Bildung
Weiterbildungsschule funktioniert mit Wochenplan statt Frontalunterricht

In der Basler Weiterbildungsschule Leonhard läuft ein Pilotprojekt: Die Schule wendet sich vom Frontalunterricht ab und setzt auf individualisierten Unterricht. Der Versuch hat bisher positive Folgen.

Pascale Hofmeier
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Für Frontalunterricht-Sequenzen, die heissen im Pilotprojekt Input, setzen sich die Schülerinnen und Schüler an den grossen Tisch. hpa

Für Frontalunterricht-Sequenzen, die heissen im Pilotprojekt Input, setzen sich die Schülerinnen und Schüler an den grossen Tisch. hpa

Die Wände sind vollgeklebt mit Fussball-Postern, in der Ecke steht ein Sofa, an der Decke hängen orangefarbene Tücher und der Lärmpegel ist beachtlich. Beschrieben ist kein Jugendraum, sondern eines der Schulzimmer, die zum Projekt 4i an der Weiterbildungsschule (WBS) Leonhard gehören. Die vier I stehen für individuell, integrativ, interdisziplinär und interaktiv. Seit 2009 läuft das Pilotprojekt. Beteiligt sind vier 8. und 9. Klassen mit insgesamt 72 Schülerinnen und Schülern der Niveaus A und E. Die Art, wie der Unterricht organisiert ist, hat nur noch wenig mit dem Frontalunterricht zu tun, den viele aus ihrer eigenen Schulzeit kennen.

Gaudenz Löhnert, Schulleiter an der WBS Leonhard, im Interview Herr Löhnert, warum haben Sie mit dem Pilotprojekt begonnen? Wir suchten nach neuen Wegen, um unsere Ressourcen besser zu nutzen. Es war sehr schwierig, für das Niveau A Lehrpersonen zu finden. Es hatte in den Klassen jeweils viele Kinder mit Migrationshintergrund und auf der sozialpädagogischen Ebene gab es viele Frusterlebnisse. Was ist jetzt anders? Wir haben den Unterricht individualisiert und die Lerngruppen durchmischt. Die Jugendlichen sitzen dort, wo sie auch sozial gut funktionieren. Die Gruppe mit vier Klassen ist viel grösser, da ist es wahrscheinlicher, dass sich jeder mit jemandem anfreundet. Das nimmt den sozialen Druck. Wie ist das für die Lehrer: Haben sie in der offenen Struktur noch eine Kontrolle? Ja, jeder kennt alle Jugendlichen. Das Kollegium wird durch das Teamteaching entlastet. Die Jahresarbeitszeit ist auch anders verteilt, pro Lektion sind die Lehrer eine Viertelstunde länger da. Dies muss aber immer wieder von neuem ausgehandelt werden. Wird nicht mehr abgeschrieben, wenn die Schüler nach Wochenplan arbeiten? «Bschiisse» kann man auch im normalen Unterricht. Das hat wohl jeder von uns gemacht. Und wie wird benotet? Ganz normal über Tests und Noten. Wir unterrichten in sogenannten Epochen. Jeweils in zwei Wochen werden zwei Fächer intensiv bearbeitet. Zahlt sich der umorganisierte Unterricht aus? Ja. Ich habe weniger Problemfälle aus dem Projekt 4i als aus klassischen A- Klassen. Und im Lehrer-Team des Projektes gibt es eine hohe Arbeitszufriedenheit. (hpa)

Gaudenz Löhnert, Schulleiter an der WBS Leonhard, im Interview Herr Löhnert, warum haben Sie mit dem Pilotprojekt begonnen? Wir suchten nach neuen Wegen, um unsere Ressourcen besser zu nutzen. Es war sehr schwierig, für das Niveau A Lehrpersonen zu finden. Es hatte in den Klassen jeweils viele Kinder mit Migrationshintergrund und auf der sozialpädagogischen Ebene gab es viele Frusterlebnisse. Was ist jetzt anders? Wir haben den Unterricht individualisiert und die Lerngruppen durchmischt. Die Jugendlichen sitzen dort, wo sie auch sozial gut funktionieren. Die Gruppe mit vier Klassen ist viel grösser, da ist es wahrscheinlicher, dass sich jeder mit jemandem anfreundet. Das nimmt den sozialen Druck. Wie ist das für die Lehrer: Haben sie in der offenen Struktur noch eine Kontrolle? Ja, jeder kennt alle Jugendlichen. Das Kollegium wird durch das Teamteaching entlastet. Die Jahresarbeitszeit ist auch anders verteilt, pro Lektion sind die Lehrer eine Viertelstunde länger da. Dies muss aber immer wieder von neuem ausgehandelt werden. Wird nicht mehr abgeschrieben, wenn die Schüler nach Wochenplan arbeiten? «Bschiisse» kann man auch im normalen Unterricht. Das hat wohl jeder von uns gemacht. Und wie wird benotet? Ganz normal über Tests und Noten. Wir unterrichten in sogenannten Epochen. Jeweils in zwei Wochen werden zwei Fächer intensiv bearbeitet. Zahlt sich der umorganisierte Unterricht aus? Ja. Ich habe weniger Problemfälle aus dem Projekt 4i als aus klassischen A- Klassen. Und im Lehrer-Team des Projektes gibt es eine hohe Arbeitszufriedenheit. (hpa)

Keystone

Multitasking für die Lehrerin

Statt an der Tafel zu dozieren, sitzt Lehrerin Ofrah Hill inmitten ihrer Schüler und korrigiert die Aufgaben, die zwei Schülerinnen selbstständig gelöst haben. In der Ecke diskutieren drei Jungs über Fussball, andere arbeiten konzentriert an ihrem Wochenplan und einer verlangt etwas zu laut: «Frau Hill, wo sind die Klebestreifen?», während zwei andere sich gegenseitig knuffen. «Hört auf», weist Hill sie zurecht. «Aber er hat ...», setzt die Schülerin an. «Ich diskutiere nicht. In der Schublade sind sie nicht. Wer hatte die ‹Chläbi› zuletzt?» Die Lehrerin, immer an mehreren Fronten gleichzeitig präsent, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Noch drei Minuten, dann ist die sogenannte Freiarbeitszeit zu Ende. Ab gehts, in die bewegte Pause. Ein Spaziergang durch die Altstadt steht an. Bewegte Pause gibt es an Tagen ohne Sportunterricht.

