mit Julia Gauss, eine der ersten praktizierenden Feministinnen des Baselbiets, ganz anders als die philosophierende Ikone Simone de Beauvoir.

Die Predigten der Lehrerin blieben haften. Am Ende der Schulzeit hatten wir das Rowdytum, den (heutigen) Vandalismus und die gockelhaften Allüren bereits hinter uns. Wir wurden alle «nützliche Glieder der Gesellschaft» in Berufen, Familien, Vereinen und Behörden. Was blieb mir von der Schule? Vielleicht das: männliche Tugenden und Ideale hochhalten, Fräulein Tschopps Rigorosität, aber auch ihre Zärtlichkeit zum Vorbild nehmen, Gewalt und Extremismus in jeder Form ablehnen, dennoch kein aquarelles Leben führen, die menschliche Art des alten Weber pflegen, Wehleidigkeit bekämpfen, den Humor und die Sinnlichkeit als Lebenselixiere bewahren, der Weltverlorenheit trotzen und galant zu Frauen sein. Maskuliner Glamour, wenn Sie wollen, oder die herbe Schwerkraft des Mannseins mit Klasse, Stil und Schlapphut. Schie schind mir wichtig.

Thomas Schweizer ist ein ehemaliger Lehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof und heute als Buchautor und Literat tätig. Er lebt in Füllinsdorf.