Boykottaufruf

Wegen Israelreise der FHNW: Israelkritiker rufen zum Boykott auf

Die FHNW in Muttenz.

Die Fachhochschule in Muttenz sieht sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert. Ein Verein wirft der FHNW vor, die Rolle Israels im Nahostkonflikt falsch zu vermitteln und ruft zum Boykott eines Moduls auf.

Studierende der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) besuchen im kommenden Februar Israel. Das Reiseprogramm verspricht einen «Einblick in die Geschichte der Juden Israels» sowie in das Gesellschaftssystem. Der «Schmelztiegel Israel» wird gemäss dem Beschrieb der Lehrveranstaltung «über alle Sinne vermittelt: kulinarisch, musikalisch, visuell und berührungsmässig».

Die Israelreise der Schule für Soziale Arbeit der FHNW kommt nicht überall gut an. BDS Schweiz ruft zum Boykott des Moduls auf. Das Netzwerk schreibt in einem Flugblatt, das im Campus in Muttenz verteilt wurde, man habe «mit Befremden» von der Lehrveranstaltung Kenntnis genommen.

Sie lasse «entscheidende Punkte aus», zudem werde Israel beschönigend beschrieben. Die Situation der Palästinenser komme im Reiseprogramm mit keinem Wort vor – dabei handle es sich beim Staat Israel um ein «Apartheidsregime», zu vergleichen mit dem früheren Südafrika.

Die Teilnahme stehe im Widerspruch zum Berufskodex

BDS steht für «Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen». Das Netzwerk verfolgt das Ziel, Israel zu isolieren. Es handle sich um eine Besatzungsmacht, die Palästinenser diskriminiere. Die Kampagne nahm nach der Jahrtausendwende Fahrt auf. Es gibt Gruppierungen in zahlreichen Ländern und Städten. Der Schweizer Ableger hat seinen Sitz in Basel.

Aktivisten von BDS Schweiz tauchten am 15. Oktober in Muttenz auf. Sie sprachen im FHNW-Campus Interessierte an, welche die Informationsveranstaltung für die Studienreise besuchten.

Gemäss Flugblatt steht eine Teilnahme an der Lehrveranstaltung im Widerspruch zum Berufskodex der Sozialen Arbeit: Die sei den «Prinzipien der Menschenrechte, der Menschenwürde, der sozialen Gerechtigkeit, der Unterstützung bei der Verwirklichung des Anrechts auf existenzielle Bedürfnisse und dem Grundsatz der Integration verpflichtet.»

Der Boykottaufruf sei diskutiert worden

Israel verletze systematisch internationale Übereinkommen, «ohne dass dies in der Ausschreibung auch nur erwähnt wird.» Ein Blick in das Reiseprogramm zeigt: Geplant sind unter anderem Besuche von Museen und sozialen Einrichtungen sowie Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden.

Die Situation der Palästinenser kommt jedoch tatsächlich nicht vor. Roman Vonwil von BDS Schweiz schreibt auf Anfrage, die FHNW oder die Organisatoren der Reise hätten sich bisher nicht zur Kritik geäussert. Er weist darauf hin, weltweit würden Studierende, Forschende und Dozierende dazu aufgerufen, Anlässe in Israel selbst wie auch in den besetzten palästinensischen Gebieten nicht zu besuchen, «solange Israel seine diskriminierende Politik gegenüber den Palästinensern fortsetze».

Vonseiten FHNW heisst es, man habe sehr wohl auf die Vorkommnisse reagiert. Die Verantwortlichen der Hochschule für Soziale Arbeit hätten den Boykottaufruf in die Veranstaltung einbezogen und mit den Studierenden diskutiert, schreibt Renate Good, Kommunikationsverantwortliche der Hochschule.

Antisemitismus unter Deckmantel der Zionismus-Kritik

Die fünftägige Reise ist Teil der Veranstaltung «Sich auf Fremdes einlassen – Begegnungen mit Israel und dem Judentum». Kernthema der Reise ist laut Good die Frage, wie soziale Arbeit in Israel geleistet werde. «Bestehende Konflikte, Herausforderungen und aktuelle politische Ereignisse des Landes werden dabei einbezogen. Die Studierenden werden angeleitet, genau hinzuschauen, sich kritisch mit dem Land auseinanderzusetzen und sich eine Meinung zu bilden.»

Bislang haben sich laut FHNW keine Teilnehmenden abgemeldet. Die Reise finde wie vorgesehen statt.

Das begrüsst Walter Blum, Zentralsekretär der Gesellschaft Schweiz-Israel. Kritik an Israel sei legitim, sagt Blum. Derartige Aufrufe seien aber nicht dazu geeignet, Einfluss auf die Politik Israels auszuüben. «Weltweit werden immer wieder Bildungseinrichtungen und Künstler, die Veranstaltungen in Israel durchführen oder planen, massiv attackiert. Die Dimension ist mittlerweile beängstigend. Die Aktivisten sind teilweise richtiggehend besessen.» Unter dem Deckmantel der Zionismus-Kritik würde auch Antisemitismus verbreitet.

Gegen diesen Vorwurf verteidigt sich BDS Schweiz. Roman Vonwil schreibt: «Wir legen Wert auf die Feststellung, dass BDS nie zum Boykott von Institutionen, Produkten oder sonstigem aufruft, weil deren Urheber jüdisch sind.» Die Aufrufe würden sich gegen israelische und internationale Unternehmen richten, die sich an Menschen- und Völkerrechtsverletzungen durch den Staat Israel beteiligen.

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