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Was macht der Bebbi-Sagg auf der Verpackung von ägyptischen Abfallsäcken?

Dieses Bild des hiesigen Bebbi-Saggs haben findige Ägypter in der Wikipedia gefunden.

Dieses Bild des hiesigen Bebbi-Saggs haben findige Ägypter in der Wikipedia gefunden.

Auf ägyptischen Abfallsäcken prangt ein Bild des Basler Bebbi-Saggs. Unsere Autorin wollte wissen warum. Und begab sich in einen Irrgarten aus Fragen.

«Guten Tag, ismi Susanna, sprechen Sie Englisch? Ähm, ich interessiere mich für das Design Ihres Abfallsackcovers. Es ist sehr schön. Warum haben Sie ihr Produkt mit dem Foto dieses blauen Sacks illustriert?»

Von den vielen missverständlichen bis absurden Telefongesprächen, die ich hier in Kairo schon geführt habe, gehört dieses mit einem Mitarbeiter der Firma Alfathplast zu den seltsamsten. Für uns beide. Und das für einmal ganz selbstinduziert.

Das blaue Stück Heimat

Warum rufe ich einer Abfallsackfirma an, um mit ihr über deren Coverdesign zu plaudern? Weil mich neulich im Metro-Quartierladen, inmitten von mir fremden und fremd angeschriebenen Produkten, wo ich kaum fähig bin, eine Milch zu kaufen (die letzte wurde auf dem Heimweg von der Hitze sauer – oder war sie vielleicht von Anfang an ein Joghurtdrink?), also hier zuhinterst in dieser Art ägyptischer Migros habe ich ein Stück tiefster Heimat entdeckt.

Auf dem Cover der Abfallsäcke der Firma Alfathplast mit Sitz in Kairo schwebt er luftig-lustig über einer saftig grünen Wiese voller Gänseblümchen: der Bebbi-Sagg. Dahinter stecken in Realität schwarze Säcke ohne Aufschrift. Ein rotes Band hält den Sack oben zusammen; man kann damit eine Schleife binden, wie beim Bebbi-Sagg. Deshalb heisst das Produkt «Abo Shereeta», was so viel bedeute wie «eine Schlaufe im Haar kleiner Mädchen», hab ich mir erklären lassen.

Begeisterung und Unverständnis

Der Alfathplast-Mitarbeiter ist sehr erstaunt über meine Sack-Frage. Die Antwort sei ja ziemlich klar, denkt er hörbar. Er sagt: Man habe jemanden damit beauftragt, das Cover mit einem Sack mit Schlaufe zu illustrieren und, allhamdullilah, es habe ganz viele passende Bilder im Internet gegeben. «We just got it from the internet.» Schon vor zehn Jahren. Ob ich ein Problem damit hätte? Nein, nein, aber es handle sich um einen Abfallsack meiner Heimatstadt, in Suisra, den one and only Bebbi-Sagg! Der Mitarbeiter kann meinen Enthusiasmus nicht ganz nachvollziehen, fürchtet vielleicht sogar eine sich anbahnende Copyright-Klage. Oder ist Copyright hier gar kein Thema? Ein anderes Abfallsackcover – das wird noch ein neues Hobby von mir – gefällt mir auch ausnehmend: Eine antike Ägypterin im weissen Gewand und ein antiker Ägypter mit nacktem Oberkörper – vielleicht ein Sklave? – beugen sich je über einen Abfallsack. Daneben steht etwas in Hieroglyphenschrift.
Trennte Ramses seinen Müll?

Es gibt Tausende von Büchern über Pyramidenbau, Mumien und Kleopatra. Aber wie hat man damals in dieser raffinierten Hochkultur den Müll entsorgt? Ich google «Pharaonen und Müllentsorgung» und finde nichts Schlaues. Und wie wird man eigentlich heute in Kairo dem Müll der gegen 25 Millionen Einwohner Herr? Nicht wirklich, wie ich sogar in unserem als vornehm geltenden Quartier beobachten kann, wo immerhin die streunenden Katzen und Hunde von den überall herumliegenden Abfallhaufen profitieren.

Mülltrennung als Beruf

Die Entsorgung von Tausenden von Tonnen Müll täglich sind im 21. Jahrhundert eine grössere Herausforderung als der Pyramidenbau in der vierten Dynastie vor 4500 Jahren. Sie wird zu einem grossen Teil von modernen Sklaven erledigt: Die Zabbalin, sogenannte Müllmenschen, trennen Tausende von Tonnen von Hand. Ihre Recyclingquote ist übrigens besser als diejenige in der Schweiz. Aber auch die Zabbalin bewältigen in dieser Stadt, die täglich um rund 200 Menschen wächst, höchstens die Hälfte des Mülls.

Das Bild vom properen Bebbi-Sagg auf der Blüemliwiese gibt da den Einwohnern des stinkenden Molochs Kairo Hoffnung, dass schon noch alles irgendwie gut kommt. Und ich habe eine Einladung bekommen: zum Besuch der Abfallsackfirma Alfathplast.

Die Basler Journalistin Susanna Petrin amtete noch unlängst als Kulturredaktorin bei der bz. Nun lebt sie in Kairo und meldet sich von dort hin und wieder zu Wort.

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