Am Brainconcert morgen Abend in der Basler Kuppel wird das Publikum auf Bildschirmen sehen, was im Kopf eines Musikers abgeht. Das Konzert ist Teil des Brain Festivals 2014, das im Rahmen des Europäischen Jahres des Gehirns durch die Schweizer Städte tourt, um der Bevölkerung die Funktionen und Krankheiten des Gehirns zu erklären.

Für den Zürcher Neuropsychologie-Professor Stefan Elmer ist dies eine Möglichkeit, die Erkenntnisse aus 30 Jahren Forschung einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Herr Elmer, Sie setzen Musikern eine Kappe mit Elektroden auf. Sind die Bilder, die entstehen, mehr als eine nette Illustration?

Stefan Elmer: Auf jeden Fall. Aber man muss sich bewusst sein, dass es eine Darstellung ist. Die Methode, das Elektroenzephalogramm, ist stark anfällig für Artefakte. Die Resultate, die die Zuschauer sehen werden, sind von der Muskelaktivität und den Augenbewegungen beeinflusst. Man müsste die Daten stark korrigieren, um sie zu verwerten. Dann allerdings erhält man genaue Angaben über die Aktivität in verschiedenen Hirnarealen.

Was passiert beim Musizieren?

Es ist eine der ganz wenigen Tätigkeiten, die das Hirn global stimulieren. Es sind fast alle Hirnareale beteiligt: die Hörrinde, die für die Motorik verantwortlichen Strukturen, das Sehzentrum, das Gedächtnis, sogar das Geruchszentrum.

Wie funktioniert das?

Wenn zum Beispiel jemand die «Vier Jahreszeiten» von Vivaldi hört, kann er sich vorstellen, wie die Jahreszeiten aussehen und welche Gerüche damit verbunden sind. Musik kann das emotionale Zentrum zum Glühen bringen – abhängig von der Vorerfahrung und Vorlieben.

Unterscheidet sich die Hirnaktivität bei Rap, Klassik und Pop?

Das ist so aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen an das Gehirn. Es ist weniger der Musikstil, die Komplexität und das Instrument haben grösseren Einfluss. Wenn jemand einen monotonen Rhythmus klopft, fordert dies das System weniger, als ein komplexes rhythmisches Muster. Klavier spielen ist ebenfalls komplexer, weil es die Koordination beider Hände braucht. Das sieht man alles.

Sieht man Unterschiede bei Profis und bei Laien?

Auf jeden Fall. Die Hirnstrukturen verändern sich mit der Anzahl Trainingsstunden, sie werden voluminöser. Aufgrund der Beschaffenheit der Hörrinde und der motorischen Strukturen kann man sagen, ob jemand eher ein Violinist ist oder ein Pianist. Auch die Sprachregionen verändern sich mit dem Üben.

Was macht die Musik mit den Hirnarealen des Publikums?

Das Hirn wird ganzheitlich aktiviert, das funktioniert nach dem Giesskannenprinzip und ist stark von der Autobiografie abhängig. Wenn jemand Klassik liebt, wird er andere Muster zeigen als jemand, der keinen Zugang hat. Und wenn die Person selber ein Instrument spielt, gibt es Aktivität in den motorischen Arealen. Allein durch das Hören werden diese aktiviert.

Was bringt diese Art der Forschung?

Das ist einerseits Grundlagenforschung, sie wird aber auch praktisch umgesetzt. Zum Beispiel für die Musiktherapie bei Schlaganfall-Patienten. Viele haben ein motorisches Problem. Durch Trommel und Klavier spielen wird die Motorik angeregt. Das ist sehr motivierend, weil die Patienten ein direktes Feedback erhalten und ihre Fortschritte sehen.

Brainconcert Kuppel, Mi, 12. Nov. 20 Uhr, mit Black Tiger und Victor Hofstetter & The Brotherhood Of Love und mehr. Für das Publikum gibts ein Experiment.