Tausende Familien sassen unter ihren geschmückten Tannen und assen Filet im Teig, als am Weihnachtsabend vor einem Jahr ein Flugzeug mit einer achtköpfigen syrischen Familie in Basel landete. Sie konnte von einer Aktion profitieren, die es kriegsbetroffenen Familien mit Angehörigen in der Schweiz erleichterte, ein Visum zu erhalten. In der Zwischenzeit ist aus der achtköpfigen eine neunköpfige Familie geworden. Den Eltern wäre es recht, das sechsmonatige Baby würde die eigentliche Heimat nicht sehr bald zu Gesicht bekommen. Oder vielleicht auch nie.

Traum vom Velofahren erfüllt

Es riecht nach angebratenen Zwiebeln und Thymian in der Küche des Sigristhauses der katholischen Heiliggeistkirche im Gundeldingen-Quartier. Auf dem Tisch stehen Gewürze, Tomaten, Reis und Pouletschenkel bereit.

Die Kirche stellt das Haus der Flüchtlingsfamilie bis auf weiteres zur Verfügung. Das älteste der sieben Kinder, die 16-jährige Najah, steht zusammen mit Mutter Khalat am Herd und röstet Cashewnüsse. Abends hilft sie beim Kochen. Manchmal ist es etwas viel für sie, neben dem Deutschlernen und den Hausaufgaben im Haushalt helfen zu müssen. Doch es gehöre dazu. Sie hat in dem einen Jahr viel gelernt, spricht aber nach wie vor gebrochen Deutsch.

Es scheint sie zu fuchsen, wenn sie nach einem Wort ringen muss; etwa, wenn sie sagen will: «Ich habe Angst, mit dem Fahrrad in eine Tramschiene zu geraten.» Es ist das Wort «Tramschiene», das ihr nicht gleich einfallen will. Mit Zeichen erklärt sie es. Und ihr Strahlen reicht aus, um zu erkennen: «Velofahren ist das Grösste für mich.» Jemand von der Kirche hat ihr das Fahren beigebracht. Bloss allein traut sie sich noch nicht auf die Strasse. Der Vater oder ein Bruder begleitet sie dann.

Während in benachbarten Häusern zurzeit Weihnachtssterne leuchten, ist es bei dieser Familie der Fernseher, der buntes Licht in das Wohnzimmer bringt. Auf einem kurdischen Sender informieren sie sich über das, was gerade geschieht in der Heimat. «Das ist nicht gut», sagt einer der Söhne. «Syrien gar nicht gut.» Gern würde die Familie in der Schweiz bleiben, am liebsten in diesem christlichen Haus, wo sie sich so gut eingelebt hat. «Viel Platz hier, wir grosse Familie», sagt der Vater. Und Najah präsentiert stolz das in rosa Farben gehaltene Zimmer, das sie mit der siebenjährigen Schwester teilt.

Einer der Teenager spricht besser und sicherer Deutsch als die anderen. Er gehört nicht im Sinne einer Blutsverwandtschaft zur Familie, ist aber jederzeit willkommen im Sigristhaus. Saleh ist schon länger hier. Er kam vor über einem Jahr als 14-Jähriger allein nach Basel. «Mein Vater ging verloren, meine Mutter und meine vier Geschwister sind noch in Syrien.» Er vermisse sie.

Geborgenheit und Dolmetscher

Saleh lebt in einem Heim mit anderen jugendlichen Flüchtlingen. Er ist der einzige Syrer dort, die meisten anderen Jungen kommen aus Afrika. Mit denen spreche er Deutsch, daher habe er so rasch gelernt. In der Schule begegnete er Najah und ihren Brüdern. Sie freundeten sich an. Die Familie gibt ihm Geborgenheit, er kann manchmal als Dolmetscher aushelfen. Der Vater sei glücklich, eine Beschäftigung in der Brockenstube gefunden zu haben, übersetzt Saleh. Selber sagt dieser: «Zu Hause bleiben nicht gut, gar nicht gut.»

Den Weihnachtsabend aber wird die Familie in ihrem Basler Zuhause verbringen. Zwar ohne Tannenbaum, denn als Muslime haben diese kurdischen Syrer keine Verwendung für dieses Symbol; dennoch werden Mutter und Tochter etwas Spezielles zu Tisch bringen. Die Familie wird sich erinnern, wie sie vor genau einem Jahr ankam. Und beten, dass sie bleiben darf.