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Was taugen Pilz-Apps? Ein Selbstversuch auf dem Gempen

Kann ein Anfänger mit dem Smartphone essbare Pilze bestimmen? Besser als gedacht, sagt die Pilzkontrolleurin (ohne die es allerdings ein zünftiges Bauchweh gegeben hätte).

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Pilzen mit Smartphone-App – der Selbstversuch
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Pilzkontrolleurin Susanne Eggimann ist erstaunt, bewahrt den Journalisten aber vor üblem Bauchweh.
Zwei von drei mit der App bestimmte Pilzarten waren Volltreffer.
1,075 Kilogramm Schleiereulen, ein "hervorragender Speisepilz", ergeben ein gutes Pilzrisotto.

Pilzen mit Smartphone-App – der Selbstversuch

Martin Toengi

«Pilzsuche Ultra» heisst die App, die sich selbst als «Suchmaschine für Pilze» bezeichnet. Die Funktionsweise ist simpel: Kleine Zeichnungen von jeweils fünf verschiedenen Hut, Sporen- und Stielformen sowie die Gattung können angeklickt werden und schwups: Der Pilz ist bestimmt. Doch funktioniert das tatsächlich?

Ich mache mich auf das Gempenplateu, mit dabei ein Pilzkörbli und mein Handy. Erste Erkenntnis: Es hat tatsächlich viele Pilze im Wald, sehr viele sogar. Und da ist schon eine erste Gruppe Pilze. Nebelkappen, essbar, wie ich später bei Pilzkontrolleurin Susanne Eggimann erfahren werde. Für mich sind es einfach weisse Pilze mit leicht bräunlichem Hut, etwa so, wie man sie an einem Marktstand antreffen könnte. Ich zücke das Smartphone, klicke: Hut: flach, Lamellen, Stiel fasrig, weiss. Das Resultat: 86 verschiedene Sorten. In solchen Fällen heisst es, weitere Eingabekriterien eingeben. Geruch steht da, zur Auswahl «pilzig», «fruchtig/süss», «erdig» und fünf weitere Geruchsrichtungen. Meine Nase sagt: «Pilzig, halt». Auch irgendwie süss. Und erdig. Ich wähle aus und plötzlich spuckt das Smartphone nur noch eine Pilzsorte aus: Lepista Panaeolus, Horngrauer Rötelritterling, essbar. Die App liegt falsch, wie sich später herausstellt – aber nicht völlig daneben.

Nächste Pilzgruppe: Orange, so weit das Auge reicht, flacher Hut, Lamellen. Die App sagt: Lactarius Deliciosus, Edelreizker. «Sehr gute Bratpilze» steht in der Beschreibung – mir läuft das Wasser im Munde zusammen, als auch noch die Zusatz-Bestimmungstipps stimmen: Der Stiel sei hohl und die «Milch» grell orange.

Pilz des Jahres

Die dritte Pilzgruppe, die mir auf den ersten Eindruck einen guten Eindruck machte, sieht etwas gespenstig aus. Die Lamellen sind von einer dünnen, spinnwebenartigen Haut verdeckt, der Hut ist violett und schleimig, unten am Stiel eine Knolle. Knollenblätterpilz schiess es mir durch den Kopf, einer der wenigen tödlichen Pilze, auf englisch ehrlicher «Todeskappe» genannt. Aber die Pilze sehen zu verlockend aus, liegen gut in der Hand und es hat viele von ihnen. 1,075 Kilogramm, wie die Pilzkontrolleurin später feststellen wird. Ich gebe die eindeutigen Kriterien ein, die App: Cortinarius Praestans, in der Umgangssprache Schleiereule. «Gilt als sehr guter Speisepilz», steht dazu auf Wikipedia. Und dass er zum Pilz des Jahres 2010 gewählt worden ist. Ich sammle ein, was ich kriegen kann. Und mach mich auf nach Reinach, zur Pilzkontrolle.

Immer zur Pilzkontrolle

Susanne Eggimann hatte schon am Telefon gesagt, dass sie nicht viel von Pilzbestimmung durch Smartphone-Apps halte; sie hat sich aber bereit erklärt, an diesem Experiment mitzumachen. Und sie sagt, zu unser beider Erstaunen: Sowohl der Edelreizker als auch die Schleiereule sind einwandfrei bestimmt und gute Speisepilze. «Das sind allerdings zwei Pilzarten mit relativ eindeutigen Merkmalen. Es ist trotzdem toll, dass das geklappt hat.» Sobald es auf Nuancen ankomme, wie etwa bei meinem Erstfund, bei dem die App falsch lag, «kann es aber schnell gefährlich werden».

Tatsächlich gelingt es auch der PIlzkontrolleurin nicht, durch ihre Eingaben den richtigen Pilz zu entlocken; den sie übrigens innert Sekunden bestimmt hatte. Nicht durch Abarbeiten eines Fragekatalogs, sondern fast schon intuitiv, wie es mir scheint. An einem Pilz riecht sie, mit einem anderen fährt sie sich über die Wange, um dessen Rauheit zu prüfen. «Ich habe mir bei jedem Pilz zwei, drei eindeutige Merkmale eingeprägt; das kann ein einzigartiger Geruch sein, aber auch eine spezielle Konsistenz, die man unmöglich in eine App eingeben kann», sagt sie. Und betont, mit allergrösster Dringlichkeit das, was auch ich von diesem Pilztag mitnehme: Egal ob mit Buch, App oder Halbwissen bestimmt, vor dem Essen gehören alle Pilze immer in die Hände eines Pilzkontrolleurs.

Mit wenigen Klicks zur Bestimmung

Mit wenigen Klicks zur Bestimmung

Screenshot Pilzsuche Ultra