Basler Pop-Preis 2017
We Invented Paris sind nach dem Superflug auf einer Tanzfläche gelandet

Flavian Grabers Band We Invented Paris kombiniert Pop mit Gesellschaftskritik. Die Band ist für den Pop-Preis 2017 nominiert.

Rahel Koerfgen
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Tanzen und nachdenken: Flavian Graber, Mastermind von «We invented Paris», mit seiner Keytar.

Tanzen und nachdenken: Flavian Graber, Mastermind von «We invented Paris», mit seiner Keytar.

Roland Schmid

Eine Schönheit ist es nicht, das dunkelrote Ding mit den türkisgrünen Knöpfen. «Es hat was Peinliches an sich. Erinnert mich an Modern Talking, grusig», sagt Flavian Graber, und greift in die Tasten seiner Keytar. Einem Scherzartikel aus den 1980er-Jahren, möchte man denken.

Dann füllen aber wohlklingende, fast schon andächtige Synthie-Klänge den Proberaum in Liestal, der gar nicht wirkt wie einer, weil ausser einem Klavier und der Keytar nichts zu sehen ist, das Musik in sich trägt. «Tut mir leid, ist nicht wirklich repräsentativ. Das ganze Equipment ist im Bus, wir sind grade auf Tour», sagt Graber.

Wir, das sind We Invented Paris, kurz WIP, eine Band aus Liestal, Basel und weiter weg. Im Oktober wurde in Deutschland getourt, das dritte Album «Catastrophe» vorgestellt. Am 3. November ist Plattentaufe im Sommercasino in Basel.

Graber, der Sänger und Songwriter, das Mastermind der Truppe, die sich immer wieder neu formiert, ist bekannt für seine unkonventionellen Auftrittskonzepte: Die ersten Konzerte ab Ende 2010 fanden nicht in Clubs, sondern in Wohnzimmern der Schweiz und Deutschland statt. Die Couchsurfing-Tour bescherte WIP eine schnell wachsende Fanbase, besonders in Deutschland. Auftritte im deutschen TV und Indie-Radio sorgten für noch mehr Popularität im Nachbarland.

Nicht, dass er völlig durchgedreht sei, erinnerte sich Graber, «aber phasenweise schwebten wir ein paar Meter über dem Boden». Dazu passte der sphärisch anmutende Folk-Pop, den der heute 32-Jährige und seine Kumpanen spielten. Fast vier Jahre lang war WIP entweder unterwegs oder im Studio. Und dann wurde es plötzlich ruhig um die Band.

1 Mit welchem Musiker oder welcher Band möchtest du auf Tour gehen?

Mit Daft Punk, wenngleich sie nicht oft auf Tour sind. Sehr spannend, wie sie elektronische Sounds mit gespielten Instrumenten verbinden. Und sich im Studio austoben.

2 Was würdest du mit dem Preisgeld anstellen?

Schulden zahlen.. Aber das ist unsexy. Das Geld würde in die Produktion des nächsten
Albums fliessen.

3 Wenn We Invented Paris ein Tier wäre: Welches?

Ein Chamäleon, ganz klar!

4 Wer eure Musik hört, hat …

... einen hohen musikalischen Anspruch, ist aber kein verbohrter Hipster.

5 Wo landet ihr am liebsten nach den Auftritten?

Auf einer Tanzfläche.

Die Keytar gab den Kick

Zwei Jahre Abstand brauchte Graber, um sich neu zu spüren, zu landen. Sein zweites Kind kam in dieser Zeit zur Welt, und in einem Berliner Geschäft entdeckte er die Vintage-Keytar, die ihn aus der kleinen Schaffenskrise befreien und zum dritten Album führen sollte. «Ich hatte genug von der akustischen Gitarre, musste raus aus meiner Komfortzone.» Die Keytar habe ihm den Kick gegeben, ihn herausgefordert. Graber begann, an neuen Klangwelten zu tüfteln und Songs einzuspielen. Mehr als 70 Titel entstanden, gemeinsam mit Mitgliedern des Kollektivs.

Die Essenz: 13 Songs, zu finden auf «Catastrophe», dem Album, das einen totalen Richtungswechsel markiert. Die verträumten WIP sind nach dem Superflug auf einer Tanzfläche gelandet. Fröhliche Melodien unterlegt mit Synthie-Beats, die unweigerlich an Hits der 1980er erinnern.

Aber so einfach ist das nicht. Ist das glitzernde Discogewand und die Keytar abgelegt, offenbaren sich dem Hörer gesellschaftskritische Töne, die sich mit den unangenehmen Tatsachen der Realität, den Katastrophen auseinandersetzen und damit in krassem Gegensatz zur Musik aus dem Keytar-Kasten stehen. Der französisch gesungene Song «Touriste» etwa, der davon erzählt, dass wir uns alle als Touristen auf dieser Erde fühlen, nur kurz zu Besuch, und uns von den Problemen hier nicht betroffen fühlen. Kombiniert mit der banal-fröhlichen Melodie ist das Zynismus pur. Soll es auch sein. Graber sagt: «Tanzen und nachdenken, das schliesst einander nicht aus. Indem wir uns bewegen, befreien wir uns aus der Schockstarre. Das ist sehr lebensbejahend.»

Graber legt die Keytar beiseite, setzt sich in einen alten Sessel, versinkt ein bisschen darin. Ja, sicher sei er reifer geworden. Ihm ist bewusst, dass der Stilwechsel nicht allen gefallen wird. «Als Künstler musst du dich weiterentwickeln. Und hoffen, dass die Fans mitgehen.»

Bereits zum dritten Mal ist WIP für den Basler Pop-Preis nominiert, 2012 reichte es für den Publikumspreis. Heuer würde es Graber besonders ehren. «Wir haben für diese Platte das gemacht, worauf wir Lust hatten. Viel ausprobiert, viel gelacht, es war ein schöner Prozess. Dass das Resultat nun sehr kommerziell klingt, ist Zufall.»