Überalterung

Wegen hohem Altersdurchschnitt droht Region Basel Ärztemangel

Ein Drittel aller Praxisnhaber in Basel sind 60 Jahre alt oder älter.

Ein Drittel aller Praxisnhaber in Basel sind 60 Jahre alt oder älter.

Befürchtet wird in nächsten Jahren ein enormer Mangel in Basel. Grund zur Sorge ist der hohe Altersdurchschnitt der praktizierenden Ärzte. Ausgerechnet jetzt müssen über 70-jährige Ärztinnen und Ärzte neu ihre Fähigkeit mit einem Arztzeugnis belegen.

Felix Eymann (64), Präsident der Medizinischen Gesellschaft Basel (MedGes), schlägt Alarm: «In den nächsten sieben bis acht Jahren befürchte ich einen enormen Ärztemangel in Basel.» Grund für seine Sorge ist der hohe Altersdurchschnitt der praktizierenden Ärzte. 249 von 713 Mitgliedern der MedGes sind laut Eymann 60 (Jahrgang 1952) und älter. 107 der Ärzte sind sogar über 65 Jahre alt. «Rund ein Drittel der Praxisinhaber sind somit 60 Jahre und älter, was zu einem Engpass führen wird», rechnet Çhirurg Eymann vor.

Die Zahlen kennt auch Philipp Waibel, Leiter Gesundheitsdienste im Basler Gesundheitsdepartement. Einerseits betont er, dass die angeführten 713 praktizierenden Ärztinnen und Ärzte nur auf die Kantonsbevölkerung bezogen «eher einer Überversorgung» entsprächen. Die Basler Ärzteschaft erbrächte andererseits aber auch viele Versorgungsleistungen für die ganze Region: «Bezieht man die Zentrumsfunktion und die für die ausserkantonalen Patientinnen und Patienten erbrachten Leistungen mit ein, so kann es künftig wegen dieser regionalen Versorgungsleistungen in einzelnen Bereichen durchaus zu Engpässen kommen», urteilt Waibel. Voraussetzung sei, dass diese Zentrumsleistungen auch weiterhin erbracht werden sollen.

Über 70-jährige müssen ihre Fähigkeiten belegen

Die angespannte Situation ist Wasser auf die Mühlen der über siebzig Jahre alten Ärzte. Sie müssen dieses Jahr gemäss dem neuen Gesundheitsgesetz erstmals ihre Fähigkeit zum Beruf beweisen. «Mit dem Vollenden des 70. Altersjahres weist der/die Bewilligungsinhaber/-in durch ein ärztliches Zeugnis nach, dass sie oder er physisch und psychisch weiterhin zur selbstständigen Berufsausübung fähig ist.» Dann könne die Bewilligung jeweils um zwei Jahre verlängert werden, heisst es in Artikel 33. Die Regelung kam ins Gesundheitsgesetz, weil ältere Mediziner jungem Nachwuchs Platz machen sollten.

Die MedGes war gegen die Regelung und schlug als Kompromiss vor, die Bewilligungsdauer für ältere Ärzte von zwei zumindest auf fünf Jahre zu verlängern. Auch einer der Betroffenen, der bekannte Psychiater Raymond Battegay (85), ist nicht glücklich über die Altersgrenze: «Sie ist zu schematisch und geht nicht auf den einzelnen Arzt ein.» Er möchte weiterhin seine Erfahrung weitergeben – als Chirurg hätte er entschieden, aufzuhören.

Die Basler Gesundheitsdienste haben bereits im Frühling an einer Info-Veranstaltung bei der MedGes die neue Regelung bekannt gemacht : Mit 70 erlischt die Bewilligung eines Arztes zur selbstständigen Berufsausübung. Als Ausnahmen gelten eine Verlängerung der Bewilligung oder eine sogenannte Seniorenbewilligung, die allerdings nur für die Behandlung von Angehörigen und nahen Bekannten gilt.

Ärzte jeden Alters «besonders streng» überprüfen

Wer weiter praktizieren will, muss bei einem Arzt vorbestimmte Fragen zu seinem Gesundheitszustand beantworten. Die drei Fragen der Gesundheitsdienste betreffen zum einen den körperlichen Gesundheitszustand des über 70-Jährigen, der eine Tätigkeit als Arzt verunmöglichen kann. Zum Beispiel eine Gefässerkrankung des Gehirns, Parkinson oder beschränkte feinmotorische Fähigkeiten. Zum anderen geht es um psychische oder funktionelle Erkrankungen von Depressionen, Demenz bis zur Sucht wie zum Beispiel Medikamenten- oder Suchtmittelabhängigkeit. Schliesslich geht es um mögliche andere Gründe, die eine Tätigkeit verunmöglichen.

Im Grundsatz ist niemand dagegen, dass Ärzte ab 70 wie Autofahrer alle zwei Jahre einen Gesundheitscheck ablegen müssen. Ein besonders abschreckendes Beispiel ist ein amerikanischer Gefässchirurg (78), der nach einem Zwischenfall mit tödlichem Ausgang noch weitere vier Jahre weitherum operierte, bis ihn sein Berufsverband medizinisch abklären liess. Resultat: eine eingeschränkte Feinmotorik, ein vermindertes Gedächtnis und ein gestörtes räumliches Sehvermögen.

Alt-Regierungsrat Remo Gysin (67), Co-Präsident Graue Panther Nordwestschweiz, ist persönlich dafür, dass die Fähigkeit von Ärztinnen und Ärzten zur selbstständigen Berufsausübung im Interesse der Gesundheit ihrer Patienten «besonders streng» zu überprüfen seien: «Dies gilt aber für jedes Alter – unfähige Medizinalpersonen sollten nicht erst mit 70 gestoppt werden», betont Gysin. Gerade im Ärzteberuf seien die Diskriminierungen für junge Ärztinnen und Ärzte mit Zulassungsbeschränkungen wie für ältere Mediziner mit willkürlichen Altersgrenzen «generationenübergreifend», sagt Gysin.

«Viele sind fit und werden die Altershürde locker nehmen.»

Auch Baselland und Zürich kennen eine Altersgrenze 70, nach der ein ärztliches Zeugnis für eine neue Bewilligung vorgelegt werden muss. In Zürich für eine weitere Periode von drei, im Baselbiet wie in Basel von zwei Jahren. Anders in Deutschland: Dort wurde die Altersgrenze für Vertragsärzte von 68 Jahren 2008 «als Beitrag zur Versorgungssicherheit» wieder gestrichen.

MedGes-Präsident Felix Eymann ist wegen des drohenden Unterbestands froh, wenn viele ältere Basler Ärzte weitermachen und ihre Praxis nicht schliessen: «Viele sind fit und werden die Altershürde locker nehmen.»

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