Jahrelang stieg die Gymnasialquote in Basel-Stadt. Im vergangenen Jahr erreichte der Stadtkanton einen Spitzenwert. Fast die Hälfte aller Sekundarschüler wechselte ans Gym. Das ist nicht im Sinn von Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP). Bei der Harmos-Reform, zu der das Basler Stimmvolk 2010 ja sagte, galt das Ziel: Ein Drittel der Primarschüler soll ins Progymnasium, ein Drittel in die zweitstärkste Leistungsstufe E, ein Drittel in den leistungsschwächsten Zug A. Von diesem Ziel weit entfernt, ordnete Cramer für dieses Schuljahr zwei Massnahmen an.

Erstens: In der 6. Primar müssen die Schüler sowohl im Winterzeugnis als auch im Sommerzeugnis den nötigen Schnitt haben, um ans Progymnasium wechseln zu können. Zweitens: Der Klassendurchschnitt darf in den Sekundarschulen in den einzelnen Fächern im Zeugnis nicht über 5,0 liegen. Dies als Reaktion auf einige Lehrer, die allzu milde benoteten. Ein Sekundarlehrer habe etwa im Zeugnis vier Fünfer, vier Fünf-bis-Sechser und 16 Sechser verteilt, wie das Erziehungsdepartement Ende vergangenes Schuljahr feststellte.

Die Zahlen sprechen für Cramer

Doch gerade das Notenband wurde von den Lehrern kritisiert. Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt, sagte gegenüber der bz, dass die Lehrer solcherlei Vorgaben nicht bräuchten. «Wir stellen nicht am Fliessband Schrauben oder Nägel her.» Von oben verordnete Massnahmen würden rasch missverständliche Signale setzen und seien von kontraproduktiver Wirkung, sagte er. Was es brauche, seien gute Gespräche unter den Pädagogen und eine schulübergreifende Feedback-Kultur.

Die harten Fakten sprechen allerdings für Cramer. In diesem Jahr schafften es nur noch 38,62 Prozent der 6.-Klässler in den P-Zug. Das sind fünf Prozent weniger als im vergangenen Jahr. 33 Prozent wurden in den E-Zug eingeteilt, 27 Prozent in den A-Zug. Gleich 73 Primarschüler wurden Opfer der verschärften Anforderungen, wie es auf Anfrage heisst. Das sind immerhin fünf Prozent - oder im Schnitt pro Klasse ein Schüler oder eine Schülerin.

Bereits Wirkung zeigt auch das Notenband auf der Sekundarstufe. Im vergangenen Jahr hatten 48 Prozent der Sekundarschüler eine definitive oder provisorische Qualifikation fürs Gymnasium bekommen – 2019 sind es noch 43 Prozent, wie der Sprecher des Erziehungsdepartements, Simon Thiriet, sagt.

Unmotivierte Schüler

Eltern und Schüler scheinen die strengere Bewertung zu akzeptieren – zumindest gehen sie nicht juristisch gegen die Lehrer und den Kanton vor. Lediglich drei Rekurse gegen die Zeugnisse von 6.-Klässlern seien eingegangen, sagt Thiriet. Keine Eltern seien anwaltschaftlich vertreten gewesen. Aus Lehrerkreisen ist allerdings zu erfahren, dass die Massnahmen auch negative Konsequenzen gehabt hätten.

«Einige Schüler haben die Motivation verloren, als nach dem Winterzeugnis feststand, dass es nicht für den P-Zug reicht», sagt Jean-Michel Héritier auf Anfrage. Er ist auch der Meinung, dass der gestiegene Notendruck für viele Schüler kontraproduktiv sei. Héritier ist sich nicht sicher, ob die Quote der Progymnasiasten und Gymnasiasten wegen der Massnahmen der Erziehungsdirektion gesenkt worden sei – oder einfach, weil die Lehrer sensibler geworden seien bei der Notenverteilung und «genau hingeschaut» hätten.