Ein Plan pro Woche

«Der grösste Unterschied zu klassischem Unterricht ist, dass wir nach Wochenplan arbeiten», erklärt Christian Elsässer, einer der Leiter des Pilotprojektes. Die Schülerinnen und Schüler erhalten zum Wochenbeginn eine Liste mit den Aufgaben, die sie bewältigen müssen. Für jeden Punkt auf der Liste braucht es eine Unterschrift. Ein Teil der Aufgaben wird in Freiarbeitszeit erledigt. Dann können die Jugendlichen auch mal über TV-Serien und Fussballspieler diskutieren oder auf dem Sofa fünf Minuten ausruhen. Ruhe im Raum herrscht in der Stillarbeitszeit.

Wer bis Ende Woche nicht fertig ist, geht auch am Freitagnachmittag zur Schule. Klappt es dennoch nicht, gibts einen Brief an die Eltern. «Das verlangt von den Jugendlichen Engagement, dafür kann jeder in seinem eigenen Tempo arbeiten», sagt Elsässer. Das Ziel der Organisation über die Wochenpläne ist, dass die Schüler alle Aufgaben in der Schule erledigen. Hausaufgaben gibt es keine.

Schüler sind sich uneins

Im orangefarbenen Zimmer sind die Arbeitsplätze der Schüler entlang der Wand angeordnet, in der Mitte steht ein grosser Tisch. Während der Inputs – das sind kurze Frontal-Unterrichtssequenzen – sitzen die meisten am grossen Tisch, einige bleiben an ihren Arbeitsplätzen. Mathematik steht auf dem Programm, die Potenzregeln. Nach 20 Minuten dürfen sich die Schülerinnen und Schüler des Niveaus A ihren Wochenplänen widmen – oder weiter zuhören. In der letzten Viertelstunde bleibt für alle Zeit, Aufgaben zu lösen.

Bahattin setzt sich aufs Sofa: «Ich bin schon fertig mit dem Wochenplan.» Er und Erduan sind sich einig: Wochenplan ist viel besser als normaler Unterricht. «An der OS hatte ich schlechte Noten, nun bin ich viel besser und gehe wieder gerne zur Schule.» Anders sehen das Milena und Margi. Sie mochten den klassischen Unterricht besser: «Man muss trotzdem zu Hause arbeiten», sagt Margi, «wenn ich mich in der Schule nicht anstrenge.»

In Basel gibt es an zwei staatlichen Schulen Projekte, die individualisiertes Lernen fördern. Neben der WBS Leonhard läuft am Gymnasium Bäumlihof das Projekt GBplus. Dort wechseln traditioneller Unterricht und individualisiertes Lernen ab. In der Stadt ist vorgesehen, im neuen Sandgruben-Schulhaus und im Rahmen der Gesamtsanierung des Theobald Baerwart Lernlandschaften, grosse Gemeinschaftsräume mit Arbeitsplätzen zu bauen, und so auch räumlich offene Strukturen für den individualisierten Unterricht bereitzustellen. Teilweise wird es nach Auskunft des Erziehungsdepartementes Lernlandschaften in den Schulhäusern Leonhard und Vogesen/Pestalozzi geben. Die Unterrichtsform wird an vielen Schulen diskutiert, auch im Baselbiet gibt es entsprechende Pilotprojekte.

Die Zukunft der Schule?

Und auch in den Feuilletons wird debattiert. Zum Beispiel fordert der deutsche Philosoph Richard David Precht in seinem neuen Buch eine Revolution in der Schule: Diese soll Kinder nicht belehren, sondern ihnen helfen, sich selbst etwas beizubringen und dies nicht in uniformem Tempo, sondern individuell. Und in Zusammenhängen, nicht in einzelnen Fächern. Dies sind drei von zehn Thesen, die er in der aktuellen Ausgabe der «Zeit» postuliert.

Ist also die Art, wie im Projekt 4i unterrichtet wird, die Zukunft? Elsässer relativiert: «Solche Projekte müssen von den Lehrern mitgetragen werden, sonst funktioniert es nicht.» An der WBS Leonhard wurde das Konzept von den Lehrern und der Schulleitung entwickelt. Elsässer ist überzeugt, dass der individualisierte Unterricht viele Vorteile hat, auch wenn es unruhiger ist als in einem traditionellen Klassenzimmer. «Es bringt nichts, sich darüber zu ärgern. Das gehört dazu.»

Vorteile sieht auch Ofrah Hill: «Die Schüler merken, dass Nichtstun sie nicht weiterbringt. Das gibt ihnen eine grosse Verantwortung.» Dadurch, dass die Niveaus durchmischt und auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen integriert seien, würden Minderwertigkeitsgefühle abgefedert. «Unabhängig vom Niveau können wir so das Beste aus jedem herausholen.»