«Jeder Weiler mit Vernunft und Geist meidet am Samstag das Rheincenter», sagt Wolfgang Dietz (CDU), Oberbürgermeister von Weil am Rhein. Jeder zweite Kunde des Einkaufszentrums am Basler Grenzübergang Hiltalingerstrasse kommt aus der Schweiz, weitere 20 Prozent aus Frankreich. Am Samstag brummt hier der Laden derart, dass es manchem Einheimischen zu viel wird.

Der Weiler Oberbürgermeister nahm Anfang der Woche in Freiburg im Breisgau an einer Veranstaltung mit dem Titel «Einkaufstourismus - quo vadis?» teil, welche die dortige Regiogesellschaft zusammen mit der «Badischen Zeitung» organisiert hat. Dietz ist sich bewusst, dass es Weil im Unterschied zu vielen anderen deutschen Städten, insbesondere im Osten, sehr gut geht. Auch sprach er sich mit Nachdruck für die Zusammenarbeit mit den Schweizer Nachbarn aus: «Wir brauchen uns gegenseitig.» Er nutzte aber auch die Gelegenheit, auf Schwierigkeiten hinzuweisen, welche die Nähe zu Basel bringt.

Zwei Drittel ohne Schweizer Lohn

«Die Animositäten wachsen», sagte er und führte dies neben dem Einkaufstourismus auch auf das hohe Basler Lohnniveau zurück. Von derzeit 31'400 Einwohnern arbeiten 4'500 als Grenzgänger in der Schweiz – das ist ein Drittel der Werktätigen. «Die übrigen zwei Drittel haben keine Schweizer Löhne, aber sie müssen mit den hohen Lebenshaltungskosten leben», führte er aus. Diese machen sich im Grenzraum vor allem in der Gastronomie, den Mieten, den Immobilien- und Hotelpreisen bemerkbar.

«Manche deutsche Unternehmen müssen deshalb bei den Löhnen nachziehen», ist Dietz aufgefallen – etwas, was für die Stadt, das Land und den Staat nicht möglich sei, da die Gehälter unabhängig vom Arbeitsort die gleichen seien. So sucht Weil am Rhein händeringend drei Tiefbauingenieure. Früher seien die Arbeitskräfte aus Mecklenburg Vorpommern, dem Nordosten Deutschlands, gekommen und zumindest einige Jahre geblieben. «Jetzt aber gehen sie direkt in die Schweiz.» Weil am Rhein wächst jedes Jahr um 300 bis 400 Einwohner. «Unsere grosse Aufgabe ist deshalb der Wohnungsbau.» Es gelte, so bezahlbaren Wohnraum für die Einwohner ohne Schweizer Löhne zu schaffen.

16 Milliarden Franken fliessen ab

Die Impulsreferate von Manuel Friesecke, Geschäftsführer der Regio Basilienis, und Gabriell Barell, Direktor des Basler Gewerbeverbands, verdeutlichten die Schwierigkeiten des Basler Detailhandels und Gewerbes. «Elf Milliarden Franken an Schweizer Kaufkraft fliessen pro Jahr ins Ausland ab», sagte Friesecke. Barell ergänzte: «Mit den fünf Milliarden für die Gastronomie ist man bald bei 16 Milliarden.»

Der Hype beim Einkaufstourismus ist dabei eindeutig durch den sinkenden Euro-Kurs ausgelöst worden. Lag er noch 2009 bei 1,52 Franken, zahlt man heute nur noch 1,10 Franken für einen Euro. «Die Ausfuhrzettel für die Erstattung der Mehrwertsteuer in Deutschland haben von 6,4 Millionen im Jahr 2008 auf 15,7 Millionen im Jahr 2014 zugenommen. Das ist ein Plus von 147 Prozent», erläuterte Friesecke und fuhr fort: «Heute gehen 57 Prozent der Schweizer Haushalte mindestens einmal im Monat im Ausland einkaufen. Das Hauptmotiv sind die günstigeren Preise.»

Als ausgesprochen positiv für die deutsche Grenzregion beurteilte Olaf Kather, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Südbaden, den Einkaufstourismus. «Ohne das Geld aus der Schweiz hätten wir Umsatzrückgänge von vier bis fünf Prozent», betonte er im Hinblick auf die wachsende Konkurrenz durch das Internet. In den nächsten fünf Jahre würden die Onlineanbieter dem deutschen Detailhandel 30 Prozent Umsatz abnehmen. «Durch die Nähe zur Schweiz bleibt er hier stabil.»