Gemeinsam

Weihnachten für alle: Hier isst man in guter Gesellschaft

Zahlreiche Institutionen und Private bieten öffentliche Weihnachtsfeiern an. Die bz hat zwei davon besucht.

Von Schafen und ihren Hirten: Kundenweihnacht im Union

«Darf ich mich vorstellen?», fragt er. Er sei Hans, ein Schaf. Eines, das schon so manchen Schicksalsschlag überwunden habe – dank aufmerksamer Hirten in seinem Umfeld. Ein solcher ist auch der zurücktretende Vorsteher der Kundenweihnacht Hans Eberhard für seine Gäste – und dies seit über 40 Jahren. Seine Predigt, während der sich am Weihnachtsabend eine andächtige Stille über die Tafelnden legt, war die letzte ihrer Art.

Kurz vor fünf breitet sich unter den Wartenden vor dem Kleinbasler Quartierzentrum Union Unruhe aus. Zum ersten Mal wurden in diesem Jahr personalisierte Einladungen verschickt. Nun fürchten einige um ihren Platz an der Feier, die Jahr für Jahr ihren festen Platz einnimmt – und dies nicht nur in ihrem Kalender. «Wo können wir sonst Weihnachten feiern?», fragt sich Olaf Becker, der einen betagten Herrn an die Feier begleitet. Hier spiele die Herkunft keine Rolle, lobt Becker den Anlass, dem jährlich Hunderte Basler Alleinstehende und Randständige beiwohnen. Wenig später lässt sich für alle ein Platz finden. Becker winkt uns erleichtert zu.

Freundlichkeit als Weihnachtsgeschenk

Die Ehrenamtlichen servieren den Hauptgang – Schinkli, Kartoffeln und Salat. Jeden der Gäste gleich und mit Respekt zu behandeln, sei ihr wichtig, sagt Regula Hofer, die seit ihrem 15. Lebensjahr mithilft. «Viele legen an Weihnachten Geschenke unter den Baum», sagt ihr Kollege. Für die Menschen da zu sein, sei jedoch das schönste Geschenk. Geborgenheit wolle man schenken, sagt auch Eberhard: «Es sind die vielen Einzelschicksale, die mich bewegen.» Einige der Gäste seien auch privat zu seinen Freunden geworden.

Wir treffen auf zwei Pensionäre, die sich jedes Jahr hier treffen. «Das ist mein Abend», sagt Fritz Martin. Dies respektiere auch seine Frau, die den 25. Dezember auf ihre Weise feiere. «Die Unterhaltung ist immer toll», schwärmt sein Freund, der sich als «Quäcki» vorstellt. Beide schwelgen in Erinnerungen – Musiker Alfred Rasser sei eines der Highlights gewesen. Ein junger Mann bestellt Nachschub. Seine Mutter neckt ihn liebevoll mit seinem grossen Appetit. Die Mutter der Mittvierzigerin wurde von ihrem Mann verlassen, ihr erging es mehr als ein Jahrzehnt später ähnlich. Als alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen sei jeder Tag ein Existenzkampf.

Sichtlich gezeichnet ist auch ein Geschwisterpaar – beide verloren vor kurzem ihre Partner. «Dies ist ein kleines Stück Weihnachten», sagt die betagte Dame tonlos. Zur Weihnachtsgeschichte verstummen die Gespräche. Ein Mann schliesst seine Augen und öffnet sie erst wieder als «O du Fröhliche» erklingt. Er habe von einem Tag auf den anderen alles verloren und lebe auf der Strasse. Heute sei er dankbar für ein warmes Mahl, ein paar herzliche Worte und die Gewissheit, dass er nicht allein sei. «Irgendwie muss ich mich ja retten», sagt er und stimmt zuversichtlich in den Gesang ein.

Tanja Opiasa-Bangerter

 

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Niemand soll alleine sein: Mit Fremden in der guten Stube

«Mama kommt gleich», sagt Jonas Müller und bittet einen nach einer kurzen Begrüssung ins Haus. Dass der Elfjährige der Erste ist, dem der Schreiber begegnet, hat etwas Symbolisches. Denn Jonas hatte einst die Idee, dass seine Mutter an Heiligabend fremde Leute zu sich nach Dittingen einladen sollte, damit diese Weihnachten nicht alleine verbringen. «Ich habe einen sehr sozialen Sohn», bestätigt Tamara Franziska Müller. «Wir haben auch Weihnachtsgutzi für die Obdachlosen in Basel gebacken und seit sieben Jahren laden wir Menschen an Heiligabend ein», erzählt die 36-Jährige.

In diesem Jahr finden Astrid aus Bern, Regula aus Pratteln, Toni aus Arlesheim sowie Jacqueline mit Tochter Ayla und Enkelin Larsia aus Basel den Weg ins Laufental. Dazu sind auch Tamara Franziska Müllers Ex-Partner Marcel und Nachbar Gérard erstmals dabei. Die freundliche Aura der Gastgeberin lässt alle von Beginn weg spüren, willkommen zu sein.

Beim Apéro sind die ersten Themen praktisch vorgegeben. So erzählen die Gäste, weshalb sie gekommen sind. «Ich dachte einfach, wieso immer zu den Eltern gehen?», sagt Regula. Der Kontakt zu Müller ist bei allen Gästen via Social Media entstanden. «Wir sind seit ein paar Jahren auf Facebook befreundet, aber heute sehen wir uns zum ersten Mal», lacht Astrid. Ebenfalls gemeinsam haben alle, dass sie sich kurzfristig angemeldet haben. «Planungssicherheit ist eine Illusion», meint Tamara Franziska Müller lachend.

Gesellschaftsspiele bis um vier Uhr morgens

Weil ungewiss ist, wie sich der Abend entwickelt, besteht die Möglichkeit zu übernachten. Und weil jeder willkommen ist, gibt es auch keinen typischen Besucher an diesem Weihnachtsessen. «In der Vergangenheit waren es mehr Frauen als Männer», ist die einzige Eingrenzung, welche die Gastgeberin liefern kann. Niemand hat zweimal teilgenommen. «Innerhalb eines Jahres kann sich die Lebenssituation halt ändern», erklärt die Dittingerin und verrät, dass sie mit allen Gästen der Vorjahre immer noch Kontakt hat.

Die Zeit beim Apéro vergeht wie im Flug. Bald steht das Essen an, das erstmals komplett aus Spenden finanziert wird. «Private und Firmen wie Crazy Cheese (ein Raclettestand in Aesch, die Red.), Ricola oder Otto’s waren in diesem Jahr sehr grosszügig – ich war überwältigt», gesteht Tamara Franziska Müller. Sie berichtet von Menschen, die am Vorabend Desserts vorbeigebracht haben. Nach dem Essen erhalten alle eine Geschenktasche mit Präsenten, welche die 36-Jährige besorgt hat. «Mittlerweile weiss ich, was gut ankommt», sagt die Gastgeberin und verabschiedet sich vom Journalisten.

Am Weihnachtstag meldet sich die Laufentalerin per SMS: Bis um 4 Uhr in der Früh hatte die Runde bei Gesellschaftsspielen verbracht und am nächsten Morgen gemütlich zusammen gebruncht. «Es war ein wundervoller Abend», so Müller. Ihre Gäste dürften gleicher Ansicht sein.

Alan Heckel

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